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Full text of "Der Methodismus in Deutschland : ein Beitrag zur neusten Kirchengeschichte"

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DER METHODISMUS 
IN DEUTSCHLAND 

EIN BEITRAG 
ZUR NEUESTEN KIRCHENGESCHICHTE 



VON 

JOHANNES JÜNGST 

EM. PFARRER IN BONN 



DRITTE AUFLAGE 



VERLAG VON ALFRED TÖPELMANN 

(VORMALS J. RICKER) — GIESZEN — 1906 



ALLE RECHTE VORBEHALTEN. 



Druck von 0. G. Röder G-. m. t>. H., Leipzig. 



Inhalts Verzeichnis. 

Einleitung Seite V 

I. Das Arbeitsfeld des Methodismus in Deutschland ... „1 

1. Das Arbeitsfeld der Bischöflichen Methodistenkirche ,, 1 

2. Die von der Bischöflichen Methodistenkirche über- 
nommenen Missionen „ 4 

3. Das Arbeitsfeld der Evangelischen Gemeinschaft . . „8 

II. Die Bischöfliche Methodistenkirche »12 

Wesley und Amerika „12 

Die Entwickelung der Methodistenkirche Amerikas . . „18 

Lehre und Kultus „ 26 

Die Verfassung „ 5 L 

Der Methodismus unter den Deutschen in Amerika . . „57 

Die Deutschlandmission „ 60 

Die Arbeitsweise „ 64 

Das Verhältnis zu den theologischen Sichtungen und 

den kirchlichen Parteien „ 69 

III. Die Evangelische Gemeinschaft „76 

IV. Einwirkung des Methodismus auf religiöse Erschei- 

nungen und Unternehmungen in Deutschland, die 

nicht methodistisch-kirchlich sind „86 

V. Überblick und Ausblick „108 



Abkürzungen. 

Evst. = „Der Evangelist", Organ der Bischöflichen Methodistenkirche. 
Ev. B. = „Evangelischer Botschafter", Organ der methodistischen 
„Evangelischen Gemeinschaft". 



Einleitung. 



Seit der Reformation hat der Protestantismus manche 
staatsfreie Kirchenbildungen in seiner Mitte erlebt. Keine 
derselben kommt an Ausdehnung, Grliederzahl und Werbe- 
kraft dem Methodismus gleich. Er ist eine kirchengeschicht- 
liche Erscheinung ersten Ranges. Auch bleibt sein Einfluß 
nicht beschränkt auf sein eigentliches Kirchengebiet, sondern 
erstreckt sich auf das geistliche Leben sämtlicher prote- 
stantischen Kirchen der Erde, auch Deutschlands. In dieser 
Hinsicht sagen die Methodisten, daß bereits „die christliche 
Atmosphäre des Wuppertales, Basels und Grenfs nicht mehr 
alt-reformiert, sondern methödistisch ist" (Ev. 1905, No. 47.) 
Solche Einwirkung des Methodismus wird von seinen Freun- 
den gepriesen. Andere aber sehen in ihr das schädigende 
Eindringen eines Fremdkörpers. Schon Rob. Kübel wies 
darauf hin, daß der Methodismus in der evangelischen 
Kirche gerade so die herrschende Macht geworden sei, wie 
der Jesuitismus in der katholischen. Er bezeichnet es als 
eins der bedenklichsten Zeichen, daß auch in der evange- 
lischen Kirche nach methodistischer Manier, nach metho- 
distischem Muster gearbeitet wird. (S. Christi. Bedenken 
über modern christliches Wesen 7. Aufl., S. 14.) Ähnlich 
urteilt Prof. D. Th. Kolde. Er sieht im Methodismus „ einen 



— VI — 

Angriff auf unser ganzes, auf der Gewißheit des Heils und 
der christlichen Freiheit fußendes, in Grottvertrauen fröh- 
liches, weltdurchdringendes Christenleben, wie wir es durch 
Luther wieder aus der ScKrift gelernt haben, das er in die 
unevangelischen Fesseln einer falschen Weltflucht und Welt- 
verachtung schlagen will" (S. z. B. Neue kirchl. Zeitschrift 
von Holzhauser, 1900, S. 3.) Im geraden Gegensatz zu ihm 
sagt Prof. Dr. Lepsius: „Der echte Methodismus ist nichts 
anderes, als das richtig verstandene Luthertum." (Evst. 
1906, Nb. 1.) Gleich ihm sagt neuerdings ein lutherischer 
Pastor: „Der Methodismus steht auf den Grundlagen von 
Wittenberg." (Mummssen in der Schrift „Wittenberg und 
Wales" gegen P Glages Schrift „Wittenberg oder Wales".) 
Zwischen solchen sich völlig ausschließenden Schätzungen 
steht die Auffassung solcher Männer, welche den Weg des 
Protestantismus und die Bedeutung des Methodismus für 
denselben von der Warte der historischen Betrachtung aus 
beobachten. Ich nenne Nippold (Amerikanische Kirchen- 
geschichte), Loofs (Realenzyklopädie für protest. Theologie 
und Kirche* 3. Aufl.), Drews (Das kirchliche Leben des 
Königreichs Sachsen 1902) und Harnack. Der letztere be- 
suchte bei seiner Heise durch Amerika auch die metho- 
distische Hochschule zu Boston und hielt vor den Studenten 
einen Vortrag. Gerne erwähnen die Methodisten seine dort 
gesprochenen Worte: „Unter den verschiedenen Glaubens- 
richtungen hat mich keine mehr interessiert, als die Metho- 
disten. Wenn ich die Kirchengeschichte recht lese, ist ihre 
Denomination in der Heilserfahrung die reichste, in Arbeit 
die tätigste, in Resultaten die fruchtbarste unter allen seit 
der Reformation gewesen. Ich bin aber nicht hier, um zu 
schmeicheln und Lob auszuteilen; was ich zu sagen habe, 
würde ich vor irgend einer anderen Gemeinschaft auch 
sagen." (Evst. 1905, Nb. 43.) 

Während so bei den Theologen die Urteile auseinander 
gehen, herrscht unter zahlreichen gebildeten Gemeinde- 



— VII — 

gliedern ein größerer Übelstand. Sehr viele schenken dem 
Methodismus und selbst seiner Arbeit in Deutschland gar 
keine Aufmerksamkeit, weil sie ihn nicht kennen oder unter- 
schätzen. Das hat er nicht verdient. Daher waren schon 
die beiden ersten Auflagen dieser Schrift (Gotha, bei F. A. 
Perthes 1875 und 1877) dazu bestimmt, mehr Interesse zu 
wecken für eine Propaganda, die sich in Deutschland täg- 
lich und mit steigendem Erfolge vollzieht. Seitdem ist eine 
geraume Zeit verstrichen. Immer dringender trat das Be- 
dürfnis hervor, die inzwischen ungemein gewachsene Mis- 
sionsarbeit der Methodisten im deutschen Protestantismus 
nach ihrem gegenwärtigen Stand neu darzustellen und zu- 
gleich einen Einblick in den amerikanischen Methodismus 
zu gewähren, welcher heute in Deutschland arbeitet. 

Die vorliegende, umgearbeitete Schrift schöpft aus me- 
thodistischen Quellen. Doch sind auch die neueren, ein- 
schlägigen Arbeiten deutscher, nicht methodistischer Theo- 
logen berücksichtigt. Indem ich dem Verlangen nach einer 
neuen Auflage entspreche, wünsche ich, daß der Leser mein 
eigenes Urteil dem Gange der Darlegung entnehme. Möchte 
er mir bezeugen, daß ich ohne Zorn und Eifer darstelle 
und eingedenk war der apostolischen Mahnung, der Wahr- 
heit zu dienen, ohne die Liebe zu verletzen. (Eph. 4 15.) 

Über die Gliederung des Stoffes bemerke ich, daß zunächst 
eine Übersicht gegeben wird über das gegenwärtige Missi- 
onswerk des Methodismus in Deutschland; die zwei folgenden 
Abschnitte handeln von dem Wesen und der Arbeit der in 
Deutschland missionierenden Kirchen; schließlich wird dar- 
gestellt, wie der Methodismus auch auf solche deutsche Ge- 
meinschaften einwirkt, die nicht zu einer methodistischen 
Kirche gehören. Die Schilderung der beiden in Deutschland 
arbeitenden methodistischen Kirchen mußte eine möglichst 
erschöpfende sein. Dies war nicht in demselben Maße er- 
forderlich bei den im vierten Abschnitt behandelten Be- 
wegungen. Doch war es nicht zu umgehen, auch über 



— VIII — 

ihren gegenwärtigen Stand Auskunft und von ihrem Wesen 
einen Eindruck zu geben. Erst dadurch läßt sich ermessen, 
welche Bedeutung es für Deutschlands christliche Entwicke- 
lung hat, wenn sie fortfahren, in der Weise des Methodis- 
mus und zu seinen Grünsten ihre Arbeit unter uns unab- 
lässig zu steigern. 

Bonn, im April 1906. 

J. Jüngst. 



Das Arbeitsfeld des Methodismus in 

Deutschland. 



1. Das Arbeitsfeld der Bischöflichen Methodisten- 

kirche. 

Die Bischöfliche Methodistenkirche von Amerika hat 
Deutschland in eine norddeutsche und süddeutsche Kon- 
ferenz eingeteilt. Auf diesem Gebiet stehen zurzeit nach 
der im „Evangelist" veröffentlichten Statistik für 1905 
162 Prediger in Arbeit. Rechnen wir die besondere Kon- 
ferenz für die Schweiz hinzu, so erhöht sich diese Zahl 
auf 216. 

Die norddeutsche Konferenz 

ist der süddeutschen fast gleich und umfaßt drei Distrikte 
mit zusammen 80 Predigern. 

a) Der Berliner Distrikt. 

Der vorstehende Alteste, dessen Amt etwa dem eines 
Superintendenten oder Dekan in der evangelischen Kirche 
entspricht, wohnt in Berlin. Mit ihm hat der Distrikt 
32 Predigerbestellungen, nämlich in Berlin I, II, III, IV 
und V; Breslau; Danzig; Elbing; Grlogau-Neusalz ; Grollnow; 

Jüngst, Methodismus. 3. Aufl. 1 



— 2 — 

Görlitz; Graudenz; Kolberg; Königsberg I und II; Köslin; 
Kottbus; Kownow (Rußland) ; Liegnitz-Haynau ; Magdeburg; 
Neu-Ruppin; Schievelbein- Braunsberg; Stargard; Stettin; 
Stolpmünde; Tilsit; Ungarn (mit 3, nächstens 4 Predigern); 
Wien (2 Prediger). 

b) Der ßremer Distrikt. 

Der vorstehende Älteste wohnt in Bremen. Mit ihm 
hat der Distrikt 18 Predigerbestellungen, nämlich in Aurich; 
Bielefeld ; Bremen - Vegesack ; Bremerhaven - Cuxhaven ; 
Delmenhorst-Neerstedt ; Dornum-Esens; Edewecht -Wester- 
stede; Flensburg; Hamburg I und II; Hannover -Braun- 
schweig; Kiel; Leer; Neuschoo; Oldenburg -Brake; Osna- 
brück-Metten ; Wilhelmshaven. Außerdem sind der Direktor 
der Martins Missions anstalt d. h. des Predigerseminars in 
Frankfurt a/M. (zurzeit P Gr. Junker) und der Direktor des 
Buchgeschäfts in Bremen (zurzeit C. H. Burkhard t), Mit- 
glieder der vierteljährlichen Konferenz in Bremen und der 
Inspektor des Bethanienvereins für Deutschland in Hamburg 
ist Mitglied der Hamburger Konferenz (Leonh. Weiß). 

c) Den Leipziger Distrikt. 

Der vorstehende Älteste wohnt in Zwickau. Mit ihm 
hat der Distrikt 30 Predigerbestellungen, nämlich in Adorf- 
Olsnitz; Annaberg (2 Prediger); Cassel; Chemnitz; Dresden; 
Eibenstock-Schönheide; Eisenach; Falkenstein- Treuen; Gera- 
Zeitz; Greiz; Langenwetzendorf- Triebes ; Leipzig -Halle; 
Meerane- Glauchau; Münden -Göttingen; Plauen; Pösneck; 
Reichenbach; Remptendorf ; Saalfeld; Schneeberg ;Schwarzen- 
berg (2 Prediger); Weimar; Werdau; Wilkau; Zschopau- 
Dittersdorf; Zwickau. 

Die süddeutsche Konferenz 

umfaßt vier Distrikte mit zusammen 82 Predigern. 



— 3 — 

a) Der Frankfurter Distrikt. 

Der vorstehende Alteste wohnt in Heidelberg. Mit 
ihm hat der Distrikt 20 Predigerbestellungen, nämlich in 
Darmstadt - Offenbach ; Dillenburg - Wetzlar ; Düsseldorf - 
Gelsenkirchen; Elberfeld ; Frankfurt a/M. I und II; 
Friedrichsdorf - Brombach ; Greinhausen - Hanau ; Heidelberg- 
Sinsheim; Kaiserslautern; Köln; Kreuz nach-Mandel ; Mann- 
heim-Ludwigshafen; Marburg; Siegburg; Siegen -Betzdorf 
(2 Prediger); Simmern; "Wiesbaden. Außerdem sind Mit- 
glieder der vierteljährlichen Konferenz Frankfurt I drei dort 
wohnende Prediger, nämlich der Sekretär des christlichen 
Studentenbundes (zurzeit Theophil Mann), der Präsident 
des Bethanienvereins für Deutschland (zurzeit H. Mann), 
und ein Lehrer des Predigers eminars, sowie der Editor des 
Evst. in Bremen (zurzeit J. P Grunewald) und ein Missionar 
in Anecho, Deutsch- Togo. 

to) Der Hpilhronnei? Distrikt. 

Der vorstehende Alteste wohnt in Heilbronn. Mit ihm 
hat der Distrikt 19 Predigerbestellungen, nämlich in Ans- 
bach; Bayreuth; Beilstein; Bietigheim; Fürth -Erlangen; 
Hall; Heilbronn; Hof; Kirchberg; Marbach; Neuhütten; 
Nürnberg I und II; Öhringen; Ottmarsheim; Prevorst; 
Weinsberg ; Würzburg-Schweinfurt. 

c) Der Karlsruher Distrikt. 

Der vorstehende Älteste wohnt in Ettlingen bei Karls- 
ruhe. Mit ihm hat der Distrikt 21 Predigerbestellungen, 
nämlich in Altensteig ; Calw ; Colmar ; Freudenstadt ; Hagenau ; 
Hockenheim- Schwetzingen; Karlsruhe-Bergzabern ; Kloster- 
reichenbach; Knittlingen-Bauschlott; Lahr; Nagold; Neuen- 
bürg; Neunkirchen;* Pforzheim; Pirmasens; Saarbrücken- 
Elversberg (2 Prediger); Speyer; Straßburg; Zweibrücken. 



_ 4 — 

d) Der Stuttgarter Mstrikt. 

Der vorstehende Älteste wohnt in Cannstatt. Mit ihm 
hat der Distrikt 22 Predigerbestellungen nämlich in Augs- 
burg; Backnang; Cannstatl-Eßlingen (2 Prediger); Ehingen; 
Echterdingen; Heimsheim; Herrenberg; Ludwigsburg; 
München; Rudersberg; Schorndorf; Sindelfingen; Stuttgart; 
Sulzbach-Murrhardt; Ulm; Vaihingen; Waiblingen; Weiss- 
ach; Welzheim; Winnenden. 

Außer den beiden deutschen Konferenzen besteht noch 
eine Konferenz in der deutschen und französischen Schweiz 
mit zusammen 54 Predigerbestellungen in drei Distrikten, 
dem Berner (18 Prediger), dem Winterthurer (13 Prediger) 
und dem Züricher Distrikt (23 Prediger). 

2. Die von der Bischöflichen Methodistenkirche 
übernommenen Missionen. 

Bis jetzt hat die amerikanische Methodistenkirche zwei 
andere von Methodisten in Deutschland betriebene Missionen 
in sich aufgenommen. Sind dadurch diese beiden in Deutsch- 
land jetzt außer Tätigkeit, so haben sie doch Anspruch auf 
Erwähnung, wenn geschichtlich dargestellt werden soll, was 
methodistische Kirchen in Deutschland gearbeitet haben. 

Zunächst kommen die Wesleyaner in England in Be- 
tracht. Sind sie doch die ersten, welche in Deutschland 
missioniert haben. Der schwäbische Metzgerbursche Grott- 
lieb Müller aus Winnenden reiste nach England und wurde 
von den dortigen Methodisten bekehrt. Nach einiger Zeit 
fühlte er in sich den Beruf und lebhaften Wunsch seinen 
Landsleuten daheim sein neues Grlück zu verkündigen und 
als Prediger des Methodismus in Deutschland zu wirken. 
In der Tat wurde er 1831 als Missionar nach Württem- 
berg gesandt. Seitdem entwickelten er und die in der 
Folgezeit ihm nachgesendeten Prediger eine rege Tätigkeit. 
So dauerte es denn nicht lange, da besaßen die WesWaner 



in Deutschland die beiden Einrichtungen, welche der Me- 
thodismus stets als die Brennpunkte seiner Wirksamkeit 
in einem fremden Kirchengebiet betrachtet. Sie hatten 
eine Verlags ans t alt in Waiblingen, wo auch ihre Zeitschrift 
„Der Methodisten-Herold" monatlich zweimal erschien und 
ein Predigers eminar in Cannstatt. Auf diese Weise be- 
standen schon 1870 in Württemberg 8 wesleyanische Ka- 
pellen, 7 Sonntagsschulen und 133 Predigtplätze und es 
waren 11 Missionare und 34 seßhafte Prediger in Arbeit. 
Aber es kam ein Größerer in das deutsche Gebiet und 
grub den Wesleyanern das Wasser ab. Es war die ameri- 
kanische, bischöfliche Methodistenkirche, welche schon 1850 
durch Dr. L. S. Jacoby ihr deutsches Missionswerk von 
Bremen aus begann. Es währte nicht lange, so wurden 
die Wesleyaner mit ihrer etwas ruhigeren Weise von den 
kühnen, eifrigen und tatkräftigen Amerikanern erreicht 
und alsbald überholt. Als sie 1898 2300 Mitglieder zählten, 
gaben sie das Werk daran, das sie über 1 / 2 Jahrhundert 
selbständig betrieben hatten. Sie übertrugen es den 
bischöflichen Methodisten. 

Außer der wesleyanischen Mission haben 1905 die 
bischöflichen Methodisten auch die Mission der Vereinigten 
Brüder in Christo in ihr Werk in Deutschland aufgenom- 
men. Diese Brüder wurden früher kurz „Otterbeinianer" 
genannt, sind aber von den Methodisten stets als metho- 
distische „Brüder" anerkannt worden, Über ihren Stifter 
möchte ich eine spezielle Notiz nicht verloren gehen lassen. 
Stahlschmidt, der Verfasser der von Jung-Stilling 1799 
herausgegebenen „Pilgerreisen zu Wasser und zu Lande", 
verkehrte in Baltimore mit Otterbein und redet sehr freund- 
lich von ihm. Dem heimgegangenen Kenner heimischer 
Kirchengeschichte, Kanzleirat Fr. Göbel in Siegen, ver- 
danke ich noch folgendes Biographische: Philipp Wilhelm 
Otterbein, geb. 1726 in Frohnhausen bei Dillenburg, war 
der zweite Sohn des Pfarrers Otterbein. Seine fünf Brüder 



— 6 — 

wurden Geistliche in Berleburg, Burbach, Duisburg, Her- 
born und Mülheim a/Ruhr. Er studierte 1742 in Herborn, war 
als Kandidat im Bergischen tätig und als Lehrer des 
Pädagogiums in Herborn, "gmg aber 1752 nach Yorktown 
in Pennsylvanien und von da nach Baltimore, wo die erste 
G-eneralkonferenz (1800) ihn und Martin Böhm zum Bischof 
erwählte und die Otterbeinskirche steht. Unter pietistischen 
Einflüssen in Herborn ausgebildet, begann Otterbein zu- 
nächst in den deutschen reformierten Gemeinden Pennsyl- 
vaniens eine erweckende Tätigkeit. Aber er fand bei vielen 
hervorragenden Reformierten keinen Anklang. Daher schloß 
er sich den Methodisten an, gründete aber schon 1789 in 
Gemeinschaft mit sieben Predigern einen besonderen Verein 
für deutsche Evangelisation. Die Glieder bestanden aus 
Deutschen und zwar aus Reformierten, Lutheranern und 
Mennoniten. Die „Vereinigten Brüder" stimmen in den 
entscheidenden Grundsätzen, sowie in der Einrichtung der 
Konferenzen usw. so völlig mit den Methodisten überein, 
daß Otterbein deren ersten Bischof Asbury (1784) mit ge- 
weiht hat. 'Nur haben sie sich den strengen „Regeln" 
Wesleys für seine Kirchenglieder nicht unterworfen. Auch 
gaben sie in der Kirchenverwaltung den Laien sofort die 
gleiche Berechtigung, wie den Geistlichen. Statt der me- 
thodistischen Stufenleiter von Klaßführern, Ermahnern, 
Verwaltern, Ortspredigern, Geistlichen, vorstehenden Äl- 
testen und Bischöfen kennen sie zur Ausübung der kirch- 
lichen Arbeit nur ordinierte „Ältesten" Die Kindertaufe 
stellen sie frei und halten sich in ihren Lehrbestimmungen 
an sehr allgemeine Ausdrücke. Sie haben sich verdient 
gemacht durch Gründung von Bildungsanstalten, nämlich 
einer Universität, eines biblischen Seminars, zehn höherer 
Schulen, einer Buchanstalt. Auch haben sie wertvolle reli- 
giöse Schriften geliefert. Um die letzte Jahrhundertwende 
betrug die Zahl ihrer Prediger 2452, ihrer Abendmahls- 
t>erechtigten 265 980 und ihrer Sonntagsschüler 272 336. 



Zurzeit ist die Kirche der „ Vereinigten Brüder" im Begriff, 
als Sondergemeinschaft zu verschwinden. Vom 11. bis 
22. Mai 1905 tagte ihre G-eneralkonferenz in Topeka (Kan- 
sas). Es waren 272 Delegaten erschienen, welche 44 Kon- 
ferenzen vertraten, unter denen aber heute nur noch fünf 
deutscher Zunge sind. Die Delegaten waren zur Hälfte 
aus Predigern, zur andern Hälfte aus Laien zusammen- 
gesetzt. Unter letzteren befanden sich 22 gleichberechtigte 
Frauen. Die Sitzungen geschahen im Kapitol, dem groß- 
artigen Regierungsgebäude von Kansas, wo auch Gouver- 
neur Hoch, als guter Methodist, die Versammelten begrüßte. 
Der Wert der Kirchen und Predigerhäuser beträgt noch 
mehr als 32 Millionen Mark. Außer einer regen inneren 
Mission werden auswärtige Missionen betrieben in Japan, 
China, Porto Riko, Sierra Leone und Westafrika. Die ver- 
schiedenen Zeitschriften haben zusammen 425000 Abon- 
nenten und das Publikationshaus in Dayton (0.) ergab in 
1904 einen Reingewinn von rund 161000 Mark. Die Gre- 
neralkonferenz hat nun noch nicht entschieden, ob sich die 
Brüder den „Protestantischen Methodisten", den „Kongre- 
gationalisten" oder den „Christians" anschließen sollen. 
Um 1900 zählten diese letzteren „Christen" 112414 Abend- 
mahlsberechtigte. Sie verwerfen jedes formulierte Be- 
kenntnis, halten sich nur an die Bibel und taufen nur 
G-läubige. 

Die „Vereinigten Brüder" sind die kleinste der metho- 
distischen Gremeinschaften, welche in Deutschland missioniert 
haben. Sie begannen diese Mission 1869 durch den Pre- 
diger Chr. BischorT, ließen es an Fleiß und Eifer nicht 
fehlen und arbeiteten besonders in Thüringen. Bei der 
letzten Jahreskonferenz ihrer Deutschland-Mission zu Eise- 
nach (März 1905) ergab sich folgende Statistik: Organisierte 
Gremeinden 22; Zahl der Klassen 29; der Bestellungen 45; 
der Probeglieder des letzten Jahres 27; der 1904 in volle 
Verbindung aufgenommenen Grlieder 84 ; der vollberechtigten 



— 8 — 

Glieder 982; der Soxmtagssclmleii 14; der Kinder in den- 
selben 767; der Kapellen und Häuser 11; Wert derselben 
305100 Mark; S chriftenver trieb : „Der Heilsbote" mit 
700 Exemplaren; „Die Friedensbotschaft" mit 12000; der 
christliche Kalender mit 20000. Wenn aber die Mutter- 
kirche in Amerika in Erwägung steht, auf ihr Weiter- 
bestehen als besondere Gemeinschaft zu verzichten, so 
konnte sie ihre Tochter, die Deutschland-Mission, nicht 
weiter versorgen. Die amerikanische Missionsbehörde der 
„Brüder" drängte ihre Prediger in Deutschland „wenig 
liebenswürdig, aber sehr nachdrücklich" (Evst. 1906, Nb. 5) 
zur Entscheidung und diese beschlossen, die geistesver- 
wandte Deutschland -Mission der bischöflichen Methodisten 
zu ersuchen, sie mit ihren Stationen aufzunehmen. Endlich 
waren die Vorverhandlungen wegen der Finanzfrage be- 
endet. Da tagte vom 13. — 19. Juni 1905 die große, nord- 
deutsche Konferenz der Bischöflichen zu Plauen im Vogt- 
lande, wo 90 Prediger und gegen 3 000 Gläubige zusammen- 
gekommen waren. Dort wurden die letzten Schwierigkeiten 
überwunden und einstimmig wurden die „Vereinigten Brüder" 
nebst Predigern und Eigentum in die deutsche Mission der 
Bischöflichen Kirche aufgenommen. Der „Heilsbote", das 
Organ der „Vereinigten Brüder" verkündete die Tatsache 
unter der Überschrift: „Siehe, ich verkündige euch große 
Freude!" und endete am 31. Dezember 1905 sein 23 jähriges 
Erscheinen. Einzelne Brüdergemeinden wie z. B. in Gera, 
Stettin usw. veranstalteten besondere Vereinigungsfeste. 
(Evst. 1905, No. 28.) 

3. Das Arbeitsfeld der Evangelischen Gemeinschaft. 

Die amerikanische, methodistische „Evangelische Ge- 
meinschaft" wird in Größe, materiellen Mitteln und Geistes- 
kraft von der Bischöflichen Kirche weit überragt. Aber 
sie ist doch zu selbstbewußt und stark, und ihre Arbeit ist 



— 9 — 

zu alt und fest eingewurzelt, als daß der Zeitpunkt abzu- 
sehen wäre, wo auch sie geneigt wäre, ihre jetzige Deutsch- 
land-Mission an die bischöflichen Methodisten abzutreten. 
Sollte auch sie einmal aufgesogen werden, so würde der 
Methodismus in Deutschland in einer einzigen Phalanx ge- 
schlossen vorrücken. 

Wir geben auch hier zunächst eine einfache Übersicht 
über das Arbeitsgebiet. Auch diese Gremeinschaft hat 
Deutschland in eine norddeutsche und süddeutsche Kon- 
ferenz eingeteilt. Auf diesem Gebiet sind jetzt 93 Prediger 
tätig, wie aus der im „ Evangelischen Botschafter" von 1905 
mitgeteilten Statistik zu ersehen ist. Rechnen wir die Kon- 
ferenz in der deutschen Schweiz hinzu, so ergibt sich eine 
Predigerzahl von 137 

Die norddeutsche Konferenz 

ist die bedeutendere und umfaßt drei Distrikte mit 56 Pre- 
digern. 

a) Der Düsseldorfer Distrikt. 

Mit dem vorstehenden Ältesten zählt dieser Distrikt 
25 Prediger auf den 17 Bestellungen: Barmen; Bebra; 
Bochum ; Detmold-Minden-Bielefeld (2 Prediger) ; Dortmund- 
Witten (2) ; Duisburg-Oberhausen (2) ; Düsseldorf; Elberfeld- 
Velbert (2) ; Essen- Altenessen (2) ; Greisenkirchen- Wanne (2) ; 
G-roßalmerode-Epterode ; Kassel; Köln; Mülheim-Speldorf (2); 
Oberhessen; Rheydt; Solingen-Remscheid. 

Zu diesem Distrikt gehört auch als Grlied der Viertel- 
jahrskonferenz der Inspektor der Diakonissenanstalt Be- 
thesda in Elberfeld. 

b) Der Berliner Distrikt. 

Mit dem vorstehenden Altesten zählt dieser Distrikt 
18 Prediger auf 16 Bestellungen: Berlin I; II; III mit 
Charlottenburg (2 Prediger); IV; Braunschweig-Klausthal; 



— 10 — 

Dresden I; II; Eisenach; Friedrichroda-Erfurt ; Hamburg I; 
II mit Harburg; Hannover-Hildesheim ; Leipzig; Magdeburg; 
Meißen; Zittau. 

c) Der Danziger Distrikt. 

Mit dem vorstehenden Ältesten zählt dieser Distrikt 
13 Prediger auf 11 Bestellungen: Bromberg; Danzig; Inster- 
burg-Gumbinnen ; Königsberg I (2 Prediger); II; Nakel; 
Posen; Schneidemühl; Tilsit; Thorn-Hohensalza ; Vandsburg. 

Die süddeutsche Konferenz 

hat zwei Distrikte mit 37 Predigern. 

a) Der Stuttgarter Distrikt. 

Mit dem vorstehenden Ältesten hat dieser Distrikt 
19 Prediger auf 14 Bestellungen: Bretten-Eppingen (2 Pre- 
diger); Cannstatt (2); Durlach; Feuerbach; Frankfurt a/M. ; 
Güglingen; Heidenheim; Heilbronn (2); Hall; Karlsruhe; 
Künzelsau; Ludwigsburg; Pforzheim; Stuttgart. 

% 

b) Der Eeutlingener Distrikt. 

Mit dem vorstehenden Ältesten zählt dieser Distrikt 
18 Prediger auf 16 Bestellungen: Böblingen; Dornhan; Eß- 
lingen; Geislingen; Göppingen (2); Kirchheim; Mössingen; 
Metzingen; Nürtingen; Pfullingen; Reutlingen; Schwen- 
ningen; St. Georgen; Tuttlingen; Tübingen; Ulm. 

Außer den beiden deutschen Konferenzen besteht noch 
die Konferenz in der deutschen Schweiz mit 44 Predigern, 
von denen 20 im Distrikt Zürich-Basel und 22 im Distrikt 
Bern tätig sind. 



11 — 



Wir überblicken das vorstehend summarisch angegebene 
Arbeitsfeld des Methodismus in Deutschland. Dabei muß 
es auffallen, daß beide methodistische Kirchen an 20 Orten 
gleichzeitig, aber getrennt missionieren, nämlich (die erste 
Ziffer in der Klammer bezeichnet die Predigerzahl der 
Bischöflichen, die zweite die der Evangelischen G-emein- 
schafts -Methodisten) 9 Prediger in Berlin (5:4); 2 in Dan- 
zig (1:1); 4 in Königsberg (2:2); 2 in Magdeburg (1 : 1) 
3 in Tilsit (1:2); 5 in Hamburg (2:3); 2 in Hannover (1 : 1) 
2 in Kassel (1:1); 3 in Dresden (1:2); 2 in Eisenach (1 : 1) 
2 in Leipzig (1 : 1) ; 2 in Düsseldorf (1 : 1); 3 in Elberfeld 
(1:2); 3 in Frankfurt a/M. (2:1); 2 in Köln (1:1); 2 in Karls- 
ruhe (1:1); 2 in Pforzheim (1:1); 2 in Stuttgart (1:1); 
2 in Ulm (1:1). Es braucht nicht gesagt zu werden, daß 
hier eine Verschwendung von Arbeitskraft und Greld für 
Bauten, Grehalt usw. vorliegt. Auch diese rein praktische 
Erwägung kann vielleicht einmal eine künftige Verschmel- 
zung beider methodistischen Missionen in Deutschland 
fördern. Freilich wäre dazu nötig, daß eine der beiden 
gleichartigen, aber getrennt vorgehenden Bruderkirchen 
ihren Partikularismus so weit überwindet, zugunsten der 
andern vom Arbeitsfeld in Deutschland zurückzutreten. 



— 12 — 



II. 

Die Bischöfliche Methodistenkirche. 



Wesley und Amerika. 

John Wesley, der Stifter des Methodismus, wurde am 
17. Juni 1703 im Pfarrhaus zu Epworth geboren. Er starb, 
fast 88 Jahre alt, in dem Hause seiner Kapelle in City road 
zu London. Sein Andenken erlangte die größte, nationale 
Ehrung Englands. In der Westminsterabtei steht eine Ge- 
denktafel, welche sein und seines Bruders Charles porträt- 
ähnliches Bildnis zeigt. Darunter befindet sich ein Relief, 
wie er vom Grabstein seines Vaters auf dem Friedhofe zu 
Epworth eine Predigt hält. Ein eigenartiges, ergreifendes 
Sinnbild seines Einflusses und Wirkens, das Wort des 
Lebens an der Stätte des Todes. Aber die freundlichen 
Züge seines milden Antlitzes leuchten nicht nur im weißen 
Marmor der Westminsterabtei, sondern unauslöschlich im 
Herzen seines Volkes. Seine Nation liebt ihn als den 
großen Reformator des religiösen Lebens, den Mann mit 
dem frommen, weiten Herzen, dem tiefen Geist, der völligen 
Hingabe, der unbeugsamen Tatkraft, dem unermüdlichen 
Fleiß, dem weitreichenden Einfluß. Dieses Leben wurde 
fast neun Jahrzehnte hindurch getragen von einem Ge- 
danken, getrieben von einem guten Wollen, durchglüht von 



— 13 — 

einer einzigen Liebe. Die Fernwirkung dieser Persönlich- 
keit geht weit hinaus über den ihm unmittelbar folgenden 
Kirchenkreis. Je weiter uns die Jahrhunderte von ihm 
entfernen, desto höher und leuchtender wächst seine Ge- 
stalt hinaus über den Rahmen der eigentlichen metho- 
distischen Kirchen*). 

Doch hier haben wir es mit den letzteren zu tun und 
zwar in ihrer eigenartigen Ausprägung in Amerika. Wir 
müssen es uns darum versagen, auf den Entwickelungs- 
gang des Methodismus in England näher einzugehen. 
Denn von Amerika kommt jetzt in steigendem Heranfluten 
der Methodismus zu uns herüber. Dort ist zwar Wesley 
schon früh als Geistlicher der englischen Staatskirche 
tätig gewesen. Denn er war schon 1735 als Missionar 
nach Savannah in Georgia gesegelt. Indessen hat diese 
Reise noch keinen Grund gelegt zu der heutigen, mäch- 
tigen, amerikanischen Methodistenkirche. Er selbst schreibt 
in seinem Tagebuch: »Ich ging nach Amerika, andere zu 
bekehren und war selbst nicht bekehrt zu Gott." In reiferen 
Jahren schrieb er dazu: „Ich bin darin doch nicht sicher; 
ich hatte eben nur den Glauben eines Knechtes, aber nicht 
eines Sohnes." Tatsächlich war Wesley damals noch ein 
übereifriger, hochkirchlicher Ritualist. Und doch war schon 
auf der Hinfahrt das Samenkorn eines neuen Lebens in 
seine Seele gefallen. Dies geschah durch den unvergeß- 
lichen Eindruck, den durch ihr Wort und Verhalten seine 
Reisebegleiter auf ihn machten. Dies waren 26 deutsche 
Herrnhuter. (Moravians, d. h. mährische Brüder.) Aber 
sein Wirken in Savannah war nicht glücklich. Als er sein 
Verhältnis zu Miss Hopkey, der Nichte des Gouverneurs 
und späteren Frau Wüliamson abbrach, wurde er deshalb, 
sowie wegen seines übertriebenen Ritualismus verhaftet und 



*) S. John Wesley, v. Verf., in „Deutsch -evangelische Blätter" 
1904, Heft 6. 



— 14 — 

vor die Jury gestellt. Er entfloh aber und kehrte nach Eng- 
land zurück. (2. Dez. 1737.) Fast zwei Jahre war er in Amerika 
gewesen und hatte manches gesehen und gelernt. Aber die be- 
deutsamste Tatsache in dieser Zeit bleibt die Berührung mit den 
Herrnhutern. An der Wiege des Methodismus steht deutsche 
Frömmigkeit. In London suchte Wesley sofort wieder die 
Herrnhuter auf und verkehrte besonders mit Peter Böhler. 
Dadurch wuchs bei ihm die Überzeugung, daß ihm der 
wahre und lebendige Glaube noch fehle, „die gewisse Zu- 
versicht, die ein Mensch zu Gott hat, daß durch Christus 
seine Sünden vergeben sind und er mit Gott versöhnt ist" 
Er betete darum. Er suchte mit Fleiß nach diesem Schatz. 
Endlich schlug die Stunde seiner Befreiung. Es war am 
21. Mai 1738, abends */ 4 vor 9 Uhr. Er war zu einer Ver- 
sammlung in Aldersgate Street gegangen, wo Luthers Vor- 
rede zum Brief an die Römer vorgelesen wurde. Bei der 
Beschreibung der Veränderung eines Herzens, die Gott 
durch den Glauben an Christus bewirkt, durchflutete 
ein warmer Strom sein Inneres. Er fühlte, daß er an 
Christus glaubte, an ihn allein, als seinen Erlöser. „Ich 
empfing die Gewißheit, daß Christus alle meine Sünden, 
gerade die meinigen, hinweggenommen hat und hat mich 
erlöset vom Gesetz der Sünde und des Todes." Was einst 
Paulus erlebte durch den Übergang vom Gesetzeswerk zur 
Freiheit des Glaubens, was nach ihm Luther innerlich er- 
fuhr und zum Römerbrief schrieb, das, wurde jetzt Wesley 
zuteil. Wieder steht paulinische und deutsche Art an der 
Wiege des Methodismus. So verstehen wir das zutreffende 
Wort, in welchem kürzlich ein Landsmann Wesleys dessen 
Bedeutung zusammengefaßt hat. Er sagt: „Aus Deutsch- 
land hat John Wesley die Anregung erhalten, in der 
Religion die lebendige, persönliche Beziehung des Menschen 
zu Gott zu sehen. Die mährischen Brüder waren es welche 
in das englische Leben das volle Verständnis für die Be- 
deutung des religiösen Glaubens zurückbrachten; von ihnen 



— 15 — 

lernte Wesley, daß die Religion nicht in der verstandes- 
mäßigen Annahme irgend eines Glaubensbekenntnisses, 
noch in der gewissenhaften Erfüllung einer Reihe von sitt- 
lichen oder kirchlichen Pflichten besteht, sondern in einer 
Lebensbeziehung der Menschenseele mit G-ott, welche dem 
rein verstandesmäßig angeeigneten Bekenntnis erst Leben 
und dem sittlichen Handeln die wurzelechte Triebkraft ver- 
leiht." A. J. Carlyle an der Universität Oxford (natürlich 
nicht Thomas Carlyle f 1881) weist auch nachdrücklich 
darauf hin, daß die durch Wesley geschaffene Erweckung 
nicht allein religiös, sondern auch geistig immer mehr alle 
Teile der britischen Christenheit durchdrungen hat. (Der 
Protestantismus am Ende des 19. Jahrhunderts II, S. 941 ff) 
Der Einfluß Wesleys auf das gesamte, religiöse und sitt- 
liche Leben seiner Nation diesseits und jenseits des Ozeans 
und auf die in ihr herrschende Anschauungsweise wird 
heute allgemein anerkannt. Seine Leben und Wirken 
wurde der Beginn eines neuen Aufschwungs. Wie Luther 
der Reformator der katholischen Kirche, so wurde er der 
Reformator eines gesunkenen Protestantismus. Denn zu 
seiner Zeit hatte die sittliche Entartung des englischen 
Volkes ihren Tiefpunkt erreicht. Nicht als ob vor ihm die 
Kirche Englands ganz tot gewesen wäre. Neben einem 
durch Gleichgültigkeit, Unwissenheit und Deismus erkalteten 
Kirchenwesen bestanden mehrfach religiöse Vereinigungen 
zur Hebung der schreienden, sittlichen Schäden. Sie ver- 
dankten ihren Ursprung der Frömmigkeit eines Bischofs 
Beveridge und Dr. Horneck. Wesley war Mitglied einer 
solchen Gesellschaft. Aber diese Vereine trugen den Stempel 
einer streng hochkirchlichen Theologie. Als Kirchlein in 
der Kirche waren sie nicht imstande, einen nennenswerten 
Einfluß auf das religiöse Leben der Nation auszuüben. 
Dies blieb der „evangelischen Bewegung" vorbehalten, 
welche neues Leben schuf. Dem Methodismus aber ge- 
bührt das Verdienst, den Anstoß zu dieser Bewegung ge- 



— 16 — 

geben zu haben. (S. auch Collections and Recollections, 
London bei Smith Eider & Co., 5. Aufl.) Die .evangelische 
Partei", diese Tochter des Methodismus, ist auch innerhalb 
der englischen Kirche die rührigste in kirchlicher Tätigkeit. 
Sie schuf die Sonntagsschul-Gresellschaft (1785), die Londoner 
Missionsgesellschaft (1795), die Traktatgesellschaft (1799), 
die britische und ausländische Bibelgesellschaft (1802), die 
kirchliche Missionsgesellschaft (1799). Dazu kommt eine 
großartige Tätigkeit auf dem Grebiete der inneren Mission, 
wie sie zutage tritt in den vielen Rettungs- und Waisen- 
häusern, Heil- und Pflegeanstalten, Soldaten- und Seemanns- 
missionen, Mäßigkeits -Vereinen und Lumpenschulen und 
der „ Kirchen- Armee", jenem seit 1882 bestehenden Seiten- 
unternehmen zur Heilsarmee. Für ihre eigene, äußere und 
innere Mission hatte die Kirche Englands von Ostern 1900 
bis 1901 an Jahresbeiträgen, Kollekten und Stiftungen eine 
Einnahme von mehr als 155 Millionen Mark. 

Es wäre ungerecht, in der Mutterkirche des Methodis- 
mus nur geistlichen Tod und in ihm selbst das allein rege 
Leben zu sehen. Aber das muß dem Methodismus zuer- 
kannt werden, daß er der Kirche Englands zu solcher Be- 
wegung den ersten Anstoß gab. Dabei dürfen neben 
John Wesley zwei Männer nicht vergessen werden, nämlich 
sein Bruder Charles, der Sänger und George Whitefield, 
der Evangelist des Methodismus. Die Entstehung desselben 
überhaupt kann nicht zuverlässiger kurz dargestellt werden, 
als durch die eigene Erklärung der beiden Brüder Wesley. 
Sie sagen: „Im Jahre 1729 kamen zwei junge Männer in 
England beim Lesen der heiligen Schrift zu der Über- 
zeugung, daß sie ohne Heiligung nicht selig werden könnten. 
Sie jagten daher derselben nach und ermahnten auch andere 
dasselbe zu tun. Im Jahre 1737 kamen sie zur Erkenntnis 
daß der Mensch gerechtfertigt sein muß, ehe er geheiligt 
werden kann; Heiligung blieb dessenungeachtet ihr Ziel 
und G-ott bestimmte sie dazu, ihm ein heiliges Volk zu 



— 17 — 

sammeln." Beide Brüder hatten in Oxford studiert, wo sie 
Mitglieder einer Vereinigung gleichgesinnter, junger, ernster 
Männer waren. Diese kleine Gesellschaft widmete sich dem 
Trachten nach persönlicher Heiligkeit durch Beten, Fasten, 
Krankenbesuch und Predigt bei den Gefangenen. Ihr Vor- 
gehen war den andern Studenten verächtlich und lächerlich 
und zog ihnen den Spottnamen „heilige Gesellschaft" zu. 
Bald aber nannte man sie Methodisten, weil sie nach einer 
bestimmten Methode und mit so peinlicher Pünktlichkeit 
sich für das kirchliche Amt vorbereiteten. Sie waren noch 
nicht durchgedrungen zur Freiheit des Evangeliums, zum 
rechtfertigenden Glauben an Christus, zum fröhlichen Ge- 
horsam eines Gotteskindes. Damals war Religion für sie 
eine Sache des Gesetzes und nicht der Liebe, des knech- 
tischen und nicht des kindlichen Gehorsams. Nicht liebe- 
volles Vertrauen und innere Gemeinschaft mit Christus 
sollte sie auf dem Ewigkeitswege fördern, sondern die Be- 
folgung der Gebote, die Beobachtung der Riten, die Übung 
bestimmter Werke. Es ging ihnen wie Paulus, ehe er 
Christus erkannte und wie Luther, ehe er die Pilatustreppe 
hinanstieg. In solcher inneren Verfassung empfingen sie 
die Ordinationsweihe als Presbyter, als Geistliche der Kirche 
Englands. Es war besonders John, der sich gedrungen 
fühlte, auf Grund seiner neuen Erkenntnis eine große 
Evangelisationsarbeit in dieser Kirche zu entfalten, wobei er 
durch andere Prediger und viele Laienprediger unterstützt 
wurde. An eine Trennung von der englischen Kirche 
wurde so wenig gedacht, daß selbst Charles Wesley deren 
treues Glied bis zum Tode blieb. Doch sammelte man 
innerhalb der Kirche sogenannte „Gemeinschaften" (United 
societies), die aus solchen bestanden, „welche die Form der 
Gottseligkeit besaßen, nun aber auch nach der Kraft der- 
selben trachteten" Aus diesen freien Gemeinschaften, die 
eine immer festere Organisation erhielten, sind die selb- 
ständigen Wesleyanischen Kirchen Großbritanniens er- 

Jüngst, Methodismus. 3. Aufl. ^ 



— 18 — 

wachsen. Ganz ähnlich verlief die Entstehung der ameri- 
kanischen Kirche, welche zurzeit eine so gewaltige Missions- 
arbeit im evangelischen Deutschland betreibt. 

Die Entwickelung der Methodistenkirche 

Amerikas. 

Als der Geburtstag der Bischöflichen Methodistenkirche 
ist der 2. Sept. 1784 zu betrachten. Es ist zugleich der 
Tag, an dem Wesley endgültig mit der Kirche Englands 
brach. Die bisher entstandenen, noch geringfügigen, metho- 
distischen Gemeinschaften (societies) in Amerika mußten 
sich bisher durchweg mit der Predigt von Laien (Orts- 
predigern) begnügen. Sie baten dringend um rechtmäßig 
ordinierte Geistliche, die auch die Sakramente spenden 
dürften. Vergebens ersuchte Wesley den Bischof von 
London, zu diesem Zweck einen methodistischen Prediger 
zu ordinieren, da nach der anglikanischen Lehre nur ein 
Bischof solche Weihe vollziehen kann. Da richtete er seine 
eigene Autorität auf, obschon er zeitlebens Wert darauf 
gelegt hat, selbst ein rechtmäßig geweihter Geistlicher der 
Kirche Englands zu sein. Schon am 1. Sept. 1784 erteilte er 
zweien seiner Prediger die Ordination als Presbyter (eiders) 
für Amerika. Am folgenden Tage weihte er den Thomas 
Coke, der die Presbyterweihe schon besaß, durch feierliche 
Handauflegung als „Superintendent" dorthin. Er selbst 
vermied anfangs absichtlich den Bischofstitel. Aber Coke 
legte sich alsbald in Amerika nicht nur selbst diesen Titel 
bei, sondern weihte auch seinerseits schon am 27. Dez. den 
Francis Asbury als Bischof. Anmaßend und verderblich 
erschien den Engländern das Vorgehen Wesleys. Hielten 
sie doch daran fest, daß nur ein rechtmäßiger Bischof einen 
andern weihen könne. Außer der Presbyterweihe gab es 
nur noch eine Bischofsweihe. Also habe Wesley nicht 
einen Superintendenten, sondern einen Bischof geweiht. Es 



— 19 — 

war die Zeit, wo sein eigener Bruder Charles, welcher der 
englischen Kirche treu blieb, spöttisch schrieb: 

How easy now are bishops made 
By man or woman's whim, 
Weslej r his hands on Coke has laid, 
But who laid hands on him? 

Schon fast ein Vierteljahr hundert vorher finden wir 
die ersten Regungen der methodistischen Erweckung in 
Amerika und zwar stehen auch hier Deutsche in der vor- 
dersten Reihe. Es sind Pfälzer, welche durch die Heere 
Ludwigs XIV aus ihrer schönen Heimat verjagt worden 
waren. Zuerst hatten sie sich in Irland niedergelassen und 
dort Begeisterung für den Methodismus gewonnen. Sie 
zogen 1760 weiter nach Amerika. Unter ihnen war Philipp 
Imburg, der schon in Irland ein methodistischer Orts- 
prediger geworden war. Später nannte er sich Embury. 
Aber in seinem Haus in New York fing er erst dann an 
zu predigen, als ihm die energische Barbara Heck durch- 
aus keine Ruhe ließ. Sie war empört, daß ihr Bruder mit 
einigen Freunden an einem Sonntag Karten gespielt hatte. 
Beim ersten Grottesdienst erschienen vier Personen. Aber 
das wurde anders, als der englische Offizier und wesley- 
anische Ortsprediger Thomas Webb nach New York kam 
und seinen glühenden Eifer mit Embury' s Unternehmen 
verband. Am 30. Oktober 1768 wurde die erste Methodisten- 
kapelle Amerikas in der John-Straße zu New York einge- 
weiht, ein äußerst ärmliches Gebäude. Selbstredend trat 
in der Bewegung das deutsche Element bald zurück. Ir- 
länder, Engländer und Amerikaner, die einwanderten oder 
hin und her zogen, gründeten bald hier, bald dort metho- 
distische Gemeinschaften, besonders in Maryland, New Jersey, 
Pennsylvanien, Virginia und Kanada. Diese wurden von 
eifrigen Wanderpredigern besucht, hatten aber untereinander 
keine kirchliche Gemeinschaft und kein geordnetes Gemeinde- 

leben. Sobald Wesley das Werk in England im Zuge hatte, 

2* 



— 20 — 

war er darauf bedacht, diesem Mangel abzuhelfen. Schon 
seit 1769 sandte er Prediger hinüber, um die amerikanische 
Bewegung zu ordnen, zu vereinigen und planvoll zu leiten. 
Unter ihnen ragen hervor Boardmann, Pillmoor und be- 
sonders Asbury und Rankin. Die letzteren setzten die 
echt methodistische Maßregel durch, daß die Prediger zum 
Reisen und beständigen "Wechsel verpflichtet wurden. An- 
fangs durfte kein Prediger länger als sechs Monate an einem 
Orte bleiben, und die städtischen Prediger mußten sogar 
alle vier Monate wechseln. 

Aber mitten hinein in die eben begonnene kirchliche 
Kristallisierung einer freien Bewegung drang Waffengeklirr. 
Der Unabhängigkeitskrieg brauste über das Land. Amerika 
erhob sich gegen England. Nach der Weise der Briten, 
auch in der lebhaftesten, religiösen Erregung die nationale 
Eigenart hochzuhalten, stellte sich Wesley entschieden auf 
die Seite Englands. Er schrieb ein politisches Flugblatt 
gegen die Unabhängigkeit der englischen Kolonien in 
Amerika. Da betrachteten die Amerikaner den Methodis- 
mus immer mehr als eine englische Pflanze und haßten und 
verfolgten die meist aus England gekommenen Prediger. 
Manche wurden verhaftet oder von Volkshaufen in Teer 
getaucht und in Federn gewälzt. Die meisten, außer Asbury, 
kehrten nach England zurück. Die Vereinigten Staaten 
hatten sich am 4. Juli 1776 feierlich vom Mutterland los- 
gesagt. Ihre Unabhängigkeit wurde auch von England 
nach dem Kriege anerkannt durch den Vertrag zu 
Versailles (3. Sept. 1783). 

Aber das Land und sein kirchlicher Zustand glich 
einer Wüste. Und nun vernichtete die junge Republik auch 
den letzten Rest des europäischen Staatskirchentums und 
schuf die eigenartige Form des jetzigen, amerikanischen 
Kirchen wesens, die freie Kirche im freien Staat. Ob eine 
Anzahl von Bürgern einen kirchlichen Zusammenschluß 
wünscht zur Pflege des religiösen Lebens, ist ganz ihrem 



— 21 — 

freien Willen anheimgestellt. (Constit. of the U. S. Art. VI.) 
Sofort regten sich die Methodisten und besonders Asbury 
verlangte für sie in seinen Berichten an Wesley eine kirch- 
liche Organisation und bischöfliche Verfassung. Da schuf 
Wesley durch die vorstehend berichtete Ordination Cokes 
zum Superintendenten und baldigen Bischof die bischöflich- 
methodistische Kirche von Amerika (2. Sept. 1784). Gegen 
die heftigen Angriffe, die auf ihn eindrangen, verteidigte 
er sich in einem langen Schreiben, dessen vierter Punkt 
lautet: „Da unsere amerikanischen Brüder jetzt gänzlich 
vom englischen Staat und von der englischen Hierarchie 
befreit sind, so dürfen wir sie nicht wieder weder mit dem 
einen, noch mit der andern verstricken. Sie haben völlige 
Freiheit, einfach der Schrift und der ursprünglichen Kirche 
zu folgen. Und wir halten es für das beste, daß sie nun 
bestehen in der Freiheit, womit Gott sie so wunderbar be- 
freit hat." So beugte sich Wesley vor der vollendeten Tat- 
sache und ließ seinen Widerspruch gegen ein selbständiges 
Amerika fallen. 

Zu Weihnachten 1784 tagte in Baltimore unter dem 
Vorsitz von Asbury und Coke die von 60 Predigern be- 
suchte, erste Generalkonferenz der bischöflichen Metho- 
distenkirche, welche deren erste Organisation schuf. Die 
amtliche Einführung des Titels „Bischof" geschah nicht 
lange nachher mit folgender Begründung: „Da die Über- 
setzer unserer Bibel stets das Wort ,Bischof statt des 
Wortes ,Superintendent' angewandt haben, so schien es 
uns schriftgemäßer zu sein, die Bezeichnung jBischof* zu 
adoptieren. " 

Die neue Kirche hatte damals etwa 15000 Glieder. Das 
bedeutet aber ungemein mehr, als bei uns das Wort „ Seelen- 
zahl ", da nur die erwachsenen, freiwillig beigetretenen und 
in volle Gemeinschaft (füll communion) aufgenommenen 
Mitglieder gezählt werden. Die anfangs kleine Schar be- 
saß durch ihren Eifer eine große Ausdehnungskraft. Den 



— 22 — 

Zügen der Ansiedler folgte das wanderlustige Heer der 
Wanderprediger auf dem Fuße nach. Überblicken wir z. B. 
die Entwickelung in Kanada, das heute unter der englischen 
Regierung steht, so sehe*n wir, daß dort die Methodisten- 
kirche im vorigen Jahrhundert um das Hundertfache ge- 
wachsen ist und 1901 fast vier Millionen zählte. Die Ge- 
samtübersicht für Amerika zeigt 1792 schon 66000 und 
1812 195377 Glieder. Wegen der großen Entfernungen 
wurden schon 1796 sechs verschiedene Konferenzen einge- 
richtet, die nördliche, die südliche usw. Aber an die Spitze 
trat die alle vier Jahre im Mai tagende Generalkonferenz, 
zu der anfangs alle Prediger berechtigt waren. Aber die 
wachsende Predigerzahl machte es bald nötig, daß nur auf 
fünf Prediger ein Vertreter zur Greneralkonferenz berechtigt 
wurde — heute einer auf 45. Die erste „delegierte" Greneral- 
konferenz tagte 1812. Der amerikanische Methodismus sieht 
in den beiden Bischöfen Coke (f 1814) und Asbury (f 1816) 
die ersten, langjährigen Arbeiter und die Begründer der 
Methodist Episcopal church. Dieser Kirchenkörper ist heute 
der gewaltigste unter allen methodistischen Kirchen und 
Gemeinschaften der Erde, die insgesamt nach methodistischer 
Berechnung zurzeit 28 Millionen Mitglieder zählen. Er war 
wohl imstande, eine ganze Heine verschiedener Abzwei- 
gungen zu überdauern und bis heute zu überragen. Aber 
es ist zu beachten, daß auch die abgetrennten methodistischen 
Kirchengemeinschaften Amerikas, gleich den vielen Separa- 
tionen, welche die wesleyanische Kirche Englands erfuhr, 
schließlich doch nur Glieder ein und derselben großen, metho- 
distischen Familie sind. In der Lehre unterscheiden sich 
nur die arminianischen Kirchen, welche, wie der bischöfliche 
Methodismus, sich an Wesley halten, und die an Zahl weit 
geringeren kalvinisch-prädestinatianischen Kirchen, welche 
Whitefield folgen. Die Ursachen zur Trennung waren im 
übrigen fast stets praktischer Natur, z. B. die verschiedene 
Stellung zur Sklaverei, die Frage der Laien Vertretung in 



— 23 — 

den Konferenzen und die Form der Kirchenverfassung, je 
nachdem die bischöfliche, presbyterianische oder kongrega- 
tionalistische Organisation vorgezogen wurde. Obschon die 
Zahl der Prediger in den einzelnen Kirchen seit 1891 eine 
andere und höhere geworden ist, will ich doch, um wenigstens 
einen allgemeinen Eindruck des Größenverhältnisses zu er- 
möglichen, die Statistik von 1891 hier mitteilen, wie sie in 
Chambers Enzyklopädie von 1901 Vol. 7 angegeben ist: 

Die bischöfl. Methodistenkirche des Nordens 14135 Prediger 

Dieselbe des Südens 4530 „ 

Die afrikanische bischöfl. Methodistenkirche 2550 „ 

Die afrikanische bischöfl. methodist. Zionskirche . . 2110 „ 

Die farbige bischöfl. Methodistenkirche von Amerika . 1729 „ 

Die Evangelische Gemeinschaft 1121 ,, 

Die Union der amerik. method. bischöfl. Kirche ... 40 ., 

Außerdem von den nicht bischöflichen Kirchen: 

Die methodistischen Protestanten 1570 ., 

Andere, nicht bischöfliche Kirchen 2502 „ 

Die methodistische Kirche von Kanada 1558 „ 

Uns handelt es sich vor allem um die bischöfliche Metho- 
distenkirche des Nordens. Ihre neueste Statistik von 1905 
weist folgenden Bestand auf: Bischöfe 28; Prediger 18618; 
Mitglieder 3148211; Zunahme in 1905: 78090, davon 49991 
in voller Verbindung; Wert des Kircheneigentums über 
630 Millionen Mark; darauf lastende Schuld etwa 7 Prozent. 
(Evst. 1906, Nb. 7.) 

Um die Buntscheckigkeit der methodistischen Kirchen- 
bildungen zu verstehen, müssen wir uns die völlige Freiheit 
des amerikanischen Kirchenwesens gegenwärtig halten. So 
haben die Katholiken in Amerika 7, die Presbyterianer 12, 
die Baptisten 13 und die Lutheraner 21 verschiedene Ab- 
zweigungen. Doch zeigt sich schon hie und da ein Rück- 
schlag gegen solches Übermaß. Insbesondere ist im Metho- 
dismus die Neigung zu oft eigenwilligen Separationen vor- 



— 24 — 

über und seit einigen Jahrzehnten von einem immer stärker 
werdenden Einigungs bestreben abgelöst worden. Wir sehen 
dies z.B. bei der „bischöflichen Methodistenkirche des Südens", 
der größten Spaltung, wolche der amerikanische Methodis- 
mus (1848) erfuhr, weil der Bischof Dr. Andrew (1844) 
eine Sklavenbesitzerin geheiratet hatte. Denn Nord und 
Süd nähern sich wieder, indem ein von beiden G-eneral- 
konferenzen gewählter „ Verbrüderungsausschuß " eine dem- 
nächstige Vereinigung als möglich in Sicht rückt. Dieser 
Einigungstrieb hat außer anderen Ursachen vielleicht etwas 
dazu beigetragen, daß nicht mehr vier methodistische Kirchen, 
sondern nur noch zwei in Deutschland Mission betreiben. 
Aber durch den ganzen Methodismus geht, ähnlich wie bei 
den Presbyterianern, eine starke Unionsbewegung. Sie findet 
Ausdruck und Förderung durch die alle zehn Jahre tagende 
„ökumenische Methodistenkonferenz ", welche 1881 in London, 
1891 in Washington und 1901 in London tagte. Die an der 
ökumenischen Konferenz eifrig beteiligten bischöflichen Me- 
thodisten sind mehr als sechsmal so zahlreich, als ihre 
wesleyanische Mutterkirche. 

Fragen wir nach der Ursache dieses schnellen Wachs- 
tums, so erinnere ich daran, daß der Methodismus in seiner 
Organisation und im religiösen Anfassen der Menschen un- 
gemein praktisch gerichtet ist und nach greifbaren Erfolgen 
trachtet. Grerade dies ist dem amerikanischen National- 
charakter sehr sympathisch. Der durchschnittliche Ameri- 
kaner ist ein praktischer Mensch, wie auch die modernen 
„Briefe eines Millionärs an seinen Sohn" zeigen. Nichts 
liegt ihm ferner, als ein tiefsinniges Grübeln über das Wesen 
der Dinge, als ein mühsames, geistiges Ringen um die Wahr- 
heit an sich. Wissenschaftliches Streben gilt nur so viel, 
als es praktisch verwendbar ist, aber Arbeit, Fleiß und Er- 
folg gelten alles. Geachtet ist der, welcher auf irgend eine 
Weise im Leben vorankommt, ohne allzu wählerisch zu sein 
in den Mitteln, ein Selfmademan. So nimmt der Ameri- 



— 25 — 

kaner das Leben, wie es ist. In bezug auf den Dollar, aber 
auch. nach, anderen Richtungen hin, geht es ihm in erster 
Linie um Erfolg und zwar um schnellen, in die Augen 
fallenden und möglichst leicht erreichbaren Erfolg. So wurde 
Amerika das Land der die Arbeit erleichternden und be- 
schleunigenden Maschinen. Hier wußte man zuerst in weiter 
Ausdehnung schnell zu pflügen, zu säen, zu mähen, zu nähen, 
zu schreiben usw. Dazu kommt ein kolonisatorischer Er- 
oberungstrieb, der auf einem nationalen Bewußtsein ruht, 
das an Stärke unserm deutschen Vaterlandsgefühl nichts 
nachgibt. Unter den transatlantischen Freikirchen geben 
diese nationalen Charakterzüge ganz besonders dem ameri- 
kanischen Methodismus sein eigenartiges Gepräge, durch 
welches er sich auch von dem ruhigeren, konservativeren, 
englischen Wesleyanismus unterscheidet. Die sogenannten 
„ neuen Maßregeln" wie Lagerversammlungen, Bußbank, 
Wachnächte usw. sind eine amerikanische Erfindung. Die 
vorgenannte nationale Art der Amerikaner ist ausschlag- 
gebender für die dortigen Erfolge des Methodismus, als die 
„hochgradige, amerikanische Nervosität", aufweiche Nippold 
in seiner „Amerikanischen Kirchengeschichte" (Handbuch der 
neuesten Kirchengesch. Band IV, S. 110) hinweist. Für die 
Zukunft ganz Amerikas aber hat schon Dorner (f 1884) eine 
großartige Perspektive aufgestellt. Er sagt „daß Amerika 
mit seiner jugendlichen Aufnahmekraft für fernere Millionen 
von Einwanderern, mit seinen unabsehbaren, der Kultur 
harrenden Flächen und seinen Bodenschätzen das Land der 
unbegrenzten Möglichkeiten und der Entwicklung und Zu- 
kunft sei, das alternde Europa einst überflügeln und einst 
die Führung der Völker auf dem ganzen Erdball haben 
werde" Wann und wie weit dies eintreten mag, können 
Menschenaugen nicht absehen. Auch ist nicht abzusehen, 
ob und inwieweit der amerikanische Methodismus teilnehmen 
werde an einem solchen Siegesgang seiner Nation. Daß er 
aber nach dieser Richtung hin energische und erfolgreiche 



— 26 — 

Schritte tut, ist nicht zu verkennen und wird uns in Deutsch- 
land fühlbar. 

Lehre und Kultus. 

Es handelt sich in diesem Abschnitt nicht um eine all- 
seitige und theologische Auseinandersetzung mit der Lehre 
des Methodismus, sondern um eine quellenmäßige und zu- 
verlässige Schilderung, wie nach der „Lehre und Kirchen- 
ordnung" von 1904 gelehrt werden soll. Deshalb folgt die 
Darlegung berichtend und schlicht dem Orange dieser Kirchen- 
ordnung und ist nicht nach prinzipiellen Gesichtspunkten ge- 
gliedert, wie sie für eine dogmatische Erörterung nötig sein 
würden. 

Der Methodismus wollte ursprünglich nicht die Lehre 
der Kirche verbessern, sondern das Leben der Christen. 
Das Bekenntnis der Kirche Englands wurde beibehalten. 
Doch hat Wesley die 39 Artikel auf 25 verringert und alle 
katholisierenden Ausdrücke, sowie die unbedingte Gnaden- 
wahl gestrichen. Allgemeines Ansehen in bezug auf die 
Lehre genießen außerdem nur die 58 Predigten Wesleys, die 
er vor 1771 veröffentlichte und seine Bemerkungen (Notes) 
zum Neuen Testament, die wesentlich eine Abkürzung von 
Bengels Gnomon sind. Auch die für Amerika gültige 
Liturgie und Ordnung des Grottesdienstes stammt von "Wes- 
ley, der die Vorschriften des englischen Common Prayer 
Book zu diesem Zweck sehr abkürzte. Im Gegensatz hier- 
zu haben die Wesleyaner Englands die reiche Liturgie der 
alten Kirche beibehalten, wie mir dies entgegentrat, als ich 
am 13. August 1905 einem würdigen und erbaulichen Gottes- 
dienst in der Wesley-Kapelle (in der City-Road zu London) 
beiwohnte. Dieselbe wird wegen ihrer ehrwürdigen Er- 
innerungen das „Mekka des Methodismus" genannt. (Evst. 
1905, No. 33) Wie einfach ist dagegen die „Ordnung des 
öffentlichen Gottesdienstes", wie sie durch die Kirchen- 
ordnung (§ 69) für die nördliche und die südliche bischöf- 



— 27 — 

liehe Kirche Amerikas vorgeschrieben ist. Hier ist freige- 
geben, ob das apostolische Glaubensbekenntnis gesprochen 
werden soll, oder nicht. Auch gibt es weder Altar, noch 
Talar. 

Von großer Bedeutung für den amerikanischen Metho- 
dismus war die G-eneralkonferenz zu los Angeles von 1904. 
Hier wurde die ganze Kirchenordnung neu aufgestellt. Das 
Erneuerungswerk war gründlich vorbereitet. Die G-eneral- 
konferenz von 1900 hatte es beraten, mit 542 gegen 94 
Stimmen empfohlen, und die einzelnen Jahreskonferenzen 
hatten es mit der erforderlichen 3 / 4 Mehrheit von 8542 gegen 
2529 Stimmen angenommen. Die deutsche Ausgabe dieser 
neuen Kirchenordnung zählt 453 Seiten, von denen die an 
der Spitze stehende Glaubenslehre mit 25 Artikeln nur knapp 
acht Seiten in Anspruch nimmt. In diesen Glaubensartikeln 
wird weder auf das apostolische, noch auf ein sonstiges, altes 
Bekenntnis Bezug genommen. Doch treten die Hauptlehren 
aller evangelischen Kirchen darin zutage. Ein antikatho- 
lischer und zwar reformiert-arminianischer Grundton ist er- 
kennbar. Die Artikel handeln von der heil. Dreieinigkeit, 
von dem Wort oder dem Sohne Gottes, welcher wahrhaftiger 
Mensch wurde, von der Auferstehung Christi, von dem heil. 
Geist, von der Hinlänglichkeit der heil. Schrift zur Selig- 
keit, von dem Alten Testament, von der Erbsünde, vom freien 
Willen, von des Menschen Rechtfertigung, von guten Werken, 
von Werken über unsere Schuldigkeit hinaus, von Sünden 
nach der Rechtfertigung, von der Kirche, vom Eegfeuer, 
vom Gebrauch einer dem Volk verständlichen Sprache beim 
Gottesdienst, von den Sakramenten, von der Taufe, vom 
Abendmahl, vom Genuß des Abendmahls in beiden Gestalten, 
vom alleinigen Opfer Christi am Kreuz, von der Ehe der 
Geistlichen, von kirchlichen Gebräuchen und Zeremonien, 
von der Obrigkeit, von den zeitlichen Gütern der Christen, 
vom Eid. An dieses Glaubensbekenntnis werden sofort die 
sogenannten „allgemeinen Regeln" angeschlossen, wie sie 



— 28 — 

wesentlich, noch aus den Zeiten der ersten „Gemeinschaften" 
Wesleys stammen und wie sie jeder beobachten muß, der 
Methodist werden will. Die alte Bedingung ist geblieben, 
daß er „ein Verlangen 'haben muß, dem zukünftigen Zorn 
zu entfliehen und von Sünden erlöst zu werden" Für die 
undogmatische und vorwiegend ethische Grundrichtung des 
Methodismus ist es sehr bezeichnend, wie die geforderten 
sittlichen Früchte solchen Verlangens sofort näher spezifi- 
ziert werden. Außer der kirchlichen Pflicht, im Gebrauch 
von Gottesdienst, Abendmahl, heil. Schrift, Fasten „oder 
Enthaltung" treu zu sein, wird neben Geduld und Selbst- 
verleugnung auch. Fleiß, Sparsamkeit und Wohltätigkeit ver- 
langt. Auch soll man im geschäftlichen Verkehr besonders 
solche berücksichtigen, „die des rechtfertigenden Glaubens 
teilhaftig geworden sind", also doch wohl Methodisten 
(§ 31 — 32). Vor allem aber werden 17 einzelne Stücke 
genannt, deren sich ein Methodist zu enthalten hat, z. B. 
das Kaufen, Verkaufen und Trinken geistiger Getränke; das 
Kaufen, Verkaufen und Halten von Sklaven; Schlägereien, 
Hadern, Zanken, Prozeßsucht; Wucher und Zollvergehen; 
liebloses und unnützes Geschwätz, besonders Übelreden gegen 
Obrigkeit und Prediger; das Tragen von Gold und kost- 
spieligen Kleidern; schlechte Vergnügungen, Lieder und 
Bücher; Weichlichkeit und das Sammeln irdischer Schätze; 
leichtsinniges Geldborgen usw. (§ 30). Auch ist schon hier 
das große „Gnadenmittel" des Methodismus genannt, nämlich 
die Einteilung jeder Gemeinde in „Klassen" von ungefähr 
zwölf Personen. Jede Klasse versammelt sich wöchentlich 
unter der Leitung eines Klassenführers. Dieser soll 1. dar- 
auf achten, wie jedes Gemeindeglied in der Gottseligkeit 
fortschreitet; 2. raten, verweisen, trösten, ermahnen; 3. die 
Gaben für Pfarrgehalt, Kirche und Armen empfangen. Auch 
soll er wöchentlich mit dem Prediger und den Gemeinde- 
verwaltern zusammenkommen, um diejenigen anzuzeigen, 
welche krank oder besonderer Seelsorge bedürftig sind und 



— 29 — 

um die eingegangenen Beiträge abzuliefern. Die Klasse ist 
das Fundament für den Bau des ganzen kirchlichen Orga- 
nismus. Über der Klasse baut sich auf die Gemeinde, über 
der Gemeinde die vierteljährliche, über der vierteljährlichen 
die jährliche und über der jährlichen die Generalkonferenz. 
Diese tritt alle vier Jahre am ersten Mittwoch des Monats 
Mai morgens um 10 Uhr zusammen. Wir würden etwa 
sagen: Gremeinde-, Kreis-, Provinzial- und General- Synode. 
Ausführlich werden die Zusammensetzung und die Befug- 
nisse der Generalkonferenz dargestellt. Die Laiendelegaten 
werden von besonderen Laien- Wahlkonferenzen gewählt und 
tagen zusammen mit den Predigerdelegaten als ein Körper. 
Es hat lange gedauert und viel Widerstand war zu über- 
winden, bis 1872 durch diese bedeutungsvolle Maßregel der 
pastoral-hierarchische Grundzug des alten Methodismus ge- 
ändert werden konnte. Noch heute ist es dabei geblieben, 
daß für die so sehr einflußreichen Jahreskonferenzen nur 
die Reiseprediger d. h. die Pastoren berechtigt sind. Aber 
wenn nicht alles täuscht, so wird der Methodismus auch 
hierin dem Verlangen der Gemeinden in absehbarer Zeit 
nachgeben und den Laien auch zu den Jahreskonferenzen 
die Türe auf tun müssen. Von den neuen, dahin gerichteten 
Bestrebungen der Methodisten in Deutschland werden wir 
noch zu reden haben. Bemerkenswert ist, daß die Allmacht 
der Generalkonferenz (§ 46, Art. X) dadurch beschränkt 
wird, daß sie die Glaubensartikel und die allgemeinen Re- 
geln nicht ändern, auch das bischöfliche Amt nicht ab- 
schaffen soll. 

Der zweite Teil der neuen „Lehre und Kirchenordung" 
von 1904 handelt von der Kirche und zwar zunächst von 
ihren Gliedern. Keiner ist in volle Gemeinschaft aufzu- 
nehmen, der nicht erst sechs Monate lang Probeglied war, 
gut empfohlen ist und vor der Gemeinde geprüft wurde. 
Hier wird die Klasse bezeichnet als ein „segenreiches Gna- 
denmittel " für die Mitglieder. Ihr „Hauptzweck" sei die geist- 



— 30 — 

liehe Beaufsichtigung der Glieder durch den Klasseführer. 
Offenbar soll also die Klasse im Interesse der Stabilität ein 
Gregengewicht bilden gegen die Unruhe, welche der stetige 
Predigerwechsel infolge, des Reisesystems in die Gemeinden 
hineinträgt. Denn der Klasseführer, ein Laie, bleibt in der 
Gemeinde seßhaft. Nur durch seine Auskunft kann der alle 
paar Jahre oder gar jährlich neu einziehende Prediger einen 
Einblick erhalten in die persönlichen Verhältnisse seiner je- 
weiligen G-emeindeglieder, die er nach kurzer Frist wieder- 
um verlassen muß. Die folgenden, besonderen Anweisungen 
für die Gemeindeglieder handeln von der Mäßigkeit, Klei- 
dung, Verehelichung, Ehescheidung, Sklaverei und den Ver- 
gnügungen. Über die Verehelichung ist eine Bestimmung 
bemerkenswert. Es soll nämlich eine Tochter ohne die Zu- 
stimmung ihrer Eltern nicht heiraten. Wenn sie dies je- 
doch für ihre Pflicht hält, aber die Eltern es ihr durchaus 
nicht erlauben wollen, dann kann — ja dann soll sie ohne 
die elterliche Zustimmung sich verehelichen, doch nicht mit 
einem Methodistenprediger. Daß bei den Vergnügungen das 
Theater, der Tanz und die Glücksspiele verboten werden, ist 
selbstverständlich. Die „Ordnung des öffentlichen Gottes- 
dienstes", welche alsdann folgt, ist noch einfacher, als die 
der meisten deutschen Landeskirchen. Eine Agende gibt 
es nicht, die Gebete werden frei gesprochen, bei denselben 
kniet die Gemeinde, steht aber während des Singens. Falls 
das apostolische Glaubensbekenntnis gesprochen wird, heißt 
es im dritten Artikel nicht „Auferstehung des Fleisches", 
sondern „des Leibes" Vom „Singen im Geist und in der 
"Wahrheit" handelt der Schluß dieses Teiles. 

Der dritte Teil der Kirchenordnung bestimmt eingehend 
über die verschiedenen Konferenzen, nämlich die General- 
konferenz, die jährlichen Konferenzen, die Laien -Wahl- 
konferenzen, die Missionskonferenzen, die Distriktkon- 
ferenzen, die Vierteljahrskonferenzen, die Versammlung der 



— 31 — 

Klassenführer und Verwalter und die Grerichtskonferenzen 
für Disziplinarfälle*). 

Der vierte Teil der Lehre und Kirchenordnung handelt 
vom Predigtamt. Zunächst werden unter der Überschrift: 
„Der Ruf zum Predigtamt " hohe, geistliche Ansprüche an 
den gestellt, der ein Prediger werden will. Daran schließen 
sich sehr praktische, ich möchte sagen seelsorgerliche „Regeln 
für das Betragen eines Predigers" Ich greife einige Sätze 
heraus: „Sei fleißig; sei niemals unbeschäftigt; gib dich nie 
mit unnützen Kleinigkeiten ab; vertändele keine Zeit; ver- 
weile nie länger an einem Ort, als unumgänglich notwendig ist ; 
glaube von niemand etwas Böses, ohne glaubwürdiges Zeug- 
nis; lege alles aufs beste aus, denn der Richter soll immer 
auf des Angeklagten Seite sein; rede niemand Übels nach; 
sage einem jeden, der deiner Obhut anvertraut ist, was du 
in seinem Betragen oder in seiner Gesinnung für Unrecht 
hältst und zwar liebevoll und deutlich, sonst wird es in 
deinem Herzen eitern; vermeide alles eitle Auftreten; sei 
pünktlich, ernsthaft, gesetzt und würdevoll; wähle die deut- 
lichsten Texte, die du finden kannst; schweife nicht ab, 
sondern halte dich an deinen Text; vermeide alles Unschick- 
liche und Affektierte in Gebärden, Ausdrucksweise und Be- 
tonung; mache es dir zur Grewohnheit, wenn du ex tempore 
betest, „nie über acht oder höchstens zehn Minuten zu beten" 
Die folgenden Abschnitte handeln von den Pflichten der 
Prediger gegen Grott, gegen sich selbst und gegen einander; 
von der nützlichen Verwendung unserer Zeit; von der Not- 
wendigkeit einer innigen Verbindung unter uns selbst; von 



*) Die große, alle vier Jahre tagende G-eneralkonferenz, die ihre 
Teilnehmer aus so vielen Ländern des Erdballs versammelt, verur- 
sacht manche Kosten. Dieselben wurden 1904 durch Beiträge von 
150 Konferenzen gedeckt und betrugen rund 530000 M. Damit waren 
freilich zu bestreiten die Reisekosten für amerikanische und aus- 
ländische Delegaten, die Unkosten für Schlafwagen und Mahlzeiten 
unterwegs, die Hotel- und Kosthausrechnungen in los Angeles usw. 



— 32 — 

unserrn Betragen an den Konferenzen; wo und wie zu 
predigen; von der Pastoraltreue. In diesen Vorschriften und 
Mahnungen steckt viel Seelenkunde und pastorale Weisheit. 
Als die beste Methode des Predigens wird angegeben: 1. von 
der Sünde zu überzeugen; 2. Christum anzubieten; 3. ein- 
zuladen; 4. zu erbauen. Dazwischen finden sich kasuistisch 
anmutende Fragen, wie: „Issest du bei keiner Mahlzeit mehr, 
als notwendig ist? Fühlst du dich nicht beschwert oder 
schläfrig nach dem Mittagessen? Gebrauchst du Wasser 
als gewöhnliches Getränk? Wer von uns steht um vier oder 
fünf Uhr auf, wenn er nicht predigt?" usw. 

Bevor nun ein Bewerber als Probeprediger auf zwei 
Jahre durch die jährliche Konferenz anerkannt wird, muß 
er von seiner Heimatskonferenz empfohlen sein, das erste 
Examen bestanden und folgende Fragen schriftlich beant- 
wortet haben: 1. Hast du Schulden, welche dir im Predigt- 
amt hinderlich sind? 2. Willst du dich des Gebrauchs von 
Tabak gänzlich enthalten? Er kann dann in den beiden 
Probejahren als Reiseprediger auf Bezirken oder Stationen 
oder aucli als Lehrer an einer höheren Schule tätig sein. 
Vor der Aufnahme in volle Verbindung als Reiseprediger 
muß er obige beiden Fragen nochmals schriftlich beant- 
worten und das zweite Examen bestehen. Alsdann ge- 
schieht vor der Konferenz nach feierlichem Fasten und 
Gebet seine Aufnahme. Dabei muß er 19 Ordinationsfragen 
beantworten, unter denen jede Beziehung auf die Inspiration 
der Bibel oder ein Bekenntnis der alten Kirche fehlt. Da 
diese Fragen für die methodistische Art bezeichnend sind, 
so seien sie hier mitgeteilt: 

1. Hast du Glauben an Christum? 

2. Jagst du der Vollkommenheit nach? 

3. Erwartest du, in diesem Leben völlig in der Liebe 
gemacht zu werden? 

4. Trachtest du ernstlich danach? 



— 33 — 

5. Bist du entschlossen, dich, gänzlich Gott und seinem 
Werke zu widmen? 

6. Kennst du die allgemeinen Regeln unserer Kirche? 

7. Willst du sie halten? 

8. Hast du die Lehren der Bischöflichen Methodisten- 
kirche genau geprüft? 

9. Glaubst du, nach gründlicher Untersuchung, daß 
unsere Lehren mit der heiligen Schrift überein- 
stimmen? 

10. Willst du dieselben predigen und aufrechthalten? 

11. Hast du unsere Kirchenordnung und Verfassung 
genau geprüft? 

12. Stimmst du mit unserm Kirchenregimente und 
unserer Kirchen Verfassung überein? 

13. Willst du dieselben unterstützen und aufrechthalten? 

14. Hast du die Regeln für die Prediger, hauptsächlich 
diejenigen über Fleiß, Pünktlichkeit und Gewissen- 
haftigkeit sorgfältig erwogen? 

15. Willst du sie Gewissens halber halten? 

16. Willst du an jedem Ort die Kinder fleißig unter- 
richten? 

17. Willst du regelmäßig Hausbesuche machen? 

18. Willst du Fasten oder Enthaltung sowohl durch 
Lehre, als durch Beispiel empfehlen? 

19. Bist du entschlossen, deine ganze Zeit dem Werke 
Gottes zu widmen? 

Unsere deutschen Ordinationsfragen könnten in ihre 
theoretischen Allgemeinheiten auch einige praktische, per- 
sönliche Fragen mehr aufnehmen. 

Die letzten Kapitel des vierten Teiles vom Predigtamt 
behandeln in aufsteigender Reihe die Pflichten und Rechte 
der Diakonen und Ältesten, welche beide höhere Prediger 
sind und der Händeauflegung eines Bischofs bedürfen, 
sowie der Bischöfe. Ein Bischof wird durch die General- 
konferenz gewählt und in der Regel von drei andern 

Jüngst, Methodismus. 3. Aufl. ° 



— 34 — 

Bischöfen geweiht. Seine Befugnisse sind groß. Er leitet 
die Jahreskonferenzen und bildet die Distrikte. Er soll 
den Aufsichtspredigern jährlich und den Distriktsältesten 
spätestens alle sechs Jahre die Arbeitsfelder anweisen. Er 
ernennt die korrespondierenden Sekretäre der Wohltätig- 
keitsgesellschaften und Verwaltungsräte, einige Verlags- 
agenten, die Editoren und Hilfseditoren in sieben großen 
amerikanischen Städten und den Editor des „Zions Herald", 
die Kaplane in Gefängnissen, Korrektionshäusern, Hospi- 
tälern, in der Armee und Marine, die Matrosenprediger, 
die Prediger der Amerikanischen Bibelgesellschaft und 
ihrer Hilfsvereine, die Präsidenten, Prinzipale und Lehrer 
methodistischer Lehranstalten, die Sekretäre und Super- 
intendenten der Stadtmissionen. Auch die Traktatagenten, 
die Mäßigkeitsagenten, die Lehrer an und Agenten für 
nicht methodistische Lehranstalten, die Agenten für den 
deutschen Publikationsfond und für Wohltätigkeitsanstalten, 
die Editoren für nichtoffizielle Zeitungen oder Magazine 
kann er ernennen, falls eine jährliche Konferenz ihn dazu 
auffordert Er kann auch endlich einen oder mehrere 
Prediger aus einer Jahreskonferenz als „Evangelisten" an- 
stellen. Eine kirchlich ungeordnete, per sönlich- willkürliche 
Evangelisation kennt der in dieser Hinsicht erprobte Me- 
thodismus nicht. Kein Prediger darf einen Evangelisten rufen, 
der nicht vom Bischof angestellt oder wenigstens vom 
„Vorstehenden Altesten" schriftlich genehmigt ist. Selbst 
der Bischof darf nur dann Evangelisten anstellen, falls die Kon- 
ferenz dies mit einer zweidrittel Stimmenmehrheit beschließt 
und falls die betreffenden Prediger einen solchen wünschen. 
(§ 173,4,8 und § 193,31.) Der Bischof kann auch im Laufe 
des Konferenzjahres Prediger versetzen, hat die Oberauf- 
sicht über die zeitlichen und geistlichen Angelegenheiten 
der Kirche, hat Rechtsfragen zu entscheiden unter Vor- 
behalt der Appellation an die Greneralkonferenz und die 
Studien für die theologischen Prüfungen und den vier- 



— 35 — 

jährigen Studienkursus für Ortsprediger zu bestimmen. 
Endlich soll der Bischof das ganze Gebiet bereisen und 
wenn er ohne die Einwilligung der Generalkonferenz auf- 
hört zu reisen, so darf er nicht mehr Bischof sein; ein 
Zeichen, welcher Wert auf das Reisen auch der Bischöfe 
gelegt wird, was in der katholischen Kirche meist von den 
„Weihbischöfen" besorgt werden muß. Mit Bestimmungen 
über Missionsbischöfe, Distriktälteste, die einen Bischof 
vertreten dürfen, Pastoren oder Aufsichtsprediger und 
supernumerierte Prediger, die eine Zeitlang und super- 
annuierte Prediger, die dauernd im Ruhestande leben, 
schließt der vierte Teil der „Lehre und Kirchenordnung " 

Der fünfte Teil „Lokalprediger und Laiengehilfen" 
enthält die Bestimmungen über Vorbildung, Anstellung 
und Arbeit der Ortsprediger, Ermahner und Diakonissen. 
Die gesamten Bischöfe (The Board of the B.) teilen das 
ganze Kirchengebiet ein in „Diakonissen-Distrikte" und 
ernennen einen besonderen Superintendenten für das Dia- 
konissenwerk jedes Distriktes. 

Im sechsten Teil der „Lehre und Kirchenordnung" 
wird unter dem Titel „Das gerichtliche Verfahren der 
Kirche" in 62 Paragraphen ganz genau und eingehend 
Bestimmung getroffen über ein disziplinarisches Vorgehen 
gegen Bischöfe, Konferenzmitglieder (Reiseprediger), Probe- 
prediger, Lokalprediger und Gemeindeglieder und über die 
für jeden einzelnen Fall mögliche Art der Appellation gegen 
die erste Entscheidung. Die Gemeindeglieder unterliegen 
der Kirchenzucht nicht nur bei unsittlichem Betragen, son- 
dern auch bei Pflichtvernachlässigung, bei sündlichen Tem- 
peramentsausbrüchen oder Redensarten, beim geringsten 
Anteil am Vertrieb berauschender Getränke, bei Tanzen, 
Hazardspiel, beim Besuch von Theater, Pferdewettrennen, 
Zirkussen, Tanzkränzchen oder Tanzschulen, beim Ungehor- 
sam gegen die Zucht und Ordnung der Kirche, bei Ver- 
säumnis der „Gnadenmittel", zu denen man Gottesdienst, 

3* 



— 36 — 

Abendmahl, Gebet, Bibellesen, Klaß Versammlungen und 
Betstunden rechnet (§ 249), bei Anstiften von Zwiespalt, 
Geschäftsstreitigkeiten und Bankerott. 

Der siebente Teil 'handelt vom „Zeitlichen Haushalt 
der Kirche" In den Gemeinden sind dafür die „Verwalter" 
da, welche die freiwilligen Gaben der Kirchenglieder zur 
Bestreitung des Predigergehaltes empfangen und ordnen. 
Auch wird in diesem Teil über Unterstützung der Emeriten, 
über Verwaltung des Kircheneigentums, über den Bau von 
Kirchen und Predigerwohnungen und die kirchlichen Fonds 
genaue Anweisung gegeben. 

Der achte Teil behandelt unter der Aufschrift „Er- 
ziehungs- und Wohltätigkeitsanstalten" das Gebiet der 
inneren und äußeren Mission. Es besteht seit 1869 ein 
großer Erziehungs-Board zur Verwaltung der unter bischöf- 
licher Aufsicht stehenden Lehranstalten der Kirche: Ele- 
mentarschulen (Primary), Mittelschulen (Secondary), Hoch- 
schulen (Colleges), Universitäten und Theologische Schulen. 
Keine Kirche hat eine so bedeutende und reiche Einrich- 
tung. Sie unterstützte im Jahre 1905 1959 Studenten 
(Evst. 1906, No. 5). „Um Bildung und wahre Frömmigkeit 
unter den jungen Leuten in den Gemeinden zu fördern 
und sie zu christlicher Tätigkeit und zu Werken der Barm- 
herzigkeit heranzuziehen" besteht ferner ein großartiger 
Verein, der nach Wesleys Geburtsort den Namen Epworth- 
Liga trägt. Alsdann wird Bestimmung getroffen über die 
Sonntagsschulen, über Frauenvereine und besonders über 
das große Missionswerk für Inland und Ausland und über 
die der Kirche fest eingegliederte Stadt - Evangelisation, 
über das Verfahren beim Unternehmen eines Kirchenbaues, 
über die Hilfsgesellschaft für befreite Sklaven und das ge- 
samte Buchwesen. Das letztere ist sehr bedeutend und 
erforderte Anweisung für die großen Hauptverlagshäuser, 
für das Buch-Geschäfts-Komitee, die Editoren und die zwölf 
Zeitschriften, unter denen zwei in deutscher Sprache er- 



— 37 — 

scheinen („Der christliche Apologete" und „Hans und 
Herd"). Mit Anordnungen über Bücherniederlagen, Trak- 
tate und die Mäßigkeitsgesellschaft schließt dieser Teil. 

Im neunten Teil werden die Grenzen angegeben für 
130 amerikanische und 12 deutsche Konferenzen. 

Der zehnte und letzte Teil der „Lehre und Kirchen- 
ordnung" bringt die vorgeschriebenen liturgischen Formu- 
lare für Taufe, Aufnahme von Mitgliedern, Abendmahl, 
Trauung, Begräbnis, Weihe, Ordination, Grundsteinlegung 
und Einweihung. Es finden sich darin treffliche Stücke. 
Hier können wir nur bemerken, daß bei der Taufe ein er- 
wachsener Täufling (oder die Eltern des betreffenden 
Kindes) wählen dürfen, ob sie die Taufe durch Besprengen, 
Begießen oder Untertauchen wünschen. Diese subjektiv 
beliebige Formbestimmung über das Sakrament entspricht 
weder der Würde der Handlung, noch der Kirche. Beim 
Abendmahl soll, wenn irgend möglich, nur reiner, un- 
gegorener Traubensaft gebraucht werden. Wenn aber 
berichtet wird, daß drüben aus Enthaltsamkeitsgründen je 
und dann in Methodistengemeinden heißes Wasser auf 
Rosinen gegossen, durchgeseiht und dann beim Abendmahl 
gebraucht wird, so ist der Wunsch berechtigt, daß dies in 
Deutschland nie geschehen möge. Es wird ausdrücklich 
bemerkt, daß das Abendmahl nicht nur kniend, sondern 
auch sitzend oder stehend genossen werden darf. Ist doch 
eine Verschiedenheit darin schon Anlaß zu einer Separation 
geworden. 

Ein umfangreicher Anhang enthält die Angabe von 
Adressen, Verwaltungsräten, Gesetzauslegungen der Ge- 
neralkonferenz, Formularen usw. Hieraus bemerken wir 
noch, daß die Kirche politisch entschieden Front macht 
gegen die Bundesregierung im Punkte des Handels mit 
geistigen Getränken d. h. gegen das Lizenzsystem, vulgo 
den „Saloon" und für volle „Prohibition" eintritt. „Die 
Kirche sollte im Kampfe verharren, bis der Saloon, gleich 



— 38 — 

der Sklaverei, ein Ding der Vergangenheit ist." Wer die 
schrecklichen Folgen des Alkohols unter den englisch 
redenden Völkern bedenkt, wer erwägt oder sieht, wie 
hastig, massenhaft und ungemütlich dort die schärfsten, 
geistigen G-etränke stehend am Schenktisch (Bar) hinunter- 
geschüttet werden, kann solche radikale Temperenz ver- 
stehen. Sie wird auch in den Schulen gelehrt und dort 
auf den Gebrauch der so schädlichen Zigaretten ausgedehnt. 
Schließlich werden die verschiedenen Studienkurse für Reise- 
prediger und Lokalprediger in englischer, deutscher, dä- 
nischer, schwedischer, italienischer und spanischer Sprache, 
sowie für Bulgarien angegeben. Wegen der vorgeschrie- 
benen Kurse in den Sprachen Afrikas, Indiens, Malaysiens, 
Japans, Chinas und Koreas wird auf die Jahrbücher der 
Konferenzen und Missionen in diesen Ländern verwiesen. 
Bei den deutschen Studienkursen werden außer den Werken 
methodistischer Verfasser auch Bücher deutscher Theologen 
vorgeschrieben oder doch empfohlen, wie z. B. Das Leben 
Jesu von Weitbrecht; Heilige Geschichte von Kurtz; Welt- 
geschichta von Weber; Apostolisches Glaubensbekenntnis 
von Lisco; Biblische Altertümer von Calw; Die evangelische 
Mission von Gundert; Das volle gegenwärtige Heil von 
Jellinghaus; Apologetische Vorträge von Luthardt; Der 
Glaube im Neuen Testament von Schlatter; Kirche und 
soziale Frage von Nathusius. 



Mehrere Ursachen haben mich bewogen, den vor- 
stehenden, ausführlicheren Bericht über die „Lehre und 
Kirchenordnung " des bischöflichen Methodismus zu geben. 
Zunächst ging es mir darum, unmittelbar aus der besten 
Quelle zu schöpfen. Sodann wollte ich dem vielfach ver- 
breiteten Irrtum entgegentreten, als ob die 162 in Deutsch- 
land arbeitenden bischöflichen Methodistenprediger, nebst 
den 93 Predigern der Evangelischen Gemeinschaft, als ob 



— 39 — 

diese tätige Schar von 255 Predigern zu vergleichen sei 
mit den vereinzelten Sendboten irgend einer kleinen Sekte. 
Wir stehen vielmehr dem Methodismus gegenüber als einer 
großartigen, begeisterten, planvoll geleiteten, fein und ge- 
schickt organisierten und mit reichen Mitteln ausgerüsteten 
ausländischen Macht, die täglich mehr Boden in Deutsch- 
land gewinnt. So erscheint uns die betrachtete „ Lehre 
und Kirchenordnung tt — was wir auch daran aussetzen 
mögen — als das eigenartige, von Erfahrung, Weisheit, 
praktischem Blick und kirchlichem Selbstbewußtsein zeu- 
gende Werk der größten Freikirche der Erde. 

Um aber einen genügenden Eindruck von der metho- 
distischen Lehre zu gewinnen, müssen wir neben dieser 
magna charta des amerikanischen Methodismus auch auf 
die kirchliche Praxis achten. Andere Sonderkirchen zwar 
haben sich wegen Lehrdifferenzen von ihrer Landeskirche 
getrennt, indem sie einen Punkt oder Abschnitt der Glau- 
benslehre vernachlässigt sahen, für vernachlässigt hielten 
oder anders faßten. Diese Sonderlehren haben sie dann 
mit besonderem Eifer getrieben und zu einer solchen Höhe 
empor gepflegt, daß sie ein allzugroßes Interesse und über- 
großen Teil der Predigt und kirchlichen Arbeit in Anspruch 
nehmen. Ich erinnere an die Tauflehre der Baptisten, an 
die irvingianischen Lehren von der Versiegelung und dem 
Weltende, an die Rechtfertigungslehre der Darbysten usw. 
Anders bei den Methodisten. Ihre Sonderart ist von An- 
beginn praktischer Natur. Wesley wäre trotz seines Ar- 
minianismus in der kalvinischen Kirche Englands gerne 
geblieben, hätte man ihn, den Mann mit dem heiligen 
Feuereifer, nur zu tragen gewußt. Ihm und seinen Jüngern 
handelte es sich nicht um neue Offenbarungen oder Dog- 
men, sondern um Vertiefung und Anwendung der vor- 
handenen Lehre und um eine praktische Weise, den Ernst 
und die Kraft der gegebenen, christlichen Wahrheit in 
Herz, Gewissen und Leben der Christen überzuleiten. 



— 40 — 

Hierauf beruht der Einfluß des Methodismus auf die ein- 
zelnen und sein großartiger Erfolg bei den Massen. Gegen- 
über einem nur verstandesmäßigen oder verweltlichten 
Kirchentum brachte er mit quellfrischer Energie eine inner- 
liche, persönliche Auffassung zur Geltung. Diese im Grunde 
echt protestantische Art brachte ihm den ungemeinen Ein- 
fluß auf evangelische Christen aller Kirchen. An sich war 
und wollte er ursprünglich nichts anderes sein, als eine 
Evangelisations- und Gemeinschaftsbewegung innerhalb 
einer verweltlichten Staatskirche und eines sittlich ver- 
wilderten Volkes. Da handelte es sich nicht um die Fein- 
heiten einer ausgeklügelten Dogmatik, sondern um Er- 
weckung und Stillung der Menschenseelen, die nach Gott 
schrien, durch ernste Anfassung und schlichte, kräftige 
Kost. Noch heute ist es so. Ich kann diese praktische 
Weise des Methodismus nicht besser schildern, als durch 
einige Worte des Bischofs Dr. W Burt. Zur Inspektion 
des Missionsfeldes in Deutschland und zur Abhaltung der 
Jahreskonferenzen war er aus Amerika gekommen und 
hielt diese^ Predigt bei der Tagung der norddeutschen Kon- 
ferenz am 18. Juni 1905 zu Plauen i/V Burt sagt: „Die 
Religion, die sich auf die Kirche beschränkt, von der man 
nur am Sonntag etwas sieht, die in Dogmen und Zere- 
monien besteht, ist eine Religion, für die in der Welt 
kein Bedürfnis ist. Was wir brauchen, ist eine Religion, 
die das Leben erfaßt, Leib und Seele regiert, die uns zu 
besseren Männern und Frauen macht, die uns ein heiliges 
Haus- und Familienleben gibt und die uns zu einem Segen 
macht für die Menschen, die uns umgeben. Das ist die 
Religion Jesu Christi." — „Die Gewalt wird immer mehr 
in die Hand des Volkes übergehen und die Kirche der 
Zukunft wird diejenige Kirche sein, die dem Bedürfnisse 
des Volkes entspricht." — „Brüder und Schwestern, ich 
habe unbegrenzten Glauben an eine Kirche, die sich zu 
dem geringsten und schlechtesten Trunkenbold herabläßt, 



— 41 — 

um ihn zu retten und ich. kann nicht glauben, daß wir 
unsere Kleider beflecken, wenn wir hinabsteigen und dem 
Trunkenbold oder der Hure unsere Hand reichen. Reißt 
sie heraus und bringt sie herauf, damit der Herr Jesus zu 
ihnen sprechen kann: ,Sei reinM" 

Wir werden überhaupt die Eigenart der methodistischen 
Lehre nicht sowohl in Bekenntnisschriften, sondern in seiner 
Predigtweise aufsuchen müssen. Hier stehen folgende Stücke 
im Vordergrund: 1. Die Allgemeinheit der Sünde, aber auch 
der göttlichen Grnade. 2. Die Notwendigkeit der Buße und 
Wiedergeburt. 3. Die Gewißheit des Heils durch das innere 
Zeugnis des heiligen Greistes. 4. Die christliche Vollkommen- 
heit oder die völlige Liebe. 

Was zunächst die Buße und Bekehrung angeht, so 
richtet sich der übliche Vorwurf dahin, der Methodismus 
verlange dafür eine unabänderliche, schablonenhafte Methode 
und habe dadurch seinen Namen. Aber die Entstehung des 
letzteren ist eine einfach historische und reicht zurück bis 
in Wesleys Studentenzeit. Es wird ferner gesagt, der 
Methodismus kenne nur eine Bekehrung, die unter gewal- 
tiger Erschütterung der Seele und gar des Leibes vor sich 
gehe. Auch dies weisen die methodistischen Theologen zu- 
rück. So sagt 0. F Paulus, es sei nicht nötig, „daß der 
Bußkampf stets zu einem Bußkrampf werde" (Das christl. 
Heilsleben, Bremen 1900) Und neuerdings s ehr eibtA. Rücker: 
„Wir legen nicht viel Wert auf ergreifende äußere Zeichen 
der Buße, aber auf rechtschaffene Früchte derselben. Wir 
halten Tränen, krampfartige Zuckungen (von denen ich 
innerhalb 30 Jahren noch nichts zu sehen bekommen habe), 
Schreien und dergl. nicht für Kennzeichen einer rechten 
Buße, wohl aber halten wir es für möglich, daß in Zeiten 
tiefer, religiöser Bewegung bei besonders veranlagten Per- 
sönlichkeiten derartige außerordentliche Zustände vorkommen 
können." (Evst. 1905, No. 47) Wenn endlich nicht selten 
gesagt wird, die Methodisten kannten nur eine plötzliche 



— 42 — 

Bekehrung und jeder Ohrist müsse Tag und Stunde seiner 
Bekehrung genau angeben können, so lautet die Antwort: 
„Daß man im Methodismus auf den Augenblick der Be- 
kehrung lauert mit der Uhr in der Hand, ist eine abge- 
schmackte, unwahre Behauptung. Aber daß man im Christen- 
tum einen Standpunkt erreichen muß, wo man sagen kann: 
„Das Alte ist vergangen, es ist alles neu geworden" und 
daß zwischen dem: „Ihr wäret wie die irrenden Schafe" 
und dem: „Aber ihr seid nun bekehret" ein Zeitpunkt 
liegen muß, wo diese Veränderung bestimmte Gestalt an- 
nahm und dem Gläubigen zum Bewußtsein kam, das be- 
stätigen nicht nur eine ganze Anzahl biblischer Beispiele, 
sondern das Beispiel Luthers selbst, wie eine große Anzahl 
evangelisch-lutherischer Christen. Wir Methodisten legen 
gar kein Gewicht darauf, wann ein Mensch zum Glauben 
und zum Bewußtsein seines Gnadenstandes kommt, sondern 
daß er dazu kommt, betonen wir als biblische Lehre." 
(Rücker, ebendaselbst No. 43; vergl. Der Leuchtturm 1904, 
S. 150) Auch Nuelsen weist es entschieden zurück, daß 
jeder Christ Zeit und Ort seiner Bekehrung genau müsse 
angeben können und sagt: „Kein methodistischer Dogma- 
tiker hat je derartiges gelehrt." (Realenc. 13, S. 15, III. Aufl.) 
Dies ist ohne weiteres zuzugeben. Aber auch das muß 
gesagt werden, daß gerade im Methodismus und zwar noch 
mehr, als anderswo, ein großer Unterschied besteht zwischen 
der theologischen Lehre und der kirchlichen Praxis, welche 
weit mehr an die Öffentlichkeit kommt, als die dogma- 
tischen Lehrbücher der Theologen. Bei der überwiegenden 
Art dieser Praxis, wie sie besonders in Amerika, aber auch 
in Deutschland geübt wird, ist es kein Wunder, daß Vor- 
würfe, wie die obengenannten, nicht aussterben wollen. 
Sicher ist eine Predigt ohne den ernsten Klang der Buße 
und Bekehrung ein Wort ohne Salz, Kraft und Erfolg. 
Aber es bedeutet eine Verarmung des Evangeliums, wenn 
man nur dieses für nötig erachtet und uns zuruft: „Wir 



— 43 — 

wollen uns die hohe Aufgabe stellen, Deutschland mit 
unsern Grundlehren der Buße, Bekehrung und Heiligung 
zu durchdringen/ (Evst. 1905, No. 15) Als Paulus zum 
erstenmal auf Europas Boden weilte, redete er nicht von 
„Grrundlehren", sondern: „Glaube an den Herrn Jesum 
Christum, so wirst du und dein Haus selig." (Apg. 16,31) 
Gegenüber der darin beschlossenen, unendlichen Fülle fühlte 
er sich als den „allergeringsten unter allen Heiligen", für 
den es eine Gnade war, daß er verkündigen durfte „den 
unausforschlichen Reichtum Christi" (Eph. 3,8) 

Was die anderen erwähnten Ausstellungen betrifft, so 
wird doch tatsächlich nicht selten ein menschlich gemachtes 
Schnellchristentum erstrebt. Eine Mitgift dieser Art lag 
schon in der Wiege des Methodismus. Mir fehlt es nicht 
an Verehrung für Wesley. Aber wie unkindlich und un- 
pädagogisch war, um nur dies zu erwähnen, die Art, wie 
er in seiner Schule zu Kings wood den Kindern jedes kind- 
liche Spiel untersagte und sie zum Sündengefühl und Gnaden- 
bewußtsein zu bringen suchte. Es gelang endlich, daß mehrere 
Knaben eine ganze Nacht und den folgenden Tag wachten, 
rangen und um die Gewißheit der Sündenvergebung beteten, 
bis sie ganz heiser und matt waren. Da schrieb er in sein 
Tagebuch: „Der Herr hat eine Fülle der Gnade über diese 
Kinder gesandt." Aber schon nach einem Jahr schreibt er: 
„Es ist seltsam, was ist aus dem wunderbaren Werk der 
Gnade geworden? Es ist dahin, es ist verloren und ver- 
schwunden! Kaum noch eine Spur davon zurück!" Wie 
herzerquickend, fröhlich und fromm redet dagegen Luther zu 
den Kindern! Aber Wesleys harte, hölzerne Behandlung 
der Kinder, die so grundverschieden ist von der Art des 
großen Kinderfreundes, der die Kleinen zu sich rief und 
sie herzte, ist noch heute köstlich in der ordinär methodi- 
stischen Betrachtung. Mit Anerkennung wird aus der Er- 
weckung in Wales berichtet, daß ein Knabe schrieb: „Ich 
bin 11 Jahre alt; in der letzten Kinderversammlung wurde 



— 44 — 

ich bekehrt. Ich bete auch für die Erweckungsversamm- 
lungen. Eine kleine Unterhaltung mit Jesus macht alles 
wohl und recht. Gott antwortet auf unsere Gebete, wenn 
wir Glauben an ihn hapben." Ein Mädchen schreibt, daß 
sie Jesus als ihren persönlichen Heiland angenommen hat 
und sagt: „Ich bin 13 Jahre alt. Am Sonntagabend 
wurde ich bekehrt. Ich zitterte wie ein kleines Kind" usw. 
Ein anderes Kind hat einen Trinker zu den Versammlungen 
eingeladen und meldet: „Er will kein Bier mehr trinken 
und Sonntagabend kommen und sich bekehren. Ich danke 
dem Herrn, daß ich vorige Woche Frieden fand." Und 
gar bei einer großen Kinderversammlung in Liverpool „ent- 
schieden sich 400 Kinder für Jesum" Da versteht man, 
wie der Methodistenprediger etwa 40 erweckte Knaben 
und Mädchen von 11 bis 15 Jahren „zu den besten Christen 
seiner Gemeinde zählt" (Evst. 1905, Nb. 16) 

In bezug auf die eine seelische Erschütterung be- 
zweckende Erweckungsweise gibt es Unterschiede unter 
den methodistischen Gemeinschaften selbst. Im ganzen ist 
der Wesleyanische Methodismus Englands gemäßigter und 
ruhiger, als sein größerer Bruder in Amerika. Amerika ist 
das Geburtsland für die „neuen Maßregeln", für die Lager- 
versammlungen (Campmeetings), Wachnächte usw. Die 
Konferenz in England lehnte sie ab, „da sie vielleicht in 
Amerika angebracht, aber für England unschicklich seien" 
Und als dennoch zwei Ortsprediger dafür eintraten, wurden 
sie aus der Wesleyanischen Kirche ausgestoßen (Bourne 1808 
und Clowes 1810) und gründeten die Primitive Methodist 
Connexion, die vom Volk den Namen „Schwärmer" (Ranters) 
erhielt. Wir müssen hier auf die in Amerika häufige Art 
der Erweckungen (revivals) kurz eingehen. In der zweiten 
Auflage dieser Schrift ist mehr darüber mitgeteilt. Auch 
bringen bis heute politische und kirchliche Zeitungen mannig- 
fache Berichte. Es wäre aber ein Irrtum, durch die Kennt- 
nisnahme solcher Erscheinungen zu urteilen, daß in ihnen 



— 45 — 

das Wesen des ganzen Methodismus sich darstelle oder gar 
erschöpfe. Wir haben in ihnen vielmehr eine speziell auf 
amerikanischem Boden erwachsene Pflanze zu sehen. Auch 
andere Kirchengemeinschaften drüben unternehmen ähnliche 
Veranstaltungen. Auch ist in Amerika das kirchliche Kolo- 
rit der einzelnen methodistischen Gemeinden und Distrikte 
verschieden. Vielfach würden wir in dem ruhigen, sitt- 
lichen, geordneten Familien- und Gemeindeleben amerika- 
nischer Methodisten uns vergebens nach exzentrischen Re- 
vivals umsehen. Und da der Methodismus ungemein ela- 
stisch und anpassungsfähig ist, so wird er auch schwerlich 
dazu übergehen, den Apparat dieser transatlantischen Me- 
thode unverändert nach Deutschland zu verpflanzen. Aber 
das ist freilich anzuerkennen, daß er seiner Natur gemäß 
mehr als die andern Kirchen zu solchen Erscheinungen ge- 
neigt ist. Denn leicht überschätzt man in ihm den Wert 
einer seelisch erfahrenen Sündenangst und Gnadenfreude 
und ist dadurch versucht, in der kirchlichen Arbeit nach 
diesem Ziel vor allen Dingen zu trachten. Woher sonst 
die Sitte, in den Berichten über Feste, erweckliche Veran- 
staltungen usw. stets die Seelen zu zählen, welche „gerettet 
wurden, den Heiland fanden, zum Frieden kamen" usw. 
Der Amerikaner liebt es ja, das Resultat seiner Geschäfts- 
arbeit in Ziffern vor sich zu sehen. Aber es ist nicht ge- 
eignet, dies auf geistliche Arbeit von Menschenseelen aus- 
zudehnen. Doch muß anerkannt werden, daß die endlosen 
Zahlenangaben der hier oder dort „Geretteten" in den Be- 
richten des „ Kriegsrufes " der Heilsarmee weit ermüdender 
und trivialer sind. Um nun einen Eindruck von der Art 
amerikanischer Camp-Meetings zu geben, will ich ein Bild 
mitteilen, welches mir ein durchaus zuverlässiger und dem 
Methodismus nicht grundsätzlich abgeneigter, deutscher 
Geistlicher in einem Privatbrief gezeichnet hat. Er hatte 
einer Versammlung der bischöflichen Methodisten am runden 
See im Norden des Staates New York beigewohnt und 



— 46 — 

schreibt darüber: „Man ist in der Luft amerikanischer 
Frömmigkeit. Beim Läuten einer G-locke setzt man sich 
still mit dem Gesicht nach dem erhöhten Altar zu, der in 
den amerikanischen Farben drapiert ist. Dahinter steigen 
Sitze für die methodistischen Prediger auf, deren ich 28 
zählte. Wer aber saß hinter dem Altar? Die Frau van 
Oott, Witwe und Mutter einer 13jährigen Tochter. Die 
Albany- Abendzeitung berichtet: ,Sie ist eine nette, wohl- 
erhaltene Frau von 46 Jahren, mit einer tiefen, männlichen 
Stimme und mit unbegrenzter Kraft der Ausdauer' Sie 
bat, zuerst ein Lied zu singen ohne Instrument. Nun, diese 
Lieder sind sehr schön, innig, aber die Melodien sind welt- 
lich, arienmäßig. Dann las sie 1. Kor. 13 etwas theatralisch, 
wobei schon einige Leute merklich seufzten. Hiernach hielt 
ein Geistlicher ein langes Gebet um Erweckung und Segen. 
Dann sang man und Frau van Cott erwähnte das pauli- 
nische Wort: ,Eure Weiber lasset schweigen in der Ge- 
meinde', um sich ziemlich gut darüber hinauszuhelfen. 
Sie hielt eine lange, in ihrer Art ausgezeichnete Rede über 
das Kleine, das groß ist vor Gott und große Dinge tut. 
Nun stöhnten viele Leute und riefen: ,Amen, o Herr' usw. 
Sie forderte auf, zu Jesus zu kommen und zwar jetzt. Es 
wurde mir doch ein wenig zu bunt. Einige 20 bis 30 von 
den etwa 1200 Anwesenden kamen von selbst auf die be- 
treffenden Bänke. Andere holte sie bei ihrem Rundgang 
durch die Reihen, doch nur Frauenspersonen. Indes ließ 
sie immer heftiger beten und singen, bis offenbar ein all- 
gemeines Ergriffensein ausbrach. Die Leute warfen sich 
nieder, keuchten, weinten, frohlockten usw. Doch empfing 
man nirgends den Eindruck der Sinnlosigkeit oder gar der 
Heuchelei. Dann traten Leute auf, welche beteten oder 
ihre Bekehrung kurz erzählten oder sie ließ alle, die Jesus 
liebten, die Hände erheben usw., bis nach kurzem Lied und 
Segen geschlossen wurde, um bei Licht wieder anzufangen. 
Man hat im Lager feine Kolonialwaren und Obstläden, 



— 47 — 

Postamt, Telegraph, Polizeiamt, Buchhandlung und mehrere 
Restaurationen, natürlich ohne geistige Getränke." 

Die auf solche Weise erzielte Heilsgewißheit ist doch 
eine andere, als die in der Schrift gelehrte. Die evangeli- 
sche Gewißheit des Heils besteht in der Zuversicht, daß ich 
ewig selig werde, diese aber darin, daß ich mich jetzt 
selig fühle. „Jesus errettet mich jetzt!" Ein augenblick- 
liches Gnadengefühl ist noch kein genügender Beweis einer 
vollendeten Erlösung. Oft wird es gar bald von ganz 
andern Stimmungen abgelöst. Gegenüber den bittersüßen 
Empfindungen bei einem Revival wird die nötige Durch- 
dringung des täglichen Lebens mit dem Sauerteig des 
Evangeliums leicht gering geachtet. Auf dem Wasser der 
Alltäglichkeit schwimmt unvermischt das Ol einzelner Er- 
weckungen und Erfahrungen. Dann kommt es zu keiner 
einheitlichen, sittlichen Durchbildung des Charakters und 
das Wort eines andern Deutschen in Amerika wird be- 
rechtigt: „Die Religion, welche heute nacht im Betsaal den 
Himmel zu stürmen sich anmaßt, hat morgen keine Kraft, 
den Kaufladen und die Werkstätte zu heiligen." Endlich 
ist der Bekennermut eines Christen doch verschieden von 
dem für den inneren Menschen nicht ungefährlichen Er- 
zählen der innersten Erfahrungen in der breiten Öffentlichkeit. 

Doch trotz der dem Beobachter des Methodismus zu- 
erst in die Augen fallenden religiösen, fast nervösen Erreg- 
barkeit, besteht der Kern seines Wesens nicht in ihr allein. 
Hierfür kommt mehr in Betracht seine allenthalben zutage 
tretende, durchaus sittliche Grundrichtung. Kraft derselben 
hat er gründlich aufgeräumt mit allen altkirchlichen Vor- 
stellungen, die an das Gebiet des Magischen auch nur an- 
streifen, hat die Lehre von den Sakramenten subjektiv ge- 
richtet und schon bei seiner Geburt im Bekenntnis der 
Generalkonferenz zu Baltimore (Dez. 1784) die Lehre der 
Wiedergeburt durch die Taufe gestrichen. „Seine auf Er- 
weckung, Bekehrung, Heiligung des Lebens gerichtete 



— 48 — 

Tätigkeit hat ihren Schwerpunkt durchaus in der Ethik." 
(Nippold, Amerik. K. Gr. S. 100) Dieser arminianische 
Grundzug hat den Methodismus aber keineswegs veranlaßt, 
das Sündenbewußtsein und die Erlösungsbedürftigkeit ab- 
zuschwächen. Beides wird stark betont. Aber gerade auf 
dem Gebiet der subjektiven Erfahrung, bei der Lehre von 
den Wirkungen des heiligen Geistes im Herzen, bricht das 
Wunderbare mit Macht herein. Ich denke an die Lehre 
von der christlichen Vollkommenheit oder der völligen Liebe. 
Hier muß ich vorausschicken, daß der Methodismus 
neben der Vollkommenheitslehre auch eine sehr ausge- 
bildete, niedere Moral zum Zwecke der Kirchenzucht von 
seinen Gliedern fordert, eine Moral mit derben, handgreif- 
lichen Forderungen, zum Hausgebrauch im täglichen Leben. 
In ihr ist trotz Arminius noch Kalvins Herbheit spürbar, 
im Unterschied von der weltoffenen Freudigkeit Luthers 
und der deutschen Reformation. Man soll die Welt fliehen 
und verwerfen, statt sie zu überwinden, zu durchdringen, 
zu vergeistigen. Keine Kirchenlehre der Welt enthält so 
viele einzelne, moralische Forderungen, als die der bischöf- 
lichen Methodisten. Dagegen ist die Glaubenslehre auf 
einen bescheidenen Umfang begrenzt. In der Sittenlehre 
tritt ein asketischer Grundzug zutage. Noch heute gilt 
die Absage vom Tabak und Alkohol im praktischen Leben 
der Methodisten vielfach als die erste Folge und das greif- 
bare Zeichen der Bekehrung. Selbstredend dürfen wir 
aber nicht vermuten, in jedem Methodisten einen Asketen 
zu finden. Vielmehr sehen wir bei den Gliedern der Me- 
thodistenkirchen Unterschiede der sozialen Anschauungs- 
weise und Bildung des Geistes und Herzens, die denen bei 
den Gliedern der andern großen Kirchen durchaus ent- 
sprechen. Auch äußerlich sind die Methodisten der Gegen- 
wart ganz andere, als die des 18. Jahrhunderts. Ihre Mis- 
sionshäuser, Predigerseminare, Krankenhäuser, Buchanstalten 
und Predigerwohnungen sind auch in Deutschland durch- 



— 49 — 

weg stattlich, und komfortabel gebaut und eingerichtet und 
die meisten ihrer Kirchen und Kapellen sind würdig und 
geschmackvoll. In Amerika gar dringt nicht selten in 
ganze Gemeinden „die Welt" in einer Weise ein, die auch 
unser Empfinden verletzt. Es ist doch unpassend, eine 
Kirche, die Stätte gemeinsamer Anbetung als Saal zu be- 
nutzen für Geselligkeit, Essen, Trinken, Picknicks usw., 
falls nur Geld für kirchliche Zwecke dabei einkommt. 
Rechte Methodisten billigen das auch durchaus nicht. In 
ihnen ist der sittliche Ernst ihrer Kirchenordnung lebendig, 
während andere mehr äußerlich und oberflächlich ihr Leben 
nach den vielen Geboten und Verboten einrichten. 

Aber hoch über dieser Moralitat steht als ihre Voll- 
endung und Krone die christliche Vollkommenheit oder 
völlige Liebe. Ich erinnere an die zweite und dritte Or- 
dinationsfrage an die Prediger: „Jagst du der Vollkommen- 
heit nach? Erwartest du in diesem Leben völlig in der 
Liebe gemacht zu werden?" Hier stehen wir an der Zen- 
trallehre des Methodismus. Es ist sein „formales Prinzip" 
(Warren, System. Theol. S. 149) Der Geschichtsschreiber 
des Methodismus, Jacoby, nennt die Vollkommenheitslehre 
„das unterscheidende methodistische Dogma" (Handb. des 
Meth. S. 259) und sagt: „Mein Glaube steht fest, daß der 
Herr den Methodismus gebrauchen wird, evangelische Hei- 
ligkeit in Deutschland verbreiten zu helfen." (Gesch. des 
Meth. Bd. II, S. 260) Und der frühere, deutsche Dog- 
matiker des Methodismus, Dr. Sulzberger, Lehrer an dem 
bischöflich methodistischen Predigerseminar zu Frank- 
furt a/M, sagt in seiner Glaubenslehre (2. Aufl. 1877): „Die 
Lehre von der christlichen Vollkommenheit gilt als Kern 
und Stern der methodistischen Theologie." Es ist „die 
große, machtgebende Idee des Methodismus" (Stevens, 
Hist. of Meth. 1,406) Es ist bekannt, wie diese Idee 1875 
durch den amerikanischen Kaufmann Pearsall Smith auch 
Deutschland wie im Sturm erobern sollte und daß sie auch 

Jüngst, Methodismus. 3. Aufl. 4 



— 50 — 

noch, heute in kleineren „Gemeinschaften" lebendig ist, 
trotz der so kläglich verlaufenen Heiligungsbewegung. 
Damals sagte bei der großen Versammlung zu Brighton 
ein methodistischer Pfediger auch vor deutschen Ohren: 
er lebe seit 35 Jahren rein wie Jesus. Diese Heiligen 
werden also nicht erst nach ihrem Tode heilig gesprochen, 
sie besorgen das selbst bei Lebzeiten. In der Tat nähert 
sich diese Lehre in demselben Maße der Heiligenlehre des 
Katholizismus, als sie abweicht von der gesunden Lehre 
der Schrift und der evangelischen Kirche, daß die Sünde 
als täglich mehr zu überwindende Macht auch dem Wieder- 
geborenen noch anhängt, wenn er auch von ihrer Schuld 
frei ist. Selbst Paulus und Johannes achten sich noch 
nicht für „vollkommen" (Phil. 3, 12; 1. Joh. 1,8) Diese be- 
sondere methodistische Heiligkeit soll durch eine seelisch 
erfahrbare Wunderwirkung des heiligen Geistes, durch 
einen der Bekehrung ähnlichen, plötzlichen, inneren Vor- 
gang erlangt werden. Ihr gibt schon Wesley den Vorzug 
vor der von ihm auch gelehrten, geringeren Heiligung, die 
ein stufenweis fortschreitendes Werk ist und mit der Recht- 
fertigung beginnt. Er sagt: „Mit all der Gnade, die uns 
in der Rechtfertigung gegeben wird, können wir die Sünde 
nicht ausrotten. Wir können es gewiß nicht, bis es dem 
Herrn zum zweitenmal gefällt zu sprechen: „Sei rein!" 
„Wenn es keine solche zweite Veränderung, keine augen- 
blickliche Befreiung nach der Rechtfertigung gibt, wenn 
nichts anderes zu erwarten ist, als ein allmähliches Werk 
Gottes in der Seele, so müssen wir bis zum Tode voll 
Schuld bleiben." (Pred. Th. 1, S. 42) Hier ist die offene 
Türe für den Irrtum einer zweiten Bekehrung oder Wieder- 
geburt, für die methodistischen Ausdrücke: „Ich habe nun 
den zweiten Segen oder den vollen Heiland." Alle Metho- 
disten stimmen dahin überein, daß es eines jeden Christen 
Vorrecht und Pflicht ist, ein Leben des völligen Sieges über 
die Sünde zu führen, in völliger Liebe zu Gott und den 



— 51 — 

Menschen, in Reinheit des Herzens und Lebens. Bei der 
freien Lehrbewegung im Methodismus herrscht allerdings 
keine Übereinstimmung darüber, wie dieser hohe Stand der 
christlichen Vollkommenheit erreicht werden kann und soll. 
Einige lehren eine völlige „Ausrottung", andere nur eine 
völlige „Unterdrückung" aller sündlichen Neigungen; einige 
beschränken die Vollkommenheit auf ein stufenweises Wach- 
sen der mit der Rechtfertigung beginnenden Heiligung, 
andere fordern unbedingt einen plötzlich erfahrbaren, auf 
die Rechtfertigung folgenden zweiten Akt, eine Art von 
Wiedergeburt höheren Grades; noch andere verlangen so- 
wohl eine stufenweise, wie eine plötzliche Heiligung. Aber 
treu folgen alle Methodisten in Lehre wie in Kirchenpraxis 
der Aufforderung der Kirchenordnung (§ 135): „Lasset uns 
kräftig und bestimmt auf äußere und innere Heiligkeit in 
allen Stücken dringen." Hierin beruht das Wesen der 
methodistischen Glaubenslehre. In diesem Geiste ergeht 
der Aufruf an Deutschlands Protestanten: „Kommet zu 
uns, bei uns findet ihr volle Erlösung, volles, gegenwärtiges 
Heil, vollkommene Heiligkeit!" 

Die Verfassung. 

Da „Lehre und Kirchenordnung" ganz ineinander ver- 
webt sind, mußte das Verfassungsgerüst des Methodismus 
schon im vorigen Abschnitt kurz gezeichnet werden. Die 
Grundzüge sind der Menschenkenntnis, dem genialen Scharf- 
blick und dem praktischen Organisationstalent Wesleys zu 
verdanken. Die Erfolge des Methodismus entstammen mehr 
seiner praktischen, in fester Gliederung sich aufbauenden 
Organisation, als seiner eigenartigen Lehre. Das Fundament 
bilden die Klassen, diese von Wesley geschaffene und für 
das Wesen und Wirken des Methodismus so bedeutsame 
Einrichtung. Er nannte sie den „zweiten Anfang des Me- 
thodismus" Nur tief gegründete und erfahrene Männer 

sollen als Klassenführer (classleader) Gehilfen in der Seel- 

4* 



— 52 — 

sorge werden. Nun denke man sich lauter solche kleinen 
Kreise von mehr oder weniger religiös angeregten Gemütern 
in allwöchentlichem, christlichem Austausch und Verkehr, 
von einem kirchlichen Gemeinschaftsband umschlungen, von 
einem Gf-eist beseelt oder doch geleitet — wo ist die Kirche, 
die zur Pflege brüderlichen Sinnes und seelsorgerlicher 
Kirchenzucht eine so praktische Handhabe bietet? Freilich 
sind hier auch Gefahren vorhanden. Wir Deutsche neigen 
ja zu einer übergroßen Zurückhaltung oder gar völligen 
Schweigsamkeit über unsern innern Glaubensstand. Das mag 
nicht gut sein. Aber ebensowenig ist das leichte und häufige 
Kundmachen des im Herzen ruhenden Heiligtums zu billigen. 
Wenn schlichte Menschen Woche um Woche in die Klasse 
kommen, so fühlen sie sich leicht bedrückt, wenn sie so gar 
wenig zu berichten haben von inneren Erfahrungen und Er- 
lebnissen. Dann stehen sie in Gefahr, sich selbst etwas zu 
machen oder kleine Empfindungen zu etwas Großem auf- 
zubauschen. Dann stellt sich leicht ein gewisses geistliches 
Schwatzen ein, unter dessen Wasserfluten das innere Leben 
erlischt. Auch ist es nicht ausgeschlossen, daß die wöchent- 
lichen Seeleneröffnungen in der Klasse zu einer Art von 
regelmäßiger Ohrenbeichte auswachsen, da das Gesprochene 
und Entdeckte von dem Klassenführer stets dem Geistlichen 
berichtet wird. Daher nannte schon Schneckenburger die 
Klassen „auf den ersten Anblick ansprechend, aber 
in praxi bedenklich als ein Surrogat des katholischen 
Beichtinstituts in kollegialischer Form" An Parallelen zum 
Katholizismus fehlt es ja überhaupt nicht. Dazu kann man 
rechnen den Bischofstitel, die besondere Einrichtung scharfer 
Bußpredigten, das auf bischöflichen Befehl fluktuierende 
Heer der Reiseprediger, die absichtliche Schaffung einer 
mystisch-religiösen Erregung, die Strenge der kirchlichen 
„Regeln", die handderbe Moral für die Menge mit dem as- 
ketischen Grundzug und Fasten am Freitag und daneben 
doch der Glaube an moderne Heilige usw. 



— 53 — 

Dahin gehört aber auch, der anfangs so entschieden 
hierarchische Charakter der Kirchenverfassung. Durch die 
Organisation Wesleys geht ein hochkirchlieher Zug. So 
lange er lebte, war er der absolute Monarch des Methodis- 
mus und wurde von den Gegnern nicht selten ein Papst 
genannt. In der Begünstigung des Klerus unterschied sich 
der Methodismus scharf von seinen presbyterianischen Nach- 
barkirchen, während er seiner Betonung der religiösen Per- 
sönlichkeit entsprechend doch dem Gedanken des allge- 
meinen Priestertums hätte Raum geben müssen. Wesley 
übertrug vor seinem Tode durch die „ Deklar ations Urkunde" 
vom 25. Febr. 1784 alle seine Rechte der großen Konferenz. 
Diese Konferenz bestand nur aus Predigern und ihre Zahl 
wurde für immer auf hundert festgesetzt. In der Hand 
dieser 100 Pastoren lag die gesetzgebende und vollziehende 
Gewalt, das Oberaufsichtsrecht und Disziplinarverfahren und 
das Eigentumsrecht über das Kirchenvermögen. Die Macht 
dieser Konferenz, die sich durch Kooptation ergänzte, war 
also unbeschränkt. Aber belehrt durch Kirchenspaltungen 
und das immer dringendere Verlangen der Gemeinden sind die 
Wesley aner seit 1877 dazu übergegangen, den Laien wenig- 
stens bei den Distriktkonferenzen und Bezirksvorständen eine 
Vertretung einzuräumen. Obschon man in dem freien Amerika 
durch keine Deklarationsurkunde gebunden war, sind dort 
die bischöf hohen Methodisten auch erst 1872 dahin gelangt, 
eine den Geistlichen gleiche Anzahl von Laien zur General- 
konferenz zu berechtigen. Sehen wir zu, wie der Wellenschlag 
dieser Bewegung nach Deutschland dringt und sich dort ver- 
bindet mit dem Verlangen, kirchliche Selbständigkeit inner- 
halb der großen Gesamtkirche und einen Bischof in Deutsch- 
land zu erhalten. Beide Tatsachen verdienen Beachtung. 

Jede Jahreskonferenz muß durch einen Bischof geleitet 
werden. Hat eine ausländische Mission keinen Bischof, so 
muß ein solcher aus Amerika kommen. So hielt der Bischof 
Dr. W Burt von April bis Juli 1905 die Konferenzen in 



— 54 — 

Europa ab und zwar die bulgarische in Varna, die italienische 
in Pisa, die schweizerische in Bern, die dänische in Odense, 
die schwedische in Upsala, die finnländische in Wasa, die 
norwegische in Arendal," die norddeutsche in Plauen i/V 
und die süddeutsche in Frankfurt a/Main. Durch zwei Be- 
schlüsse der letztern wird eine Wendung in der kirchlichen 
Entwicklung des deutschen Methodismus angebahnt. Zu- 
nächst handelte es sich um die Selbständigkeit der so lange 
und erfolgreich betriebenen Deutschlandmission, also um 
die endgültige Aufrichtung einer methodistischen, deutschen 
Freikirche. Sobald sie da ist, braucht kein Bischof mehr 
herüberzukommen. Deutschland erhält und wählt alsdann 
nicht nur seinen eigenen Bischof, sondern wird auch be- 
rechtigt, seine Vertreter zur Tagung der großen Greneral- 
konferenz der Gresamtkirche zu entsenden. Aber zurzeit 
muß es noch klagen, daß es bei der Greneralkonferenz in 
Amerika „für seine Bedürfnisse und Fragen nicht die er- 
wünschte Berücksichtigung finde" War doch die letzte in 
los Angeles (1904) zusammengesetzt aus 750 Vertretern, 
unter denen 3 / 4 Amerikaner waren, während */ 4 ein Gremisch 
darstellten aus allen möglichen Farben und Rassen. Aber 
kein Deutscher aus dem alten Vaterland durfte teilnehmen. 
Hiergegen regt sich das nationale Empfinden. Prediger Bek 
gab demselben bei der Frankfurter Konferenz kräftigen und 
geschickten Ausdruck. Im Verein mit 16 andern Predigern 
beantragte und erlangte er den Beschluß, daß Deutschland 
selbständig werden und seinen eigenen Bischof wählen soll. 
fl Unser Werk ist aus dem Missionschar akter heraus- und in den 
einer freien Kirche hineingewachsen." Die Entscheidung liegt 
bei der nächsten Greneralkonferenz 1908, wird aber schwer- 
lich ablehnend ausfallen. Alsdann ist in der Entwickelung 
des Methodismus in Deutschland ein bedeutender Schritt vor- 
wärts geschehen. Mit einem eigenen Bischof an der Spitze 
wird er seinen Weg noch einträchtiger, freier, selbständiger 
und selbstbewußter gehen. Wie im Vorgefühl dieses ersehn- 



— 55 — 

ten Zustandes wurde schon jetzt in Frankfurt beschlossen, 
von der deutschen Reichsregierung die Anweisung eines be- 
sonderen Missionsgebietes in den Kolonien zu verlangen. 

Der andere, für die Verfassung und Entwicklung be- 
deutsame Frankfurter Beschluß vom Juni 1905 betrifft die 
Beteiligung der Laien an der Verwaltung und Leitung 
der Freikirche, insbesondere ihre Zulassung zu den Jahres- 
konferenzen. Die vorerwähnten Antragsteller sagen: „Unsere 
Kirche ist eine republikanische; in einer Republik ist jeder 
einzelne Bürger berechtigt zur Wahl in die Volksvertretung. " 
(Evst. 1905, No. 15) Zunächst setzten sie einige sachliche 
Verbesserungen durch. Jeder Prediger in Deutschland muß 
künftig notwendig die drei theologischen Klassen des Pre- 
digerseminars absolviert haben. Dies ist die Martins-Mis- 
sionsanstalt, welche 1868 von Bremen nach Frankfurt ver- 
legt wurde. Aber auch die Laien, die Ortsprediger und 
selbst die Klassenführer sollen künftig in einem vierjährigen 
Kursus besonders vorgebildet werden. Zehn derselben er- 
klärten sich sofort zu einem solchen Kursus bereit. Denn 
durch einen recht geschickten Zug hatte man privatim und 
ohne jede verfassungsmäßige Berechtigung etwa 30 Laien- 
brüder nach Frankfurt berufen, welche getrennt von der 
nur aus Geistlichen bestehenden Konferenz, tagten. Diese 
Laien trugen am 5. Juni 1905 ihre Wünsche der Konferenz 
vor. Es wurde beschlossen: 1. In den Vorstand des Buch- 
komitees sind zwei Laienbrüder zu wählen; 2. in dem Finanz- 
komitee der Distrikte sollen ebensoviele Laien, wie Pre- 
diger, Sitz und Stimme erhalten; 3. die Laien sollen zur 
Teilnahme an der Jahreskonferenz berechtigt sein. Aller- 
dings sollen sie nicht zusammen mit den Predigern als 
ein Körper tagen, sondern nur gleichzeitig und an dem- 
selben Orte. Sie erhalten aber das Recht, vor der Konferenz 
ihre Wünsche und Anträge zu vertreten. Von den Viertel- 
jahrskonferenzen der Bezirke wird auf je 150 Glieder ein 
Vertreter zu dieser Laienversammlung gewählt. Die Gre- 



— 56 — 

meinden haben die Tagegelder aufzubringen und jeder ge- 
wählte Vertreter hat seine schriftliche Beglaubigung vor- 
zulegen. Es war meines Erachtens ein wichtiger Augenblick, 
als diese Anträge durch .die Laien vor versammelter Kon- 
ferenz dem» Bischof Burt überreicht wurden. Dies wurde 
auch vom Bischof wohl empfunden. Er sagte: „Brüder, 
laßt diese Konferenz einen Markstein sein in der Geschichte 
des Werkes unserer Kirche." (Evst. 1905, Nb. 44) In Be- 
rücksichtigung dessen, daß die Laien nur ein gleichzeitiges 
Tagen und das Aussprechen von Wünschen verlangten, 
sagte er zu den geistlichen Konferenzgliedern: „Es scheint 
mir, Brüder, daß sie sehr bescheiden sind, denn ich muß 
sagen, daß ich gezittert habe bei dem Gredanken, was wohl 
kommen möchte." Zu den Laien aber sprach er: „Ich danke 
den lieben Laienbrüdern, daß sie zurzeit der jährlichen Kon- 
ferenz zusammengekommen sind, um in gemeinsamer Arbeit 
der Kirche zu dienen. Gerade um dieser Tatsache willen 
wird die Frankfurter Konferenz des Jahres 1905 denkwürdig 
bleiben und nach 20 Jahren wird man sich wundern, daß 
solches nicht schon viel früher geschehen ist. Es gehört 
zu dem Zuge unserer Zeit, den Laien mehr und mehr in 
den wichtigsten Stellungen der Kirche Vertretung zu geben. 
Mit Scham muß ich bekennen, daß früher die Klerisei alles 
in Händen haben wollte und darüber kann keine Frage 
sein, daß es auch so war. Ferner ist mir wohlbekannt, was 
den Laien Schwierigkeiten machte, Einblick in die inneren 
Angelegenheiten der Kirche zu tun." Ist auch des Bischofs 
Meinung, „die Kirche habe mit dem autokratischen System, 
mit dem sie begonnen, jetzt endgültig gebrochen" zurzeit 
noch übertrieben, so ist doch die Hoffnung der Methodisten 
berechtigt, „daß Laienkonferenzen künftighin eine wichtige 
Rolle im deutschen Methodismus spielen werden" (Evst. 
1905, No. 25) Es berührt eigenartig, daß gerade von Deutsch- 
land der Anstoß zu einer solchen Verfassungsgestaltung im 
Methodismus des freien Amerika ausging. 



57 



Der Methodismus unter den Deutschen in Amerika. 

Wollen wir dem Methodismus „in Deutschland" bis an 
seine Quelle nachgehen, so dürfen wir den Methodismus 
unter den Deutschen „in Amerika" nicht unbeachtet lassen. 
Unsere transatlantischen Landsleute sind es, welche die 
Missionsarbeit in der alten Heimat stets gefordert und ge- 
fördert haben. Der allen Methodisten eigene Missionstrieb 
verdoppelte sich bei ihnen durch die Liebe zum Vaterland 
und die Sorge um das Seelenheil ihrer dortigen Freunde 
und Verwandten. 

Wir überblicken den heutigen Stand. Nur zwei deutsche, 
methodistische Vereinigungen in Amerika haben sich selb- 
ständig entwickelt, die „Evangelische Gemeinschaft" (Al- 
brechtsbrüder, seit 1800) und die „Vereinigten Brüder in 
Christo" (Otterbeinianer, seit 1803). Aber die große Mehr- 
zahl der deutschen Methodistengemeinden Amerikas gehört 
zu drei amerikanischen Methodistenkirchen. Es sind die- 
jenigen Kirchen, welche als integrierenden Teil ihrer Arbeit 
ein „deutsches Werk" betreiben und ihrem Kirchentum 
organisch eingegliedert haben. So hat die „Protestantische 
Methodistenkirche" eine Anzahl von deutschen Gremeinden 
in Illinois und Indiana. Ferner hat die Bischöfliche Metho- 
distenkirche „des Südens" eine ganz deutsche Konferenz mit 
38 Predigern in Louisiana und Texas. Aber beide stehen 
weit zurück hinter der Bischöflichen Methodistenkirche des 
Nordens, welche auch das Missionswerk in Deutschland be- 
treibt. Zwar dem ersten Bischof Asbury, gegen Ende des 
18. Jahrhunderts, schien das deutsche Element zu gering- 
fügig und zu sehr dem Aussterben verfallen zu sein, um 
sich seiner anzunehmen. Diese Auffassung war schon 1835 
eine völlig andere geworden. Jetzt stellte die Bischöfliche 
Kirche den 1807 in Stuttgart geborenen Dr. Wilh. Nast als 
Missionar an für die zahlreichen Deutschen in Cincinnati. 
Nast ist der Vater des deutschen, bischöflichen Metho- 



— 58 — 

dismus in Amerika. Erwachsen unter dem Einfluß frommer 
Eltern wurde er als Student ein Schüler von F 0. Baur 
und kam dann ganz in die Bahnen seines Studiengenossen 
D. E Strauß. Nachdem er 1828 nach Amerika ausgewandert 
war, fand er bei den Methodisten den Frieden seiner Seele 
und die Anstellung als Heiseprediger in Cincinnati (Ohio). 
In die jetzige Energie seines christlichen Glaubens und 
Empfindens hatte er ein Erbe aus den Irrgängen seiner 
Jugend mitgebracht. Es war die Liebe zu einem wissen- 
schaftlichen Betriebe. Unterstützt von dem früheren Menno- 
niten Adam Miller (f 1901) und dem früheren Lutheraner 
Peter Schmucker gründete er schon 1839 eine deutsche Zeit- 
schrift „Der christliche Apologete", welche er von 1839 bis 
1892 redigiert hat. Diese hervorragende Zeitschrift wird 
jetzt herausgegeben von seinem Sohn und Nachfolger Dr. 
Alb. J. Nast in Verbindung mit Dr. 0. Oolder. Dieselben 
geben außerdem noch fünf periodische, deutsche Blätter her- 
aus für Familie, Sonntags schule usw. 

Auch die deutschen Methodisten Amerikas bewähren 
es an ihrem. Teil, daß für deutsche Protestanten seit Luther 
die Schulbildung eine Herzenssache ist. Denn ihnen ver- 
danken ihren Ursprung: 

1. Das Nast- theologische Seminar in Berea (Ohio), wo 
vier Professoren die Fakultät bilden und ohne schroffes 
Kirchentum eine „Deutsch -amerikanische Zeitschrift für 
Theologie und Kirche" herausgeben. 

2. Das deutsche Wallace- College ebendaselbst, welches 
seit 1864 zur Universität vorbildet, 1901 gegen 223 Stu- 
denten unter 19 Lehrern zählte und Grebäude im Wert von 
7 2 Million Mark besitzt. 

3. Das etwas größere Wesley an- College in Warrenton 
(Miss.) nebst angeschlossenem theologischen Seminar. 

4. Das Mt. Pleasant- College (Jowa), verbunden mit der 
Universität. 

5. Das St. Pauls-College in St. Paul Park (Minn.). 



— 59 — 

6. Das Charles City-College (Jowa). 

7. Das Blinn Memorial- College in Brenham (Texas). 

8. Die Normal Academy in Enterprise (Kansas). 
Neben solcher geistigen Regsamkeit wird auch die prak- 
tische Betätigung christlichen Sinnes nicht vernachlässigt, 
wie die deutschen Waisenhäuser in Berea, Warrenton und 
Quincy, die Diakonissenhäuser in Cincinnati nebst Abzwei- 
gungen in Brooklyn, Chicago, Louis ville usw. erweisen. 

Die Methodistenkirche Nordamerikas umfaßt zurzeit 
zehn deutsche Konferenzen: Die California-deutsche Kon- 
ferenz, die Chicago-deutsche, die Zentral- deutsche, die nörd- 
liche deutsche, die Nordwest-deutsche, die östliche deutsche, 
die St. Louis-deutsche, die südliche deutsche, die westliche 
deutsche und die soeben organisierte Nord-Pacific-deutsche 
Konferenz. Auch sind in den Vereinigten Staaten 16 und 
auswärts 14 verschiedene Missionen im Betrieb. (S. Greneral- 
statistik des deutschen Methodismus für 1905, Evst. 1906, 
No. 2 und „Lehre und Kirchenordnung ", Teil 9.) Rechnen 
wir zu den zehn amerikanischen Konferenzen die beiden in 
Deutschland und die eine in der Schweiz hinzu, so ergeben 
sich nach der Generalstatistik für den gesamten deut- 
schen Methodismus von 1905 folgende Zahlen: 829 Reise- 
prediger, G-ehalt derselben 1688200 Mark, 15071 Sonntags- 
schulen, 1060 Kirchen und Kapellen im Wert von etwa 
23 Millionen Mark, 7 höhere Lehranstalten, 9 Hospitäler, 
eine Altenheimat und 20 Diakonissenniederlassungen mit 
mehr als 500 deutschen Diakonissen. Für die Missionskasse 
brachten die deutschen Methodisten im Jahre 1905 etwas 
mehr als 232000 Mark auf. 



60 



Die Deutschlandmission. 

„ Während der englische Methodismus mehr nur über- 
haupt belebend auf den Kontinent einwirkte, legte es der 
amerikanische — mitunter positiv kirchenstürmerisch — 
geradezu auf eine vollständige Reformation der deutschen 
Kirchen an." So schrieb einst Schneckenburger vor mehr 
als 40 Jahren. (Vorles. über d. Lehrbegr. der prot. Kirchen- 
parteien 1863, S. 107) Schon bald hatten die Methodisten 
das Vorgefühl des künftigen Sieges. „ Früher oder später 
werden wir den alten Schlendrian der Staatskirche mit ihren 
toten und ertötenden Formen aus dem Sattel heben." 
(Christi. Botschafter, Cleveland, 1875, No. 38 und 39) „Das 
Herz lacht uns im Leibe über die herrlichen Berichte aus 
Preußen, wo Grott uns Herzen, Länder, Städte und Dörfer 
öffnet und wo das Heil nicht von den rabenschwarzen 
„ Jesuwidern ", noch von der toten Staatskirche kommen 
kann." (Ebendas. S. 125) „Die Frucht beweist, daß wir 
einen göttlichen Auftrag haben, in Europa und somit auch 
in Preußenland zu missionieren." Selbst Rev. Boyce stellte 
in seiner Missionsstatistik die Deutschlandmission der Me- 
thodisten und Baptisten zusammen mit der Bekehrungs- 
arbeit unter Hindus und Kaffern, drückt sich aber maß- 
voller aus: „Wiewohl fremde Dazwischenkunft unerwünscht 
sein mag, schien es natürlich, daß das protestantische Eng- 
land und Amerika veranlaßt wurden, rechtgläubige und geist- 
liche Religion in Deutschland wieder zu beleben." (Neue ev. 
Kirchenz. 1875, No. 10) 

Wir müssen gerecht sein. An einem Anlaß, in Deutsch- 
land zu missionieren, hat es dem amerikanischen Methodis- 
mus nicht gefehlt. Er war gegeben durch die vielen Ver- 
bindungsfäden zwischen den Deutschen der alten und neuen 
Welt. Ich denke auch an die religiöse und kirchliche Ver- 
wilderung der ungezählten, in Amerika eingewanderten 
Deutschen, um die sich ihre Heimatkirchen damals kaum 



— 61 — 

kümmerten. Wir können die große Arbeit, die der Metho- 
dismus unter ihnen getan hat, nur anerkennen. Was aber 
die persönlichen Beziehungen mancher deutschen Metho- 
disten Amerikas zum alten Vaterlande angeht, so bemäch- 
tigte sich der Methodismus mit dem ihm eingeborenen 
Welteroberungstrieb gar zu eifrig dieser Fäden und hat aus 
ihnen immer mehr einen Strick gedreht, die Glieder der 
deutschen Landeskirchen möglichst in seinen Kirchenbe- 
reich zu ziehen. Drüben Bekehrte wurden nach der Heim- 
kehr selbst Missionare, andere wurden durch Heimgekehrte 
gewonnen und begannen alsdann die Arbeit. Ich erinnere 
an den früheren Schneidergesellen und späteren Missionar 
C. Gr. Müller in Württemberg, der in England sich bekehrt 
hatte (1831 — 1858), den Rittergutsbesitzer Wunderlich im 
Weimarischen, welcher durch einen aus Amerika heimkeh- 
renden Verwandten besucht und bekehrt wurde (1850), den 
sächsischen Fabrikanten Grust. Schneider, der als Methodist 
aus Amerika zurückkam und sofort im Vogtlande, in Plauen 
und Elsterberg missionarisch arbeitete, während ein anderer 
Deutsch -Amerikaner in Striesen bei Dresden tätig war*). 
Durch ihre Geldmittel und praktische Ausbildung der 
Prediger sind die Methodisten gerüstet für die Betreibung 
der Deutschlandmission. Dieselbe wurde von Bremen aus 
durch Dr. Jacoby 1850 begonnen. Schon 1855 bezogen er 
und die ersten Prediger 80250 Mark aus Amerika, aber 1904 
wurden von dort für Deutschland 155700 Mark aufgewendet 
(Evst. 1905, No. 50). Daß nicht vergeblich gearbeitet wird, 



*) Gleich den deutschen Emigranten, können auch andere Na- 
tionen von einem doppelten Methodismus berichten. So hat zurzeit 
der schwedisch-bischöfliche Methodismus in Amerika 190 Gemeinden 
mit 15940 Gliedern, aber daheim 17217 Glieder mit 2 J / 2 Millionen 
Mark an Kirchenvermögen. Der norwegisch-dänische Methodismus 
zählt in Amerika 120 Gemeinden mit 6100 Gliedern und daheim 
6013 Glieder mit mehr als 1 Million Mark an Kirchenbesitz. (Evst. 
1905, 9. April) 



— 62 — 

zeigt die Übersicht zu Anfang dieser Schrift. Die nord- 
deutsche Konferenz hat ihren Mittelpunkt in Bremen, wo 
das alte Geschäftshaus der großen Buchanstalt soeben durch 
ein neues, prachtvolles • ersetzt wird. Für die süddeutsche 
Konferenz ist Frankfurt a/Main der Mittelpunkt geworden, 
seitdem 1868 das Predigerseminar „die Martins- Missions- 
Anstalt u dorthin verlegt wurde und blühende Wohltätigkeits- 
anstalten dort entstanden sind. In den deutschen Landes- 
kirchen ist die große Seelenzahl der Massengemeinden ein 
nicht genug zu bekämpfender Übelstand. Manche ernste 
Gemüter finden in ihnen keine Befriedigung. Auf sie muß 
eine Kirche anziehend wirken, die das Bedürfnis nach 
engerer Gemeinschaft so praktisch befriedigt, die religiös 
so kräftig anfaßt, die so trefflich organisiert ist, wie der 
Methodismus. So war es auch im Königreich Sachsen, 
worüber Prof. D. Drews (Das kirchl. Leben des Königr. 
Sachsen 1902) mehreres mitgeteilt hat. Dort konnte der 
Methodismus erst seit dem Dissidentengesetz vom 20. Juni 
1870 an die Öffentlichkeit treten. Da ihm dies Gesetz aber 
nicht genügte, so hatte am 5. Sept. 1899 eine Deputation 
der Bischof liehen Kirche und der Evang. Gremeinschaft eine 
Audienz beim Kultusminister und erbat für alle nicht staats- 
kirchlichen Gemeinschaften volle Freiheit für Gebet, Gesang, 
Ankündigung, Abhaltung und Besuch des Gottesdienstes 
usw. Sie erhielt wesentliche Zugeständnisse. Die Propa- 
ganda wird auch dort mit wachsendem Erfolg betrieben, 
so daß binnen 30 Jahren die Zahl der Glieder um mehr als 
das Zehnfache gewachsen ist. In dem für Sachsen gültigen 
„Zwickauer Statut" fällt die wohl nur für den Anfang 
gültige, aber klug einladende Bestimmung auf, daß jeder 
Eintretende zugleich der Landeskirche und der Metho- 
distenkirche angehören darf, wenn er nur die besondern 
„Hegeln" der letzteren erfüllt. Es gab im Königreich 1900 
schon 3258 eingetragene Glieder, eine Zahl, die rascher 
wachsen wird, falls die hie und da ungeschickte Gegner- 



— 63 — 

schaft seitens der Behörden oder Pastoren sich öfter wieder- 
holen sollte. 

In der Deutschlandmission dürfen wir endlich die sitt- 
lich-soziale Tätigkeit des Methodismus nicht unerwähnt 
lassen. In Berlin haben die bischöflichen Methodisten den 
„Christlichen Hilf s verein" Derselbe wirkt zunächst er- 
weckend und belehrend durch Versammlungen, Bücher und 
Schriften. Aber er soll auch den Arbeitslosen, Armen, 
Kranken, Bedrängten und Gefährdeten die rettende Hand 
reichen. Er gewährt Armenspeisung, Unterstützungen, 
Krankenpflege, Rat in häuslichen und gewerblichen Ange- 
legenheiten, Arbeitsnachweis, Stellenvermittelung und billige 
Wohnung und Kost in Heimstätten (zurzeit Georgenkirch- 
straße 30 a). Auch läßt er seinen gemischten Chor auf den 
Höfen der Großstadt singen. Wie in Wien, Zürich, Lau- 
sanne und St. Gallen, so sind auch in Berlin, Hamburg und 
Frankfurt Gemeinde- und Armenschwestern tätig. Neue 
Schwesternstationen wurden eingerichtet in Pforzheim, Karls- 
ruhe und Chemnitz. Erholungshäuser für müde Schwestern 
sind in Neuenhain im Taunus und in Volksdorf bei Ham- 
burg. Die Diakonissensache ruht in der Hand des Direktors 
des „Bethanien Vereins" in Frankfurt a/Main, der im dortigen 
Mutterhaus über 270 Schwestern verfügt und die ange- 
gliederte Heilanstalt für Kranke leitet. Ein Neubau für 
600000 Mark wird geplant. Dagegen wohnt der Inspektor 
des Vereins in Hamburg, wo außer dem Krankenhaus auch 
seit 1903 ein prächtiges, von Dr. Lippert geschenktes Schwe- 
sternheim zu verwalten ist. Vierzig Schwestern wohnen im 
Diakonissenheim Ebenezer in Berlin. Sie sind täglich be- 
reit zur Privatpflege in Familien. Eine gleiche, kleinere 
Station befindet sich in Straßburg. Auch der Soldaten wird 
gedacht, indem jeder das „ Themabüchlein " zum Bibellesen 
und drei Zeitschriften gratis erhält. Kurz, auf der Fahne 
des deutschen Methodismus steht nicht nur: Bete! sondern 
auch: Arbeite! 



— 64 — 

Die Arbeitsweise. 

Noch immer findet sich, die Meinung, der Methodismus 
lebe hauptsächlich durch große, öffentliche Erweckungen 
(revivals). Allerdings sind derartige Erscheinungen bei ihm 
nicht ausgestorben, seit der Zeit, wo Tausende von Kohlen- 
gräbern zu Kingswood sich um Wesley oder Whitefield 
scharten und heiße Tränen über die geschwärzten Wangen 
flössen ob der ungewohnten, ans Herz dringenden Botschaft. 
Aber heute ist das absichtliche Trachten nach Erweckung 
fast nur eine amerikanische Sitte. Auch ihr müssen wir 
ein ortsgeschichtliches Verstehen entgegenbringen. Wir 
dürfen nicht vergessen, in welcher religiösen und sittlichen 
Unwissenheit und Verwilderung Tausende drüben lebten. 
Da hat der Methodismus gleich einem mittelalterlichen Orden 
in dieser Weise seinen Bußruf erschallen lassen. Heute ist 
das freilich in Amerika anders geworden. Die Revivals 
sind vielfach zu einer kirchlichen Sitte und stereotypen 
Form erstarrt und oberflächlich geworden. Solche zur be- 
stimmten Zeit jährlich wiederkehrenden „ Er weckungs Ver- 
sammlungen" werden von manchen als eine Art geistlicher 
Sommerfrischen besucht. Im ganzen suchen die deutschen 
Kirchen mehr durch christliche Erziehung von Jugend auf, 
die amerikanischen mehr durch Erweckungen zu wirken. 
Jedoch auf deutschem Boden überläßt der Methodismus die 
amerikanischen Maßregeln gern seinen Vorarbeitern, der 
deutschen Zeltmission und Heilsarmee. Dagegen versteht er 
es, dem weit verbreiteten Bedürfnis nach „G-emeinschaften" 
durch seine „Klassen" zu entsprechen. 

Betrachten wir einmal die Weise, wie die Methodisten 
ihre Arbeit beginnen, wenn sie einen Ort für geeignet er- 
achten, ihre Kirche dort aufzurichten. Die Sendboten 
kleiner Sekten pflegen sich nicht an die geistlich Bedürf- 
tigsten, an die durch Trunksucht, Unsittlichkeit usw. ver- 
kommenen Menschen zu wenden. Ihr Arbeitsobjekt sind 



— 65 — 

die in und von der Landeskirche schon erweckten, frommen 
Seelen. „Geschickt gehen sie den Bächlein fließenden 
Wassers nach, Tim sie in den Sammelteich ihrer Gemein- 
schaft zu leiten." (Grundemann.) Dies Verfahren kann 
man mehrfach, doch nicht ganz, auch den Methodisten zur 
Last legen; am wenigsten der Heilsarmee. Aber der Weg 
ist zu naheliegend und bequem, als daß nicht auch die 
Methodistenboten ihn oft betreten sollten. In der Tat ist 
ja das berechtigte, urchristliche Bedürfnis lebendig und 
verbreitet, eine engere Gemeinschaft im kleinen Bruderkreis 
zu haben, wo der Einzelne zur Geltung kommt und Be- 
rücksichtigung findet, wo freier Geistesaustausch möglich ist 
und christliche Bruderliebe empfangen und gegeben werden 
kann. Unvergeßlich bleibt mir das Wort einer schlichten, 
frommen Sektiererin über die Zeit vor ihrer Bekehrung. 
Sie sagte zu mir: „Ich ging ja regelmäßig zur Kirche, 
aber ich fühlte mich so einsam in den hohen Hallen. Da 
habe ich mich hinter einen Pfeiler gestellt und geweint." 
An diesem Punkte setzen nun auch die Methodisten viel- 
fach ein. Als solche, „die Jesus heb haben", gewinnen sie 
leicht Zugang zu schon bestehenden, frommen Gemein- 
schaften oder Versammlungen und bald finden sie Ge- 
legenheit zum Reden und zum geschickten, allmählichen 
Vortragen ihrer separatkirchlichen Absicht. Aber auch 
dort, wo sie nicht auf dem durch vorhandene deutsche 
Frömmigkeit und kirchliche Arbeit gelegten Fundament 
aufbauen, sondern selbst eine Versammlung gründeten, ist 
ihr erstes Absehen auf Einrichtung einer „Klasse" gerichtet. 
Aus einer Anzahl von Klassen wird alsdann ein Arbeits- 
feld, eine „Bestellung" für einen Prediger gebildet. Meh- 
rere Bestellungen werden zusammengeschlossen zu einer 
vierteljährlichen Konferenz, deren Versammlungen nie ohne 
reichliche Erbauung durch Gesang, Gebet und Predigt ge- 
schehen. Diese Zusammenkünfte werden seitens der freien 
Gemeinschaften im westlichen Deutschland vielfach nach- 

Jüngst, Methodismus. 3. Aufl. 



— 66 — 

geahmt, wenn ihre frommen Teilnehmer scharenweise zu- 
sammenströmen, ein sogenanntes „Quartalfest" durch Er- 
weckung und Erbauung zu feiern, ohne irgend Grund zu 
einem „Fest" zu haben. * Es ist lediglich die oft unbewußte 
Nachahmung der methodistischen, vierteljährlichen Kon- 
ferenzen. 

Zunächst also baut sich die methodistische Arbeit auf den 
Klassen auf. Für sie sucht die Ktrchenordnung den nahe- 
liegenden Schäden vorzubeugen. Die Klassenführer „sollen 
nicht durch den Gebrauch einer stereotypen Methode in 
Einförmigkeit verfallen; man stelle das Reden einem jeg- 
lichen frei oder halte die Klasse im Tone einer gewöhn- 
lichen Unterhaltung" (Kirchenordn. II 52.) Auch in der 
kirchlichen Praxis wird gelegentlich gewarnt: „Niemand 
denke, er müsse jedesmal reden oder langes, erbauliches 
Reden sei ein Zeichen von gereiftem Glauben." (Evst. 1905, 
No. 40.) Aber es bleibt dabei: „Der Anfang unseres Werkes 
war eine Klasse. Wo wir mit Gottes Hilfe noch heute eine 
Gemeinde gründen, bilden wir zuerst eine Klasse. Dadurch 
gewinnen «vir am sichersten einen soliden Unterbau für 
unsere Gemeinde-Entfaltung." (Ebendaselbst.) 

Demnächst errichtet man gerne eine Sonntagsschule. 
Leicht werden auch Kinder landeskirchlicher Eltern dazu 
gewonnen. Durch die Kleinen findet man das Herz der 
Alten, denen sie Schriften mitbringen. In den Kindern 
selbst werden zukünftige Glieder einer Methodistengemeinde 
vorgebildet. Der praktisch bewährte Grundsatz heißt: „Der 
jüngsten Jugend die größte Sorgfalt, so haben wir die ältere." 
(Evst. 1905, No. 23.) 

Das innerkirchliche Leben pulsiert am lebhaftesten in 
den vierteljährlichen Distrikt- und Jahreskonferenzen. In 
Deutschland tagen jährlich zwei der letzteren unter der 
Leitung eines Bischofs. Reich ist die zu behandelnde Tages- 
ordnung. Einige regelmäßige, wichtige Gegenstände seien 
kurz genannt: Die eingehenden Jahresberichte seitens der 



— 67 — 

„vorstehenden Ältesten" der Distrikte ; die Charakterprüfung 
aller Prediger und Vorbringung etwaiger Klagen oder An- 
klagen; die feierliche Aufnahme der Predigtamtsbewerber, 
welche vorher zwei Jahre lang Probeprediger oder Lehrer 
an einer höheren Schule gewesen sein müssen; die Be- 
sprechung der kirchlichen Anstalten, wie Buchwesen, 
Predigerseminare oder auch Kirchenbau und Beschlüsse 
über etwaige Gründungen oder Änderungen in Verwaltung 
und Leitung; die zahlreichen Komitee-Berichte, als da sind: 
die Missionssache, die Traktatsache, die Jünglings- und 
Frauen vereine, die Sonntagsschul- Sache, die Kirchbau-Hilfs- 
Gesellschaft, die Waisensache, die Erziehungssache, die 
Emeritensache, die Mäßigkeitssache, die Bibelgesellschaft, 
die Sonntagsheiligung, die Finanzen, die Schuldentilgung 
und noch vieles andere aus dem kirchlichen Leben; die 
Verlesung des „Reiseplans* für das neue Konferenzjahr 
durch den Bischof. Es kann ja jeder Prediger jedes Jahr 
durch den Bischof versetzt werden, wenn es auch hie und 
da vorkommt, daß ein Prediger bis zu fünf Jahren an einer 
Gemeinde belassen wird. Mit großer Spannung erwarten 
die Konferenzglieder, die ja bis jetzt alle Prediger sind, die 
Verlesung des neuen Reiseplans am Schluß der Konferenz. 
Ist auch von dem Geheimnis vorher etwas durchgesickert, 
so ist es doch bis zu diesem Augenblicke nichts Gewisses. 
Die Kirche aber erwartet von dem einzelnen Prediger, daß 
er gehorsam und willig dahin geht, wohin er gesandt wird. 
(S. Evst. 1905, No. 45.) Die Geistlichen sind eigentlich nur 
Gäste in ihren Gemeinden. Die Seelsorge liegt mehr in den 
Händen der Klassenführer. Zwar hat der Prediger Wechsel 
auch Vorteile. Die Predigt bleibt frisch und anregend, der 
Kirchenbesuch wird belebt. Ein methodistischer Prediger 
kann sich nicht leicht aus- oder leerpredigen. Bald hat er 
ja wieder eine andere Gemeinde. Das mag manchem des- 
halb erwünscht kommen, weil diese Predigten sich nicht 
selten in einem wichtigen, aber doch beschränkten Gedanken- 

5* 



— 68 — 

ausschnitt aus der Schrift Wahrheit bewegen. Allein ander- 
seits wird durch den steten Wechsel auch der unruhige 
Hang in den Gemeinden gefördert, nach kurzer Frist neue 
geistliche Würze und Geirüsse mit dem neuen Prediger zu 
empfangen. So gibt denn der stete Wechsel dem Metho- 
dismus wohl eifrige Evangelisten. Aber es fehlt die all- 
mähliche, segensreiche Einwirkung des mit den einzelnen 
Familien und Personen vertrauten Seelsorgers, unter dessen 
erziehender und fürbittender Liebe die Täuflinge zu Lehr- 
kindern, die Lehrkinder zu selbständigen Christen heran- 
wachsen. Diese liebliche und gedeihliche Einwirkung, die 
mit stiller Kraft so Großes tut, die Vertrauensstellung der 
Gemeindeglieder zu dem Seelsorger, der sie Jahre hindurch 
mit Wort und Vorbild dem großen Hirten zuführt, ist 
bei den Methodisten durch das Gesetz unmöglich gemacht. 
Die neuen Adressen der Prediger werden mehrfach 
durch die Zeitschriften der ganzen Kirche bekannt gemacht. 
Alle Freikirchen sind ja äußerst rührig und geschickt in der 
Benutzung der Presse für ihre schon gewonnenen, wie die 
noch zu erwerbenden Gemeindeglieder. Ich erinnere nur 
an den Baptismus. J. G. Oncken gründete 1828 in Hamburg 
ein kleines Buchgeschäft und seit 1899 steht in Kassel ein 
prachtvolles Verlagshaus im Wert von 320 000 Mark mit 
sieben Zeitschriften und 90 900 Abonnenten. Aber die 
Methodisten arbeiten noch schneller. Seitdem Jacoby 1850 
in Bremen ganz klein begann, haben sie heute schon 
134 000 Abonnenten auf acht Zeitschriften. Dies sind: 
„Der Evangelist" als das Hauptorgan (56. Jahrgang); Der 
Kinderfreund ; Der Missionsbote ; Das Sonntagsschul-Magazin ; 
Die Wächterstimme; Die Friedensglocke; Der Mäßigkeits- 
freund; Der Bannerträger. Außerdem wird der „Christliche 
Apologete" von Dr. JSTast in 800 Exemplaren aus Amerika 
bezogen. Im ganzen sind die methodistischen Blätter geistig 
und geistlich auf denselben Ton gestimmt, wie die meisten 
landeskirchlichen. Aber sie überragen die letzteren mehr- 



— 69 — 

fach, durch frische, packende Schreibart und Mannigfaltig- 
keit des Inhalts. Die noch immer fortdauernden Angriffe 
auf die Landeskirche sind etwas milder geworden, zumal 
auch innerhalb der letzteren das Gute am Methodismus 
mehr Anerkennung findet. Anderseits tadeln sie mit Recht 
einen Ausspruch des Sekretärs der Baptisten-Union, Shake- 
speare. Beim großen Baptisten-Kongreß zu London im 
Juli 1905 hatte dieser gesagt, „man könne mit demselben 
Recht ein Pferd taufen, wie ein kleines Kind" (Evst. 1905, 
No. 40.) Doch haben sie stets freundliche Worte für Stimmen, 
die ihnen wohlwollend oder geistesverwandt klingen, wie 
etwa „Die Wacht", „Das Reich Christi" von Dr. Lepsius 
oder „Licht und Leben" von Dammann. Methodisten freuen 
sich, wenn letzterer ganz in Übereinstimmung mit ihnen 
sagt: „Je biblischer eine Bekehrung vor sich geht, um so 
plötzlicher ist sie." (Ev. B. 1905, Nb. 47.) Die Versamm- 
lungen der „Evangelischen Allianz" werden meistens mit 
Liebe besprochen. In ihnen wirken ja auch deutsche Pro- 
fessoren mit, wie D. Lemme aus Heidelberg und D. Müller 
aus Erlangen (Nürnberg, 1. Nov. 1905). Dagegen wissen 
die Methodisten Salz und Schärfe zu brauchen, wenn sie 
von Kirchenblättern irgend einer Richtung angegriffen 
werden. 

Das Verhältnis zu den theologischen Richtungen 
und den kirchlichen Parteien. 

Theologisch ist dem Methodismus eine gewisse Freiheit 
und Unabhängigkeit gegenüber dem Buchstaben der Kirchen- 
lehre eigen. A. J. Carlyle sagt: „Wenn der neue, religiöse 
Geist (des Methodismus) die Wahrheit ans Licht brachte, 
daß das eigentliche Wesen der Religion in einer lebendigen 
Beziehung der menschlichen Seele zu ihrem Gott besteht, so 
half er dazu, das menschliche Denken von der Gebunden- 
heit an Buchstaben und Formeln auf religiösem Gebiet zu 
befreien und es zu lehren, zwischen den wesentlichen und 



— 70 — 

dauernden Elementen der Religion und denen, die nur zeit- 
geschichtlichen Wert haben, zu unterscheiden." (Das eng- 
lische Kirchentum im 19. Jahrhundert S. 943.) Der Feuer- 
geist Wesleys durchbrach* alle Schranken, auch die einer 
engen Dogmatik. Er zweifelte nicht, daß Marcus Antoninus 
selig geworden sei, nannte Pelagius und Servet gelegent- 
lich „fromme und heilige Männer" und sagte, daß auch ein 
Gregner der Lehre von der Dreieinigkeit wahrhaft fromm 
sein kann. (National-Biogr. 1903 LX, S. 313.) Sein Wort 
war: „Die Methodisten schreiben niemand ihre Meinung 
vor. Mag einer der Staatskirche oder den Dissenters an- 
gehören, mag er Presbyterianer oder Independent sein, mag 
er diese oder jene Form der Taufe vorziehen. Das ist kein 
Hindernis. Sie denken und lassen denken. Eine Bedingung 
und nur eine wird gestellt, nämlich ein wirkliches Ver- 
langen, seine Seele zu retten." G-egenüber diesem einen 
Begehren konnte weder der Buchstabe der Bekenntnisse, 
noch eine wissenschaftliche Theologie anfangs empor- 
kommen. Heute wird die letztere in Amerika hochgeschätzt 
und ernst betrieben. Es bestehen dort überhaupt 30 theo- 
logische Seminare, in denen 1894 2522 und 1904 2133 Theo- 
logen studierten. An diesem Rückgang waren bloß die 
Methodisten unbeteiligt, da die Zahl ihrer Seminaristen in 
jenem Jahrzehnt von 437 auf 519 stieg. 

Hier entsteht die Frage, welche Stellung die metho- 
distische Wissenschaft gegenüber der neueren Theologie 
einnimmt. Es gibt ja genug Deutsche, welche zur Landes- 
kirche gehören und für sie arbeiten, aber doch unaufhörlich nach 
einer Freikirche seufzen. Dieses Verlangen wurzelt besonders 
in der Vorstellung, als ob die Freikirche einen vollkommenen 
Schutz biete gegen jede Abweichung von der alten Lehre. 
Ein Blick nach Amerika, dem Lande der Freikirchen, 
würde sie eines anderen belehren. Uns handelt es sich hier 
um die Theologie im Methodismus. Die verschiedenen Rich- 
tungen in derselben entsprechen ganz denen in Deutsch- 



— 71 — 

land. Zwar wurde noch 1905 dem Professor Mitchell an 
der methodistischen Universität zu Boston (Mass.) der Lehr- 
stuhl entzogen, weil er ein entschiedener Anhänger Well- 
hausens ist. Aber es ist zu beachten, daß eine Anzahl von 
den im praktischen Kirchendienst arbeitenden Bischöfen 
gegen diesen Beschluß gestimmt hat. Es ist belehrend, 
einmal einen Überblick über die theologischen Anschauungen 
im heutigen Methodismus zu gewinnen. Ich benutze dazu 
eine Arbeit des Professors Henry C. Sheldon, Doktor der 
Theologie und Lehrer der Dogmatik an der genannten Uni- 
versität zu Boston, welcher auch ein „System of Christian 
Doctrine" verfaßt hat (erschienen bei Jennings & Graham, 
Western Methodist Book Concern, Cincinnati). Er berichtet 
über die bedeutenderen Änderungen, welche die Kirchen- 
lehre zurzeit im Gebiet des amerikanischen Methodismus er- 
fährt („Changes in Theology among American Methodists" 
— in „The American Journal of Theology", Januar 1906). 
Zunächst spricht er über die Bibel. Hier stellt er fest, daß 
der Offenbarungsbegriff über die Schranken der Inspirations- 
lehre hinaus erweitert worden ist und daß dieser Erweiterung 
die Zukunft gehört (S. 37). Insbesondere haben die neuen 
Anschauungen über den Pentateuch und andere Teile des 
Alten Testaments „in allen hervorragenden Zweigen des 
Methodismus viel Boden gewonnen. Sie werden beständig 
gelehrt in den bedeutenden theologischen Lehranstalten. 
Von dort haben sie sich weithin verbreitet unter den Geist- 
lichen. Sie werden nicht nur in den wissenschaftlichen 
Werken der neueren Theologie vorgetragen, sondern haben 
auch bei der letzten, großen ökumenischen Konferenz des ge- 
samten Methodismus in London (1901) Duldung, ja freund- 
liche Anerkennung gefunden" Ferner ist die Lehre von der 
Erb schuld schon seit langer Zeit im Aussterben begriffen und 
es besteht keinerlei Aussicht, sie wieder aufzurichten (S. 39). 
In bezug auf die Lehre von Christi Person und Werk 
sagt Sheldon, daß in immer weiteren Kreisen die Voll- 



— 72 — 

kommenheit des Menschensolmes als das einzige Mittel zur 
Selbstoffenbarung Gottes anerkannt wird (S. 40). An Stelle 
einer äußerlichen Sühnetheorie wird Christi Tod vorwiegend 
ethisch gewertet, „indem. sein Leben zweifellos denselben 
heiligen Gehorsam verwirklicht, welcher in der Hingabe 
bis zum Tode am Kreuz seinen höchsten Ausdruck fand" 
(S. 43). Selbst die von Wesley stammende urmethodistische 
Lehre von der vollkommenen Heiligung durch einen zu 
der Rechtfertigung hinzutretenden zweiten Akt (second 
blessing) unterliegt in abschwächender Richtung einer fort- 
gehenden Änderung. Endlich wird festgestellt, daß vor 
25 Jahren es noch verpönt werden konnte, das höllische 
Feuer anders, als materiell zu verstehen, oder zu sagen, 
daß nicht der jetzige stoffliche Menschenleib auferstehen 
werde. Beides ist jetzt allgemein anerkannt „asa very com- 
mon thing for Methodist writers" (S. 51). Das Mitgeteilte 
läßt genügend erkennen, daß eine Freikirche keine Glas- 
glocke ist, unter der man geborgen ist vor dem Lufthauch 
neuer Gedankenbewegung. Dabei hält Sheldon entschieden 
daran fest, ein guter und treuer Medodist zu sein. Wir er- 
kennen es aus seinem Schlußwort: „Im ganzen hat der 
amerikanische Methodismus eine schöne Mittelstellung zu 
bewahren gewußt zwischen konservativen und progressiven 
Bestrebungen. JSTie bestand sein Charakter in Sprüngen 
oder unbesonnenen Wagstücken auf dem Gebiet der Kirchen- 
lehre. Neue Meinungen wurden gezwungen, sich zu recht- 
fertigen und nachzuweisen, daß sie imstande wären, die 
Probe auf ihre Wissenschaftlichkeit und Frömmigkeit zu 
bestehen. Anderseits aber ist die Türe für Verbesserung 
in der Lehre nie verschlossen worden. Die Vertreter einer 
besseren Auffassung fanden stets ein großes Maß von Dul- 
dung. Je und dann freilich hat ein maßloser Dogmatiker 
einen Hilferuf angestimmt und verlangt, daß das Schwert 
der Kirchenzucht gezogen werde. Aber die verantwort- 
lichen Autoritäten sind im allgemeinen vorsichtig gewesen, 



— 73 — 

eine so unduldsame Forderung zu beachten. Der Genius 
des Methodismus stellt das Leben über die Lehre; doch 
nicht um letztere gering zu schätzen, sondern indem er die 
Lehre ausdrücklich der Förderung der Liebe und Gerechtig- 
keit im Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft unter- 
ordnet. Schonungslose Strenge und übertriebene Ängstlich- 
keit, untergeordnete Lehren aufrecht zu erhalten, würden 
weder dem Geiste des Stifters, noch der Mission des Me- 
thodismus gemäß sein, welcher eine großartige Veranstaltung 
ist, schriftmäßige Heiligkeit zu verbreiten. Daß der ameri- 
kanische Methodismus in einer so großen Ausdehnung seinem 
Ideal treu geblieben ist und mit seinem Konservatismus so 
viel Duldsamkeit und Katholizität vereinigt hat, muß jeden 
Freund der freien Wissenschaft mit Genugtuung erfüllen." 
Ein anderes Mal berichtet Sheldon, daß neben der alten 
Lehre auch die neuere Theologie von Schleiermacher bis 
zu Harnack unter den Predigern begeisterte Anhänger zählt. 
(Siehe 0. Meyer: „Der Methodismus", in Kalb: „Kirchen 
und Sekten der Gegenwart", Stuttgart 1905.) Wenn der 
deutsche Prediger Rücker (Evst. 1905, No. 46) dies über- 
haupt für unmöglich erklärt, so wird er insofern Recht 
haben, als viele methodistische Prediger, besonders Laien- 
prediger, auf den hergebrachten Bahnen wandeln. Jeden- 
falls aber läßt uns Sheldon erkennen, daß diejenigen, welche 
in einer Freikirche einen vollkommenen Schutz gegen jede 
Lehrabweichung erhoffen, bei den Methodisten am Ende aus 
dem Regen in die Traufe kämen; oder sie müßten dann in 
der freien Kirche nach einer freiesten rufen. 

Wir müssen nunmehr noch zusehen, wie sich die Metho- 
disten zu den deutschen Kirchenparteien stellen. Die An- 
nahme liegt nahe, daß sie die Wege der Konfessionellen und 
besonders der „Positiven Union" durchweg mit ihrem Beifall 
begleiten. Allein sie sind auch von diesen durch einen tiefen 
Graben getrennt. Es ist der Gegensatz zwischen Landes- 
kirche und Freikirche, zwischen dem in der deutschen und 



— 74 — 

dem in der britischen Nation geschichtlich gewordenen 
System. Sogar der Bericht über die Versammlung der 
kirchlichen Rechten gegen die moderne Theologie am 2. und 
3. Mai 1905 in Berlin wird vorwiegend zu einem Angriff 
auf die Veranstalter selbst. (Evst. 1905, No. 20 ff.) Mit Be- 
hagen wird gesagt, daß freilich jene große Versammlung 
mit „Bravo und Händeklatschen" ein offenes Bekenntnis 
war für die traurigen Zustände in der Landeskirche und 
die nach Pastor Philipps Wort in ihr herrschenden „Gräuel" 
Aber das sei gerade die unverständliche Torheit, daß man 
diese Schäden heilen wolle und dabei doch an der Landes- 
kirche festhalten, die man dort mit völligem Unrecht eine 
„ Reformationskirche " genannt habe. Sie sei einfach nichts, 
als eine „Staatskirche" In einer solchen möge man sich 
doch nicht beschweren über eine liberale Richtung. „So- 
lange die Kirche eine Staatskirche bleibt, hat der Staat die 
Pflicht, in seiner Kirche alle Parteien zu dulden, ja zu 
schützen." Daher der Aufruf an die Kirchenmänner der 
Rechten: „Ziehen Sie doch die einzig mögliche Folgerung 
aus Ihrer Erkenntnis, zeigen Sie, daß Ihr Bekenntnis zu 
dem lebendigen Christus keine Phrase ist, treten Sie aus 
aus der ,Volksgemeinschaft mit religiöser Grundlage' und 
gründen eine Glaubensgemeinschaft, die auf dem Evan- 
gelium steht." Wird diese einzig richtige Folgerung nicht 
gezogen, so ist die ganze Mühe vergeblich. Es ist vergeb- 
lich, wenn Professor Ecke und Lic. Weber klagen: „Die 
Hauptschuld an der Abwendung so weiter Kreise ist das 
landesherrliche Kirchenregiment." Nach heftigen Angriffen 
auf Stöcker und Philipps wird schließlich gefragt: „Was 
haben denn die Männer der Rechten bei der Aktion in 
Berlin erreicht? Sie haben geholfen, das Vertrauen zum 
staatlichen Regiment in der Kirche tiefer zu erschüttern, 
sie haben den Sammelruf in die positiven Kreise wirksam 
hineingetragen, sie haben diese Bewegung in die Hände 
der innern Mission gelegt. Diese erscheint als Zu- 



— 75 — 

fluchtshafen bei dem zu erwartenden Zusammenbruch, des 
staatskirchlichen Systems." Der Weisheit letzter Schluß 
bleibt: „Die Hilfe liegt in der Freiheit der Kirche vom 
Staat." Hat doch schon Friedr. Wilhelm IV gesagt: „Ich 
sehne mich mit allen Kräften meiner Seele nach dem Augen- 
blick, wo ich dem Greuel des landesherrlichen Episkopates 
widersagen kann, wie dem Satan in der Taufe." (A. a. 0., 
No. 28.) 

So spitzt sich bei den Methodisten schließlich alles zu 
auf die Rivalität der beiden großen Kirchenformen. Der 
jetzige Wettstreit zwischen ihnen kann nicht mit einer 
plötzlichen, großen Entscheidung end,en. Er wird ein chro- 
nischer Zustand bleiben, in dessen Verlauf allerdings neben 
den deutschen Landeskirchen immer machtvollere Freikirchen 
erwachsen werden. Genau so ist es in England geschehen, 
wo die Dissenters an Seelenzahl der Staatskirche immer 
näher kommen. 



76 



III. 

Die Evangelische Gemeinschaft. 

Auch, bei dieser Methodistenkirche werden wir über 
Entstehung, Lehre, Verfassung, Deutschland -Mission und 
Arbeitsweise zu berichten haben. Wenn wir uns dabei aber 
wesentlich kürzer fassen, so geschieht das nicht lediglich 
deshalb, weil sie viel kleiner ist, als die bischöfliche Metho- 
distenkirche. Gegenüber den Millionen der letzteren steht 
sie ja in Amerika fast zwerghaft da. Sie hatte 1895 dort 
erst 110 095 Mitglieder, 982 Reiseprediger und 1988 Kirchen. 
Aber da sie innerhalb der großen Methodistenkirche ent- 
standen ist und anfangs zu ihr gehörte, da sie Lehren, 
Kirchenordnung und Verfassung vollständig nach ihrem 
Muster geformt hat, so können wir auf den vorigen Ab- 
schnitt verweisen. Das dort Gesagte gilt fast in allen 
Stücken auch hier. 

Jacob Albrecht, der Sohn eines Württemberger Luthe- 
raners, wurde am 1. Mai 1732 in der Nähe von Pottstown 
in Pennsylvanien geboren. Kirchlich, aber ohne tieferes, 
religiöses Empfinden vergingen ihm die Jahre, bis er 
32 Jahre alt, selbständig und ein Farmer und Ziegelbrenner 
geworden war. Er ahnte nicht, daß es ihm noch einmal 
beschieden würde, ein Bischof zu sein. Da schlug die Stunde 
seiner Bekehrung. Er fand sie durch den Verkehr mit 
Adam Siegel, einem Laienprediger der Methodisten. Sofort 



— 77 — 

schloß er sich, ihrer Kirche an, indem er die lutherische, 
die ihm zu kalt war, verließ. In der Tat waren die reli- 
giösen und kirchlichen Verhältnisse der zahlreichen Deut- 
schen in Pennsylvanien sehr traurig. Ihre Kirchenlosigkeit 
und Grottentfremdung ging Albrecht als Landsmann zu 
Herzen und 1796 wurde er auf eigene Faust ein privater 
Laienprediger. Er hätte sich jetzt den durch den verdienten 
Mühlenberg (f 1787) inzwischen organisierten Lutheranern 
aus Deutschland anschließen können, aber die Lutheraner 
wünschten keine unstudierten Laienprediger. So blieb ihm 
nur die bischöflich methodistische Kirche, welche ihm die 
Erweckung gebracht hatte. Aber diese britische Kirche 
hielt es damals noch, für zu gering, unter den Deutschen 
zu arbeiten. Denn ihre führenden Männer sagten: „Die 
deutsche Sprache wird aussterben und in 20 Jahren wird 
alles englisch sein." Da wirkte Albrecht als selbständiger 
Laienprediger unter den Deutschen und sammelte zum 
erstenmal seine wenigen Q-etreuen 1800 zu einer Beratung. 
Die erste Laienkonferenz derselben geschah im November 
1803 und beschloß, daß Albrecht ein evangelischer Prediger 
sei und bleiben sollte. Nach vier Jahren ernannte sie zum 
zweiten Prediger den Joh. Dreisbach, den Greschichts schreib er 
der Gremeinschaft (f 1871). Albrecht aber wurde als Bischof 
ordiniert und übernahm es, nach dem Vorbild der Metho- 
distenkirche Bekenntnis und Kirchenordnung aufzustellen. 
Schon am 18. Mai 1808 starb er und nach ihm ist die 
bischöfliche Würde lange Jahre ohne Träger geblieben, bis 
Joh. Seybert sie bekleidete, geboren am 7. Juli 1791, wieder- 
geboren am 21. Juni 1810, seit März 1839 über 20 Jahre 
lang Bischof. Die Konferenz von 1809 nahm als Namen 
an: „Die sogenannten Albrechtsleute " (The so called Al- 
brights) und volksmäßig hört man diese Benennung noch 
heute. Die folgende Greneralkonferenz aber bestimmte als 
Bezeichnung: „Die Evangelische Gemeinschaft" (Evangeli- 
cal Association). Die von Albrecht wegen seines baldigen 



- 78 — 

Todes nicht vollendete „Lehre und Kirchenzuchtordnung" 
wurde durch, seinen Gehilfen Georg Miller ausgearbeitet 
und von der Konferenz festgesetzt. Miller, Dreisbach und 
Joh. Walter gehören nächst Albrecht zu den Stiftern der 
Gemeinschaft. 

Wenn es sich nun darum handelt, die Lehren der 
letzteren im Unterschied von der Methodistenkirche festzu- 
stellen, so kann es sich nur um geringfügige Schattierungen 
handeln. Zunächst steht bei der Ev. Gemeinschaft die voll- 
kommene Heiligung noch etwas mehr im Vordergrund der 
Verkündigung. Schon Albrecht erfuhr die christliche Voll- 
kommenheit als ein besonderes Geschenk des Herrn erst 
4 Jahre nach seiner Bekehrung. „Er glaubte und lehrte 
die gänzliche Heiligung nicht als gleichzeitig mit der 
Wiedergeburt stattfindend." (J. Albrecht und seine Mit- 
arbeiter von Jäckel, S. 27.) Der von ihm angeschlagene 
Ton klingt weiter. „Kein Prediger kann ohne die Heili- 
gung sein Amt recht verwalten, d. h. ohne daß er durch 
den heiligen Geist über alle Sünden innerlich und äußerlich 
vollkommenen Sieg habe." (Christi. Botsch. 1875, S. 17.) 
„Der Weise ringt nur, wo sein Ringen einen vollkommenen 
Sieg erringen kann. Begeisterung ist nur für ein erreich- 
bares Ziel." (1874, No. 41.) „Ein Prediger, welcher die 
Lehre von der gänzlichen Heiligung und christlichen Voll- 
kommenheit nicht glaubt, versteht den Heilsplan oder die 
Heilslehre nicht gründlich oder nicht recht, — verrät, daß 
er in seiner christlichen Erfahrung noch sehr mangelhaft 
ist und erweist sich auch in seinem ganzen Amtswesen als 
ebenso mangelhaft." (Evang. Magazin 1870, S. 61.) Einst 
hatte der Rev. Mc. Donald bei einem Oampmeeting über 
das Wort gepredigt: „Wenn eure Sünden blutrot sind, 
sollen sie schneeweiß werden." Der Berichterstatter der 
Ev. Gemeinschaft sagt darüber, er habe richtig ausgeführt, 
daß das Blut Christi alle Schlacken samt der Schuld aus- 
tilge; es sei auch eine musterhafte Predigt gewesen, die 



— 79 — 

einen tiefen Eindruck machte, so daß viele sich, aufmachten, 
die Heiligung zu suchen, auch Sünder weinend hervorkamen, 
um sich zu bekehren. Aber doch fügt er hinzu: „Ein 
Punkt blieb mir unaufgeklärt, nämlich was des Redners 
Ansicht sei, wenn nach der Rechtfertigung und Wieder- 
geburt solche, die noch nicht das Werk gänzlicher Heili- 
gung erfahren haben, unterdessen sterben." Mir fiel beim 
Lesen der Schacher am Kreuze ein, dem die „gänzliche 
Heiligung" fehlte, der aber doch das Wort erfuhr: „Heute 
noch wirst du mit mir im Paradiese sein." Es zeigt sich 
hier eine Verwandtschaft mit einigen Baptisten, die Rom. 8 1: 
„So ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christo 
Jesu sind" — von der Heiligung deuten, statt von der 
Rechtfertigung. 

Eine gewisse Enge der Lehrweise auch gegenüber den 
großen Methodistenkirchen, deren Prediger gründlich aus- 
gebildet werden, läßt sich überhaupt nicht verkennen. Man 
lese nur die Eröffnungsansprache, welche der Rev. Kelly 
gehalten hat, als er die neueste Konferenz der Wesleyaner 
eröffnete (Juli 1905 in Bristol). Sie ist warm und weit- 
herzig. Er ermahnt die Prediger, ebenso furchtlos gegen 
die Übel der G-egenwart zu kämpfen, wie die alten Väter. 
Jeder solle ebenso die menschlichen und klassischen Wissen- 
schaften (humanity) studieren, wie die Theologie (divinity). 
Niemals möge man kaltes Wasser auf die soziale Reform- 
bewegung gießen, denn die Kirche selbst sei die große 
Temperenzgesellschaft, die große Heilsarmee und der christ- 
liche Verein junger Männer. Bei den Predigten möge man 
alles weitschweifige Grerede, alle verstandesmäßigen Abhand- 
lungen und alle Verteidigungspredigten gegen Grlaubens- 
angriffe unterlassen. Dagegen möge man sich den Tau- 
senden von unbekehrten Männern, Frauen und jungen 
Leuten in den Gremeinden widmen, damit die Predigtweise 
voll göttlicher Bekehrungskraft sei. Nüchtern und wahr- 
haftig redet hier Präsident Kelly von den Tausenden von 



— 80 — 

Unbekehrten in einer methodistischen Kirche. Schwerlich 
würde man in der Evangelischen Gemeinschaft das aner- 
kennen. Ein Blick in die betreffende Literatur zeigt, daß 
in diesem kleinen Kirchenkreis der an sich klare Begriff 
einer Freikirche immer wieder verquickt wird mit darby- 
stischen oder irvingianischen Bestrebungen, eine reine Ge- 
meinde von Bekehrten zu sammeln. Durch solche ideali- 
sierende Behauptungen vergoldet man den Gedanken der 
Freikirche mit einem Glanz, der ihr nicht zukommt. Ich 
durfte eine Zeitlang im Pfarrhaus einer großen, blühenden, 
britischen Freikirche, als im Mittelpunkt eines frischen, 
religiösen Lebens weilen. Es war erquickend, aber irgend 
ein Wesensunterschied von einer lebendigen, deutschen 
Kirchen gemeinde war nicht zu bemerken. Vor allem war 
man demütig und bei dem auch dort vorhandenen, ver- 
schiedenen, christlichen Stand der einzelnen Glieder weit 
davon entfernt, für sie alle eine vollkommene Rechtgläubig- 
keit und für die Freikirche eine Art von Heiligkeit zu be- 
anspruchen. Im „Evangelischen Botschafter" aber klingt 
es je und dann: „In der Freikirche wird es zu der biblisch 
geforderten Absonderung der Gläubigen kommen." (1905, 

No. 40.) 

Durch das Verfassungsleben der Evangelischen Gemein- 
schaft geht ein etwas demokratischer Zug gegenüber den 
Bischöflichen. War doch ihr erster Bischof ein unstudierter 
Laie. Er hatte in einer Privatschule nur Lesen, Schreiben 
und Rechnen in deutscher Sprache gelernt. Im Verkehr 
und durch die Bibel lernte er statt des pennsylvanisch- 
deutschen Dialektes die hochdeutsche Sprache und mit 
Hilfe eines Wörterbuchs das Englische soweit, daß er 
darin eine Anrede halten konnte. Außer einem Kommentar 
über die Bibel, den er sehr hoch schätzte, hatte er kaum 
andere Bücher, als Bibel, Katechismus und Gesangbuch. 
(J. Albrecht und seine Mitarbeiter S. 8.) Vierzehn ameri- 
kanische Laien waren es, die ihm das Amt eines Predigers 



— 81 — 

und später eines Bischofs übertrugen und zwar durch Hand- 
auflegung der privaten Prediger J. Walter und A. Liesser. 
Man berief sich auf die Propheten und Lehrer Simon, Lu- 
cius und Manahen (Apg. 13 1—3). Diese hätten ebenfalls 
Paulus und Barnabas mit Fasten, Beten und Handauflegung 
ordiniert, ohne doch selbst ordiniert zu sein. Selbstredend 
ist ihnen die anglikanische Lehre von der „ apostolischen 
Nachfolge" eine „kluge Fabel" „Alle wahrhaft Gläubigen, 
die mit dem verklärten Christus vereinigt sind, haben als 
Könige und Priester durch Christus das unbestreitbare Recht, 
zu irgend einer Zeit und an irgend einem Ort jemanden, 
den die göttliche Vorsehung und der Geist Jesu zum Pre- 
digtamt berufen hat, wie es bei Albrecht der Fall war, — 
förmlich zu ordinieren und ins Amt des Evangeliums ein- 
zusegnen." (Ebendaselbst S. 63 ff.) Es braucht kaum ge- 
sagt zu werden, daß die Evangelische Gemeinschaft den 
Laien berechtigten Anteil gewährt bei den Konferenzen. 
Was nun die Deutschland-Mission dieser Kirche be- 
trifft, so muß zugestanden werden, daß auch sie einen 
äußeren Anlaß zu einer solchen hatte durch persönliche 
Beziehungen ihrer Glieder nach dem alten Vaterland. Die 
dort begonnene Arbeit ging aber durchaus nicht auf bloße 
religiöse Erweckung aus, sondern auf Ausdehnung des 
eigenen Kirchen tums. Schon 1870 schrieb der milde Bi- 
schof Escher: „Ich halte es für unsern Beruf, die Evan- 
gelische Gemeinschaft mit ihren Eigentümlichkeiten auch 
in Europa zu gründen und auszubreiten." (Christi. Botsch. 
1870, No. 330.) Das Missions werk in Deutschland hatte be- 
reits 1850 begonnen. Anfangs zwar sollte es bloß „Seelen 
retten" Aber auf der Reutlinger Konferenz (1868) und 
schon früher beschloß man die Organisation selbständiger 
Gemeinden, um dem Los des Pietismus zu entgehen, den 
die Kirche in ihren Schoß genommen und großenteils er- 
stickt habe. Schon im Juni 1875 heißt es im Missions- 
bericht aus Stuttgart: „Siegreich ging das Werk Gottes 

Jüngst, Methodismus. 3. Aufl. ° 



— 82 — 

voran und unsere kleine Streiterschar, ihrer so hohen Auf- 
gabe bewußt, hat sich mutig und unverdrossen in das ,feind- 
liche Gebiet' hineingewagt und eine schöne Anzahl teurer, 
blutserkaufter Seelen für ihren himmlischen König erobert 
und zum Anschluß an unsere Kirche gewonnen." (Christi. 
Botsch. 1875, No. 29.) Nun werden die treuen württem- 
bergischen Stundenleute, die sich gewinnen » lassen, wohl 
auch die äußeren Vorschriften der Kirchenzuchtordnung 
befolgen müssen, welche für die Frauen z. B. vorschreibt: 
„ Keinem Gliede der Evangelischen G-emeinschaft sollen ge- 
stattet werden zu tragen : „ Ohren- und Fingerringe, Krollen 
und Pudern der Haare, ungeziemende Roifels (?), Spitzen- 
und Bändergebüsch an einigem Stück der Kleidung." Es 
versteht sich, daß „ein Prediger von dem schändlichen Ge- 
brauch des unreinen und giftigen Tabaks frei sein soll" 
(Christi. Botsch. 1875, No. 14.) „Wer noch mit diesem 
Übel befangen ist der hat, das mindeste gesagt, es noch 
nicht sehr weit gebracht mit seiner moralischen Ausbildung." 
Die Albrechtsbrüder haben in Deutschland bis jetzt 
mindestens &0 Kirchen und Kapellen, deren "Wert 1904 ab- 
geschätzt wurde auf 1891 705 Mark, ungerechnet das andere 
kirchliche Eigentum an Predigerwohnungen, Seminar usw. 
(in der Schweiz 1348100 Francs). Die Zahl der Glieder 
in Deutschland und der Schweiz zusammen betrug 1904 
16594, welche 137 Prediger hatten und 428 Sonntagsschulen 
mit 32224 Schülern. Der süddeutsche Jugendbund wuchs 
in 1904 um sechs Vereine mit mehr als 300 Mitgliedern. 
Für das Eigentumsrecht an den Kirchengebäuden tritt 
eine Aktiengesellschaft ein mit dem Namen: „Evangelische 
Gemeinschaft in Deutschland" In Amerika gibt es sieben 
Prediger seminare, von denen das bedeutendste sich in 
Naperville, einer Vorstadt von Chicago, befindet. Diese 
Hochschule findet offene Hände. Dr. Goldspohn in Chicago 
schenkte z. B. 1905 100000 Mark und desgleichen der be- 
kannte Carnegie. Von dem damit verbundenen „biblischen 



— 83 — 

Institut" erhielten 1905 zwei Männer den Ehrentitel eines 
Doktor der Theologie, nämlich Gr. Heinmiller, der Herans- 
geber des „ Christlichen Botschafters " und S. P Spreng, der 
Herausgeber des „Evangelical Messenger" Das Prediger- 
seminar für Japan ist in Tokio und das für Deutsch- 
land in Reutlingen. Hier wurde am 13. Dezember 1905 
für dasselbe ein neues Grebäude eingeweiht für mehr als 
120000 Mark. Es umfaßt einen großen Lehrsaal, mehrere 
Klassenzimmer, Bibliothek, Wohnung für Direktor, Lehrer 
und Hausdiener, Küche, Speisesaal, Turnsaal, Seminaristen- 
zimmer, Waschküche usw. Es kann 44 künftige Prediger 
aufnehmen. Von den Kosten kamen auf jedes Mitglied 
in der Schweiz 4,5 Mk., in Norddeutschland 9,84 Mk., in 
Süddeutschland 14,2 Mk. Die Spenden aus Amerika wurden 
diesen drei Konferenzen pro rata gutgeschrieben. Neue 
Kirchenbauten werden immer wieder hier oder dort be- 
gonnen oder beendet. So wurde in Heissen bei Mülheim a/R. 
am 19. Februar 1905 ein neuer Betsaal eingeweiht. Bei der 
Feier „fanden etwa 40 Seelen den köstlichen Frieden im 
Blute des Lammes" (Ev. B. 1905, No. 14.) Die mit prak- 
tischen Vereinsräumen verbundene neue Kirche von Berlin I 
liegt Schröderstraße 5. Zu einer ferneren Kirche für Berlin II 
mit 700 Sitzplätzen wurde für den Süden der Stadt am 
13. Oktober 1905 feierlich der Gfrundstein gelegt (Dieffen- 
bachstraße 39, gegenüber dem Hohens taufenplatz). 

Schon in den sechziger Jahren warf die Gremeinschaft 
im Königreich Sachsen und zwar in Dresden das Netz aus, 
legte sich anfangs den Namen „Dresdener Missions verein" 
bei, wurde aber 1868 polizeilich gezwungen, den Namen 
abzulegen, um Verwechselungen zu vermeiden. Sie nannte 
sich „Evangelisations -Verein", bis sie am 20. August 1878 
vom Kultusminister die Grenehmigung zum öffentlichen 
Grottesdienst erhielt als „Zionsgemeinde für Dresden und 
Umgegend" In Leipzig trat die Gemeinschaft 1876 zu- 
erst auf unter den Namen „Bibellese verein" Bedeutend 

6* 



— 84 — 

ist die Diakonissenanstalt Bethesda in Elberfeld. Die treu 
arbeitenden Schwestern kommen dem schreienden Mangel 
an weiblicher Krankenpflege geschickt entgegen. Von dort 
aus errichtete man 1891 eine Schwesternstation in Dresden. 
Deren Tracht ist der Kleidung der kirchlichen Schwestern 
sehr ähnlich und ihr Name mußte in „Elimschwestern" 
geändert werden. In Berlin aber geschieht die Entwicke- 
lung der jungen Gemeinden so außergewöhnlich rasch, 
wie nirgends noch in Deutschland. (Ev. B. 1905, Nb. 29.) 

Auch die Evangelische Gemeinschaft gebraucht rege 
das moderne Mittel der Presse zur Werbung durch Zeit- 
schriften, Traktate und Bücher. Ihre Buchanstalt „Das 
christliche Verlagshaus" ist in Stuttgart. Dort erscheint 
ihr Organ: „Der Evangelische Botschafter", der auch in der 
Landeskirche verbreitet wird, so daß z. B. 1905 in Dresden 
auf jedes Mitglied 2 3 / 5 Exemplare kamen. Das Blatt wird 
an Geistesgehalt überragt von dem Organ der bischöflichen 
Methodisten „Der Evangelist" Doch muß anerkannt werden, 
daß sein früher oft bittererund übermütiger Ton jetzt milder 
ist. Auch der „Christliche Botschafter" aus Cleveland wird 
in Deutschland mehrfach gelesen. Dieses Biesenblatt ist 
die größte, mir bekannte Kirchenzeitung und zugleich ein 
großartiges Annoncenblatt. 

Wenn die Missionsboten irgendwo zu wirken beginnen, 
so sagen sie nicht: „Wir wollen hier eine methodistische 
Kirche gründen", sondern: „Wir wollen Sünder zum Hei- 
land führen" Erst allmählich tritt ihre Absicht hervor, 
die sich bis zu der derben Offenheit steigern kann, „die 
Landeskirche sei Israel, sie seien die Apostel; die Landes- 
kirche sei Born, sie seien Luther; die Landeskirche sei 
heidnisch, sie seien die Missionare." (Ev. B. 1876, S. 110.) 
Von dem Wunsch der bischöflichen Methodisten, für Deutsch- 
land einen eigenen Bischof zu bekommen, verlautet bis jetzt 
noch nichts. Jährlich muß der Bischof zur Konferenz aus 
-Amerika kommen. Am 2. Juni 1905 leitete der Bischof 



— 85 — 

Th. Bowmann die süddeutsche Konferenz in der Friedens- 
kirche zu Gröppingen und am 15. Juni die norddeutsche in 
der schmucken Erlöserkirche zu Berlin. 

Die mächtige Bischöfliche Methodistenkirche hat schon 
längst die Deutschland -Mission der Wesleyaner und 1905 
auch die der „ Vereinigten Brüder in Christo" ihrem deut- 
schen Werke einverleibt. Es ist ein Widersinn, daß noch 
heute zwei Methodistenkirchen innerhalb deutscher Landes- 
kirchen sich gegenseitig den Rang ablaufen. Auch sind 
Versuche zu einer Einigung gemacht worden, wie z. B. bei 
den beiderseitigen Konferenzen 1875 zu Kirchheim und 
Heilbronn. Und noch 1876 schrieb die Evangelische Gre- 
meinschaft wegen einer Union an die Greneralkonferenz der 
bischöflichen Methodisten: „Viel erfolgreicher würde die 
Streiterschar unter einem Banner kämpfen. Vereinigt 
würde unsere Macht und unser Einfluß sofort ums vier- 
fache wachsen. Der Unglaube, Eom und seine Kohorten, 
das tote Formchristentum vieler deutschen Kirchen würden 
die Kraft unseres geistigen Lebens spüren." Trotz der 
auch von der Evangelischen Gremeinschaft schon längere 
Zeit verlangten drei Jahre theologischen Studiums möchte 
ich hinzufügen, daß durch eine solche Union das geistige 
Niveau der Evangelischen Gremeinschaft nur gewinnen könnte. 
Aber man möge doch nicht meinen, daß es den Freikirchen 
an einem kräftigen Partikularismus mangele. Vorläufig 
wird getrennt weiter gearbeitet. 



86 — 



IV 

Einwirkung des Methodismus 
auf religiöse Erscheinungen und Unter- 
nehmungen in Deutschland, die nicht 

methodistisch-kirchlich sind. 

Ganz verschiedene Beobachter stimmen in dem Urteil 
überein, daß der Methodismus heute einen maßgebenden 
Einnuß hat ». auf den deutschen Protestantismus. Nach 
R. Kübel, dem Schüler von F. Beck, werden, wie ich im 
Vorwort bemerkte, sogar die evangelischen Kirchen Deutsch- 
lands vom Methodismus geradeso beherrscht, wie die katho- 
lische Kirche vom Jesuitismus. Soweit gehen die Metho- 
disten nicht. Aber auch sie verkündigen, daß wenigstens 
die Atmosphäre des Wuppertals, Basels und Genfs nicht 
mehr reformiert, sondern methodistisch sei. (Evst. 1905, 
No. 47.) Bei einer Darstellung des gesamten Methodismus 
in Deutschland müssen notwendig wenigstens diejenigen 
Gemeinschaften mit in Betracht gezogen werden, welche 
offenbar Gepräge oder Färbung ganz oder teilweise vom 
Methodismus empfangen haben. Hier könnte nun auf 
manches hingewiesen werden. Ich denke z. B. an den 
„Europäischen Jugendbund für entschiedenes Christentum" 
und seine Wirksamkeit sowohl auf Alte als Junge in 



— 87 — 

Deutschland. Diese „Christian Endeavor Society" stammt 
auch aus Amerika, wo sie in Portland (Maine) am 2. Febr. 
1881 durch Pastor Clark gegründet wurde. In Chicago 
lernte Stöcker ihre Arbeit kennen und trat in seiner 
Kirchenzeitung für sie ein (1893). So kam es, daß die 
zweite große Konferenz dieses „Bundes für entschiedenes 
Christentum" vom 9. — 12. Juli 1905 in Berlin tagte. Nach 
Stöcker redete ein Prediger der bischöflichen Methodisten, 
der Baptisten und der Evang. Gemeinschaft. Halb betrübt 
erwähnen die Methodisten, daß auch Männer wie Dryander, 
Ohly, Faber u. a. anwesend waren. (Evst. 1905, No. 31.) 
Denn die zurzeit noch landeskirchliche Leitung des Vereins 
ist ihnen ein Anstoß. Bleibt es dabei, so weissagen sie 
dem Verein ein trauriges Greschick. Er wird nämlich „zweifel- 
los auf das Niveau des geistlichen Lebens herabsinken, auf 
dem sich die Innere Mission befindet", deren Christentum 
überhaupt vom Methodismus und seinen Kreisen lebhaft 
angegriffen wird. Dagegen wird der Bund noch Großes, 
ja Herrliches vollbringen, falls die in ihm zugelassenen 
Freikirchen die Oberhand bekommen. Soll er doch 
satzungsgemäß „nicht für eine Landeskirche, sondern für 
Christus und seine Kirche wirken" (Evst. 1905, No. 50.) 

Neben diesem noch jungen Unternehmen treten uns 
im religiösen Leben der Gegenwart noch mehrere Er- 
scheinungen entgegen, innerhalb deren eine Einwirkung der 
methodistischen Anschauung von Welt und Heil offensichtlich 
zutage tritt. Wir beachten zunächst die deutsche Gemein- 
schaftslbewegung. Von ihr sagen die Methodisten: „Vom 
Methodismus ist die Gemeinschaftsbewegung ausgegangen; 
wie natürlich, daß sie zum Methodismus hinüberblickt." 
(Evst. 1906, No. 5.) Es gilt zu prüfen, wie viel Wahres in 
dieser Behauptung enthalten ist. 

Ein Blick in die Verhandlungen der kirchlichen Synoden, 
Konferenzen und Blätter genügt, um die Bedeutung der 
Gemeinschaftsbewegung zu erkennen. Hier bedarf sie einer 



— 88 — 

Besprechung, um festzustellen, inwiefern in ihr der metho- 
distische Faktor wirksam ist. Es mangelt ihr noch an 
Einheitlichkeit. Ihre Organisation für ganz Deutschland ist 
zwar groß angelegt, aber nur lose erreicht und wird von 
verschiedenen Seiten in Angriff genommen. Auch sind 
persönliche und provinzielle Besonderheiten, Strömungen 
und Kräfte in ihr wirksam. Ein Lichtpunkt in der kirch- 
lichen G-egenwart ist ja die „Deutsch-Evangelische Kirchen- 
konferenz" Sie ist der erste Erfolg verheißende Schritt 
zu einer Gemeinschaft aller deutschen Kirchen. Sie tagte 
im Juli 1905 zu Eisenach. Auch sie widmete der Gemein- 
schaftsbewegung eine eingehende Untersuchung. Als Er- 
gebnis stellte sie fest: „Die neuere Gemeinschaftsbewegung 
kann nicht als eine einheitliche betrachtet werden. Sie ist 
vielmehr eine vielgestaltige, je nachdem sie unter dem Ein- 
flüsse des deutschen Pietismus an dem Charakter der 
deutsch-evangelischen Glaubens- und Fr ömmigkeits weise 
festhält oder fremde, aus englischem und amerikanischem 
Boden herstammende Motive in sich aufnimmt und zur 
Geltung bringt." 

Unter den amerikanischen Motiven ist in erster Linie 
der Methodismus zu verstehen. So unrichtig und ungerecht 
es wäre, die ganze Bewegung als eine methodistische an- 
zusehen, so sicher sind Motive von ihm in ihr wirksam. 
Aber das ursprüngliche Terrain der Bewegung bilden die 
alten, hin und her in Deutschland bestehenden, privaten 
Erbauungsgemeinschaften, die im Norden als „Versamm- 
lungen", im Süden als „Stunden" bekannt sind. In diese 
stillen, frommen Kreise ist der Methodismus erobernd ein- 
gedrungen. Ihm, der in kirchlicher Geschlossenheit, mit 
Geschick, Wucht und Erfolg vorrückt, fallen sie immer 
mehr anheim. Schon heute behaupten ja die Methodisten, 
daß ihre Kirchenart in der ganzen Bewegung die herrschende 
sei. Ihr Organ schreibt: „Wie völlig die Gemeinschafts- 
bewegung ihren Mutterboden im Methodismus hat, das wird 



— 89 — 

besonders im Blick auf die von ihr vertretenen Lehren 
Mar. Es sind die alten, methodistischen Kardinalstücke, die 
hier mit Ernst vorgetragen werden." (Evst. 1905, No. 51.) 
Zunächst wird auf die Bekehrung hingewiesen. Darüber 
ist zu sagen, daß allerdings Theod. Jellinghaus seit 1898 
einen Unterschied hervorhebt zwischen der urmethodistischen, 
plötzlichen Erweckungsweise und der Art, die in den 
deutschen Gemeinschaften heimisch sei. Für letztere wünscht 
er deshalb den besonderen Namen „heilis tische" (!) Be- 
wegung, innerhalb deren auch Raum sei für „ein allmählich 
im Innern erwachsendes Zeugnis des heiligen Geistes" 
Allein ein derartiger Gradunterschied ist deshalb wenig be- 
deutsam, weil auch die Methodisten — wenigstens in der 
Theorie — immer häufiger in Abrede stellen, daß sie lediglich 
eine plötzliche Bekehrung anerkennen. Ferner behaupten 
die Methodisten, daß schon jetzt in der Gemeinschafts- 
bewegung ihre Lehre von der vollkommenen Heiligung 
die Herrschaft habe. Jeder Kenner Wesleys oder einer 
methodistischen Glaubenslehre müsse angesichts der Lehre 
der „Gemeinschaftsfreunde" bekennen: „Das ist doch Bein 
von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch" Wenn 
deshalb kirchlicherseits die ganze Gemeinschaftsbewegung 
als „Methodismus" bekämpft werde, so beweise das nur 
„von welch hoher Bedeutung die methodistische Arbeit be- 
reits für unser Vaterland geworden ist und sicherlich noch 
mehr werden wird" (A. a. 0.) Doch noch mehr, als auf 
eine solche, von den Methodisten beobachtete und ver- 
ursachte Übereinstimmung in der Lehre, ist darauf zu achten, 
daß die Gemeinschaften in bezug auf das praktische Ver- 
fahren beim Methodismus in die Schule gehe. Hier haben 
die nach Speners und Tersteegens "Weise biblisch erbau- 
lichen Versammlungen es gelernt, aus dem stillen Konven- 
tikel hinauszutreten an die Öffentlichkeit. Die Stillen sind 
laut geworden. Hier erwuchs ihnen der Drang, sich im 
großen zu organisieren, tatkräftig auszudehnen und gar 



— 90 - 

von der Kirche loszusagen, hier lernten sie, wie sehr eine 
planmäßige Literatur durch Sonderschriften und periodische 
Blätter die vertretene Sache fördert. 

Wir verfolgen kurz die bisherige Entwickelung. Die 
Grundlage war, wie gesagt, durch die alten, privaten Er- 
bauungsgesellschaften gegeben, welche teils in, teils neben 
der Kirche bestanden. Etwa vier Jahrzehnte lang hatten 
sie dem Einfluß der freikirchlichen, englischen und amerika- 
nischen Missionen offen gestanden, als 1888 die erste deutsche 
Pfingstkonferenz der Gremeinschaften zu Gnadau zustande 
kam. Vorausgegangen waren die „ Segenstage " von Oxford 
und Brighton, an denen auch deutsche Pastoren und Laien 
teilnahmen. (1874 — 75.) An letzterem Orte wurde die 
Lehre von der vollkommenen Heiligung bis zu dem Gipfel 
getrieben, daß ein methodistischer Prediger verkündigte, er 
lebe seit 35 Jahren rein wie Christus. Freilich scheiterte 
der Siegeszug Pearsall Smiths durch Deutschland, welcher 
diese „zweite Reformation" durchsetzen sollte. Aber die 
Erregung war tief gewesen und Wirkungen blieben zurück. 
Immer mehr», reifte alsdann in den innerkirchlichen Ver- 
sammlungskreisen der Gedanke, die deutschen Gemein- 
schaften durch eine große, alle zwei Jahre stattfindende 
Tagung in der kleinen Herrnhuter- Gemeinde Gnadau bei 
Magdeburg zusammenzuschließen. Der Aufruf war unter- 
zeichnet von den Leitern der Gemeinschaften in Württem- 
berg, Rheinland, Siegen, Berlin und Schleswig -Holstein. 
Ihnen schlössen sich an die Evangelistenschulen Johanneum 
in Barmen, Chrischona in Basel und Neukirchen bei Mors. 
Auch der „ Reichsbrüderbund " und Vertreter aus Ost- und 
Westpreußen kamen herzu. Über ersteren ist zu bemerken, 
daß die „ Reichsbrüder " ursprünglich herstammten aus den 
Anregungen von Blumhardt, Jungfer Trudel in Männedorf, 
Freiherrn v. Seckendorff in Cannstatt und Chr. Hoffmann 
in Kornthal. Sie betrieben besonders die Heilung der 
Kranken und wirkten durch ihre Sendbrüder im Osten 



— 91 — 

Deutschlands. Dagegen schlössen sich die in Ostpreußen 
heimischen, durch den litauischen Bauer Christoph Kukat 
teils gegründeten, teils gepflegten Gemeinschaften 1885 zu- 
sammen zu dem streng lutherischen „Ostpreußischen Ge- 
betsverein" 

In Gnadau verlangte man außer einer stärkeren Be- 
tonung der Heiligung besonders die Mitarbeit der Laien 
durch Gemeinschaftspflege und freie Evangelisation. Da- 
neben wurde aber die bestehende Volkskirche als ein gött- 
licher Segen ausdrücklich anerkannt. Hierüber sagt Rektor 
Dietrich, der langjährige Herausgeber des Gnadauer Organs 
„Philadelphia" : „Die Gemeinschaften wollen treu zur Landes- 
und Volkskirche halten, lehnen aber eine Leitung durch 
die kirchlichen Behörden ab und verlangen für ihre Privat- 
versammlungen Freiheit." (S. die Privat- Erbauungsgemein- 
schaften, Stuttgart, Philadelphia -Verlag, verfaßt von Dietrich 
und Pastor Brockes, S. 18.) 

An diesem Punkt muß es nun zur Entscheidung kommen, 
ob die in Gnadau noch beibehaltene, innerkirchlich-pietistische 
oder die freikirchlich-methodistische Richtung den Vorrang 
gewinnt. Die letztere ist inzwischen so erstarkt, daß ich 
ihre Überwindung für ausgeschlossen halte. Außer diesem 
Gegensatz treten zwar auch kräftige Lehrdifferenzen in den 
Gemeinschaften zutage, z. B. ob die Wiedergeburt eine 
wesenhafte „neue Natur" schaffe (Graf Pückler) oder gleich- 
wertig sei mit dem rechtfertigenden Glauben (Lepsius und 
Jellinghaus). Aber ausschlaggebend für die künftige Ent- 
wickelung der Bewegung ist allein der Gegensatz von Frei- 
kirche und Landeskirche. Er ist schon heute ein trotz 
des Programms in die Gnadauer Konferenz getriebener Keil. 
Schon sind verschiedene Richtungen abgesplittert und halten 
ihre besonderen Konferenzen, z. B. in Nakel (Posen), Breslau, 
Hamburg, Kassel und Wiesbaden. Daher urteilen die 
Methodisten, daß die Gnadauer Konferenz an der Unfähig- 
keit sterben wird, den Widerspruch zu lösen zwischen fest 



— 92 — 

organisierter, freier Evangelisation und kirchlichem Amt, 
d. h. zwischen Freikirche und Volkskirche. „Gnadau wird 
bald nur noch Vertreterin einer Richtung sein oder über- 
haupt nicht mehr sein." -Ihnen geht es ja um „eine Or- 
ganisation, die gegebenen Falles gegen das kirchliche Amt 
Stellung nimmt und die tiefsten Interessen der Kirche 
unabhängig entscheidet" (Evst. 1905, No. 51). Damit 
meinen sie eine, wenn irgend möglich, methodistische 
Freikirche. Nur insofern findet die Gemeinschaftsbewegung 
Gnade in ihren Augen, als sie auf ein solches Ziel bewußt 
oder unbewußt lossteuert. 

Das bedeutsamste Ergebnis der Gnadauer Konferenz ist 
die Gründung des „Deutschen Verbandes für Evan- 
gelisation und Gemeinschaftsleben" Unter dessen 
Hauptvorstand stehen die Provinzialverbände, von denen 
jeder einzelne durch einen „Brüderrat" geleitet wird. Dieser 
wird aus den Leitern der Ortsgemeinschaften gewählt und 
besteht aus 6 bis 12 Männern verschiedenen Standes, auch 
Pastoren. Er hat über Lehre und Leben der Gemein- 
schaften seiner Provinz zu wachen, Evangelisten anzustellen, 
Konferenzen zu berufen, — kurz, einen großen Einfluß. 
Bis jetzt sind dem großen deutschen Verbände angeschlossen 
die Bruderräte von Ostpreußen, Westpreußen, Posen, Schlesien, 
Pommern, Brandenburg, Schleswig-Holstein, Königreich 
Sachsen, Sachsen, Hessen-Nassau, Westfalen und Rhein- 
provinz, also fast alle Gemeinschaften nördlich des Mains, 
mit Ausnahme der streng lutherischen. Das obengenannte 
Organ des Gnadauer Verbandes erfreut sich trotz maß- 
voller Haltung bei den Methodisten keiner Beliebtheit, weil 
es deren erstrebte Alleinherrschaft in den Gemeinschaften 
weder wünscht, noch fördert. Der Vorsitzende des Deutschen 
Verbandes ist zurzeit Graf Ed. v. Pückler und Verbands- 
sekretär ist Pastor Wittekind. 

Auch im Gnadauer Verband beginnt also der Gegen- 
satz von Freikirche und Volkskirche die Gemüter zu spannen. 



— 93 — 

Schon schlössen sich die Bruderräte der östlichen Provinzen 
zusammen zu einem sogar] darbystisch beeinflußten, be- 
sonderen „Ostdeutschen Gemeinschafts verband", da ihnen 
Gnadau nicht freikirchlich genug war. Anderen dagegen 
ist es nicht kirchlich genug. Diese werden sich wohl der 
neuesten „Eisenacher Gemeinschaftskonferenz" anschließen. 

Auch in Schleswig-Holstein hat die verschiedene Stellung 
zur Kirche trennend gewirkt. Der „Kirchliche Verein für 
innere Mission" ist überflügelt worden durch den „Gemein- 
schaftsfreundlichen Verein für innere Mission in Schleswig- 
Holstein" Dieser wurde anfangs geleitet durch Baron 
v. Oertzen, dann durch Graf v. Bernstorff, den Herausgeber 
der Wochenschrift „Der Gemeinschaftsfreund" Dagegen 
ist Graf v. Pückler, der Vorsitzende des großen Gnadauer 
Verbandes, besonders in Berlin und Charlottenburg tätig, 
wo er im St. Michael -Verein durch Predigtstationen, Wohl- 
fahrtseinrichtungen, Kaffeestuben usw. wirkt. 

Die entschieden freikirchliche Strömung verlangte nach 
einem besonderen Sammelpunkt. Sie fand ihn zu Blanken- 
burg in Thüringen. Dort hatte sich 1885 Fräulein Anna 
v. Weling (f 1901) niedergelassen und berief hauptsächlich 
englische Prediger und Evangelisten zur Leitung einer jähr- 
lichen Gebets- und Erbauungsversammlung. Sofort warfen 
die britischen Freikirchen ihr Gewicht in diese Wagschale. 
Heute ist die Blankenburger Konferenz die in ihrer Art 
größte des Festlandes. „Hier weiß man sich von jeder 
kirchenamtlichen Bevormundung frei und lernt die Frei- 
kirchen schätzen und lieben" Schroffer, als selbst die 
Methodisten, greift das von den Gemeinschaften getragene 
„Allianzblatt" die Landeskirchen an. Einige Sätze mögen 
genügen: „Die protestantischen Kirchen buhlen mit den 
Weltmächten" „Der größte Teil derselben paktiert mit der 
Welt und liefert den Fürsten der Welt die Werkzeuge zur 
Verfolgung der Heiligen" „Man gehe den entsittlichenden 
und seelentötenden Wirkungen gewisser kirchlichen Ein- 



— 94 — 

richtungen nach und man kann nicht mehr ruhig sein bei 
vielem, was in den geschichtlich gewordenen Kirchen zum 
größeren, geistlichen Verderben unseres armen, jesuslosen 
Volkes geschieht" Zu solchen Ausführungen bemerken die 
Methodisten: „So denkt fast der ganze Flügel der in 
Blankenburg verkehrenden Gemeinschaftskreise. " (Evst. 
1905, No. 49.) 

Eine Vorarbeit für die erstrebte Freikirche leisten die 
hin und her entstandenen freien Gemeinschafts- oder Vereins- 
häuser, in denen öfters — wie z. B. im Kreise Siegen — 
auch das Abendmahl empfangen werden kann. Auf dem- 
selben Boden stehen die JSTeukirchener Mission, die China-In- 
land-Mission, die Sudan-Pionier-Mission, die Mohammedaner- 
Mission, das Brüder- und Diakonissenhaus in Vandsburg 
(Prov. Preußen), das Pilgerheim in Brieg, die Zufluchts- 
stätte Pella bei Lüben usw. Dagegen hat der freikirchliche 
Drang sein Ziel schon völlig erreicht in den noch kleinen 
„Freien Gemeinden" Unsere Erwartung, daß in ihnen die 
methodistische Art besonders freie Bahn finde, wird nicht 
getäuscht. Ihr Organ „Der Gärtner" berichtet z. B. aus 
dem Winter 1904 — 05, daß der Herr „sich mächtig er- 
wiesen hat als der, der Tote lebendig machen kann in 
Simmern, Vohwinkel, Offenbach (Dillkreis) und Lüdenscheid. 
An letzterem Orte haben 300 Seelen Frieden gefunden, in 
Eitelshausen (Hessen-Nassau) wurden 40 Seelen bekehrt, in 
Gummersbach 30 und ähnlich war es in Düsseldorf, auf 
dem Westerwald, im Kreise Wittgenstein-Berleburg" usw. 

Doch wir kehren zur Blankenburger Gemeinschafts- 
Konferenz zurück. Die dort verkehrenden, den Ton an- 
gebenden Männer befehden nicht nur jede freundliche 
Stellung zur Kirche, sondern treten auch mit ketzerrichter- 
licher, massiver Grobheit jedem wissenschaftlichen Durch- 
denken der Schriftwahrheit entgegen. Ich erinnere an die 
bekannte Verdammung, die Dr. Lepsius bei der Konferenz 
von 1903 erfuhr. Rubano witsch, der Führer der Phila- 



— 95 — 

delphia-Gemeinschaften in Hamburg, greift seitdem auch in 
der Presse den Dr. Lepsius und dessen Freund Jellinghaus 
wacker an. Er meint sogar, daß alle Theologie vom Satan 
stammt und wenn auch Luther, Bengel und andere Gottes - 
männer zu ehren sind, so ist doch ihre Theologie eine 
Sünde, die ihnen vergeben werden muß. Die übliche rabies 
laicorum gegen alle Theologie ist hier durchsetzt von dar- 
bystischen Grundgedanken, wie auch Pastor P. Fleisch im 
Kloster Loccum ruhig und zutreffend nachweist. (S. Fleisch : 
Die gegenwärtige Krisis in der modernen Gemeinschafts - 
bewegung. Leipzig. "Wallmann 1905.) Da ist es denn 
kein Wunder, daß gemäßigtere Theologen sich von Blanken- 
burg zurückgezogen haben. Zunächst haben sie unter Zu- 
ziehung befreundeter Männer die anfangs mehr theologische 
„Eisenacher Konferenz" begründet (26 — 28. Mai 1903). 
Aus ihr ging alsdann im Mai 1904 als Antwort auf die 
Blankenburger Verdammung der „Eisenacher Verband für 
kirchliche Evangelisation und für Pflege kirchlicher Ge- 
meinschaft und evangelischen Lebens" hervor. Derselbe 
soll die Gemeinschaftsbewegung mit der Kirche und der 
gläubigen Theologie in innigere Fühlung bringen und nicht 
nur die zerstörenden Einflüsse der modernen Theologie, 
sondern auch den Sektengeist des sogenannten Allianz- 
christentums und die Irrlehren radikaler Gemeinschaftsleute 
bekämpfen. Die Gemeinschaftskonferenz dieses kirchlichen 
Eisenacher Verbandes war im Juni 1905 in Bad Kosen. 
Es redeten Dr. Lepsius, v. Bodelschwingh, Lic. Dr. Kögel, 
Prof. Kahler, Pastor Keller und andere. Die Gnadauer 
Pfingstkonferenz, die sich doch als die ältere und legitime 
Vertreterin der deutschen innerkirchlichen Gemeinschaften 
betrachtet, gab eine öffentliche Erklärung ab, daß sie mit 
dieser neuen Eisenacher Schöpfung nichts zu tun habe. 
Damit ist der Biß besiegelt. Gnadau fühlt sich beiseite ge- 
setzt. Blankenburg aber erachtet den Versuch von Pro- 
fessoren für aussichtslos, die Gemeinschaftsbewegung in das 



— 96 — 

Bett kirchlicher Gläubigkeit zu leiten. Dort hieß es 1905: 
„Unsere positive Theologie weiß zu wenig von der Not- 
wendigkeit und dem Wesen der neuen Geburt. Ihre Ver- 
treter sind meist mehr vorsichtige Gelehrtennaturen, als 
flammende, persönliche Zeugen von der Rettermacht Jesu 
Christi. Sie werden von der liberalen Theologie immer 

mehr in die Ecke gedrückt werden. Sie interessieren ge- 
wöhnlich nur eine kleine Gruppe von Fachgenossen. " 
(L. v. G-erdtell bei der 20. Allianz-Konferenz S. 168.) Aller- 
dings urteilt auch der auf dem Gebiete sehr sachkundige 
Pastor Fleisch in Loccum, daß Eisenach in der Gesamt- 
bewegung keine führende Bedeutung erlangen wird. In 
den Augen der Methodisten gar wird das Eisenacher Unter- 
nehmen eine Sammlung von Offizieren ohne Soldaten bleiben. 
Gnadau — Blankenburg — Eisenach! Drei verschiedene 
und keineswegs befreundete Leitungen der Gemeinschafts- 
bewegung. Noch gärt es allenthalben. Der Anblick ist 
nicht gerade erfreulich. In den Angriffen der Blanken- 
burger Linken übersteigt die Befehdung alles Maß. In- 
zwischen rüekt der dort mit offenen Armen empfangene 
Methodismus ruhig und stetig vor und besetzt in Deutsch- 
land eine Station nach der andern. Er kennt ja diese Ent- 
wicklung. Ist er doch ursprünglich selbst nichts gewesen, 
als eine gleiche Gemeinschafts- und Evangelisationsbewegung. 
Aber wie er damals deren Ernte gegenüber einer hoch- 
kirchlichen Schroffheit kirchlich gut zu bergen verstand, so 
ist er auch in Deutschland keineswegs damit zufrieden, 
daß eine Erweckungsbewegung den angeregten Seelen re- 
ligiöse Belebung bringt. Er weiß aus eigener Erfahrung, 
daß eine religiöse Strömung nur dann Dauer und Be- 
deutung gewinnt, wenn sie in das geordnete Bett einer 
festen, kirchlichen Organisation geleitet wird. Dafür trägt 
er auch in Deutschland emsig Sorge. Und gerade in den 
schon von seinem Geist durchtränkten Gemeinschaftskreisen 
sucht und findet seine Mission Arbeitsfeld und Nährboden. 



— 97 — 

Wohl machen ihm andere darin Konkurrenz. Aber kraft 
seiner Energie, seines kirchenbildenden Geschicks und seiner 
von amerikanischem Glaubenseifer und Geld getragenen 
Arbeiter wird er den Vorrang behaupten. Das Bedürfnis 
christlicher Seelen nach einer brüderlichen „Gemeinschaft" 
wird ja nirgends so stetig, so intensiv und geschickt be- 
friedigt, als in seinen kirchlich geordneten, wöchentlichen 
Klas senver s ammlungen. 

Wir können den Eindruck verstehen, den Prof. D. Drews 
beim Blick auf das Vorrücken des Methodismus empfing. 
Er sieht „einen unaufhaltsamen Abbröckelungsprozeß, der 
uns langsam aber sicher englisch-amerikanischen Zuständen 
entgegentreibt" (Das kirchliche Leben des Königreichs 
Sachsen 1902, S. 324.) Darüber kann man klagen, aber 
besser ist es, zu arbeiten durch immer treuere Pflege des 
Gemeindelebens. Ein schöner Anfang dazu ist in den deut- 
schen Kirchen gemacht. Erlahmen sie darin, so werden sie 
desto schneller ausgesogen und überflügelt werden. Sollte 
aber trotz treuester Arbeit am Schluß einer langen Ent- 
wickelung ein ausländisches Freikirchentum den Vorrang 
gewinnen, so wird Christi Reich in Deutschland dadurch 
nicht leiden. Nur möge man den auf der Väter Boden 
stehenden Freunden und Dienern der deutschen Kirchen 
nicht ansinnen, ihrerseits noch den Abbröckelungsprozeß 
beschleunigen zu helfen. Schließlich ist es doch keine un- 
entrinnbare Notwendigkeit, daß eine Erweckung von Seelen 
zu einer Kirchenspaltung führt, es sei denn die Kirche starr 
wie Rom. Das ist nicht der Fall. Eine Spaltung zu ver- 
meiden ist sicher die Aufgabe einer lebensvollen Kirche, 
aber auch eine Pflicht der erweckten Gemeinschaftskreise. 
In diesen liegen allerdings über Deutschland zerstreut zur- 
zeit viele Bausteine fertig für eine Freikirche. Aber es fehlt 
ein großer Baumeister, ein Mann von Wesleys Herzensglut, 
organisatorischem Genie, praktischem Geschick und uner- 
müdlicher Arbeitskraft. Auch seine heutigen Jünger ragen 

Jüngst, Methodismus. 3. Aufl. 7 



— 98 — 

nicht bis an seine Schultern, wie sehr sie sich auch um 
Deutschland mühen. Für Amerika genügte es, daß Wesley 
1784 den Thomas Coke als ersten Bischof weihte und ihn 
von England dorthin sandte — und der Grundstein zum 
heutigen Riesenbau der amerikanischen Methodistenkirche 
war gelegt. Amerika aber war vorwiegend britisch. Deutsch- 
land ist nicht Amerika. Der etwaige Gründer einer aus 
der Gemeinschaftsbewegung erwachsenden großen deutschen 
Methodistenkirche müßte mit Wesleys Eigenschaften Luthers 
Art vereinigen. Nur dann könnte es ihm gelingen, aus 
den deutschen Gemeinschaften heraus eine große Organi- 
sation zu schaffen. Gnadau vermag es nicht nach Art und 
Programm, Eisenach will es nicht, Blankenburg darf es 
nicht als Allianz. Noch verbleibt es der methodistischen 
Mission als willkommene Aufgabe, aus den durch die Ge- 
meinschaften bereiteten Elementen Bausteine zum eigenen 
Kirchenbau zu nehmen. Sie sieht in der Gemeinschafts - 
bewegung eine Vorfrucht zur fortgehenden Ernte in die 
Scheunen der Methodistenkirche. Wohltuend aber berührt 
der nüchtern^ Blick der Methodisten für die Gefahr „zügel- 
loser Schwärmerei" und den Mißbrauch der angeblichen 
„ Geistesleitung " wie sie hie und da in den Gemeinschaften 
sich zeigt und zu dem Urteil veranlaßt: „Was der Gemein- 
schaftsbewegung not tut, das sind geistesmächtige, in der 
Lehre gesunde Führer." (Evst. 1905, No. 52.) 

Es kann hier nicht untersucht werden, mit welchem 
Inhalt eine für die Volkskirche segensreiche Gemeinschafts- 
pflege gefüllt sein müßte. Doch sei ein beachtenswerter 
Fingerzeig genannt, den Prof. Loofs gibt. Er weist hin 
auf die Hilflosigkeit der Laien gegenüber den Zeitmächten 
des Unglaubens, auf die kultische Gebundenheit und Feier- 
lichkeit der Predigt und auf den mangelnden Zusammen- 
hang der Gemeinden mit all den Liebes werken, für die 
kollektiert wird. Aber auch er kommt zu dem Schluß: 
„Brächte das zwanzigste Jahrhundert einen neuen, moder- 



— 99 — 

nen John Wesley, — er fände die Saat reif zur Ernte." 
(Real-Enzyklop. 3. Aufl.) 

Aber handgreiflicher, als in der Gremeinschaftsbewegung 
tritt der Methodismus zutage in der deutschen Allianz. 
Ihr Sammelpunkt ist zurzeit die Konferenz zu Blanken- 
burg in Thüringen. Sie nennt sich selbst Allianzkonferenz. 
Dies ist richtig, insofern sie allen evangelischen Denomi- 
nationen offen steht. Es ist aber ungenau, sofern sie tat- 
sächlich eine Vertretung nur der freikirchlichen Gremein- 
schaften und eigentlichen Freikirchen geworden ist. 

Vom 19. Aug. bis 2. Sept. 1846 tagte in der Freimaurer- 
halle zu London die erste Generalversammlung der Allianz. 
Dort waren Vertreter von 50 verschiedenen evangelischen 
Kirchengemeinschaften, unter ihnen auch schwarze Prediger, 
brüderlich vereinigt. Dieser große Bund will eine Union 
der verschiedenen Kirchenabteilungen weder sein, noch er- 
streben. Nicht durch eine Konföderation von Kirchen, 
sondern lediglich durch eine Vereinigung evangelischer 
Personen soll er ein freundliches, brüderliches Verhältnis 
zwischen den Protestanten fördern. Auch soll er den Pro- 
testantismus schützen gegen gemeinsame Feinde und Ge- 
fahren. Als um 1850 die Eheleute Madiai wegen Bibel- 
lesens im Inquisitionskerker zu Florenz lagen, half der 
Protest der Allianz wesentlich mit zu ihrer Befreiung. 
Andere Bemühungen, z. B. gegen die Bedrückung der 
Evangelischen in Deutsch -Rußland galten dem gleichen, 
edeln Zweck. 

Wie nun die Allianz eine Union der Kirchen nicht er- 
strebt, so hegt es ihr auch ursprünglich ganz fern, selbst 
als eine neue Gemeinschaft neben die vorhandenen zu treten. 
Eine Neigung hierzu zeigt sich aber in ihrem deutschen 
Zweig. Außer dem freikirchlichen Allianzblatt gibt es schon 
ein besonderes Allianz -Liederbuch, einen Allianzchor, ein 
Allianzhospiz, eine Allianz -Bibelschule und vereinzelte Alli- 
anzgemeinden. Beachtung verdienen auch die zahlreichen, 

7* 



— 100 — 

erbaulichen Vereinigungen hin und her in Deutsehland, zu 
denen Allianzfreunde eingeladen werden. Ihre Zentrale ist 
Blankenburg. Der deutsche Zweig ist in fünf Abteilungen 
gegliedert und hat Graf BerhstorfP zum Vorsitzenden. Sollte 
jemals eine kirchenartige Organisation der Allianzfreunde 
geschehen, so möchten manche Richtlinien sich auf die 
Christians hinbewegen (s. oben unter I, 2). Doch würde 
dies dem alten Programm direkt widersprechen und in dem 
kräftigen, kirchlichen Sonderbewußtsein der Methodisten 
und Baptisten einen energischen Gregner finden. 

Im ganzen tritt in der Allianz das zutage, was modern 
eine „ Stimmungsgemeinschaft " genannt werden kann. In 
dieser übernimmt immer deutlicher der Methodismus die 
führende Rolle. Bei der 20. großen Allianzkonferenz zu 
Blankenburg (28. Aug. bis 2. Sept. 1905) waren unter den 
etwa 1400 Teilnehmern, hauptsächlich aus Deutschland, 
ferner aus England, Rußland, Armenien usw., die Metho- 
disten durch viele Mitglieder und insbesondere durch min- 
destens 30 ihrer Prediger vertreten. Sie sagen: „Es ist 
erfreulich, daß in der Allianzbewegung der Methodismus 
immer mehr Anerkennung findet." (Evst. 1905, Nb. 44) 
In den 50 Ansprachen von 23 Rednern bei der Blanken- 
burger Konferenz klingt allerdings der vom Methodismus 
entlehnte Ton durch. Hier kann nur einiges erwähnt wer- 
den. Dr. Torrey sagte: „Es ist kein Grund da, weshalb 
nicht auch auf uns heute der heilige Greist fallen sollte. 
Ich bitte jeden hier, der sich völlig Gott ausliefern 

will, jetzt aufzustehen und stehen zu bleiben." „Hier- 

auf betete Dr. Torrey und der Herr antwortete in wunder- 
barer Weise." (S. 115.) Ähnlich läßt General a. D. v. Vie- 
bahn die rechte Hand aufheben. „Diese erhobene Hand 
ist ein Zeugnis, welches wir wieder finden vor dem Richter- 
stuhle des Christus." (S. 60.) Pastor Modersohn, der jetzt 
die Leitung in Blankenburg übernehmen wird, redete nach 
Jesai 6 über Blut und Feuer und sagte: „Die Hebe Heils- 



— 101 — 

armee tut ganz recht, wenn sie diese beiden großen Worte 
auf ihre Fahnen geschrieben hat." (S. 124.) Man beachte 
auch die ermüdende Menge der von den Rednern erzählten 
Bekehrungsgeschichten. Kurz, wir können den Eindruck 
begreifen, daß der Allianz zum Methodismus nur noch die 
kirchliche Form und Verfassung desselben fehlt. Der In- 
halt ist da. Aber gerade das kräftige, kirchliche Bewußt- 
sein der Methodisten sträubt sich gegen das allianzmäßige 
Verwischen jeder kirchlichen Sonderart, zumal bei prakti- 
schen Unternehmungen. So beobachteten sie es achsel- 
zuckend, als Pastor Jellinghaus in Steglitz bei Berlin eine 
„Allianz-Bibelschule" eröffnete. Hier sollen junge Männer 
10 Monate lang lediglich in der Bibel unterrichtet und 
dann besonders nach Rußland als Versammlungsleiter ent- 
sendet werden. Unter den ersten Zöglingen sind vertreten 
7 Sprachen und 6 verschiedene Kirchengemeinschaften, 
nämlich die Evang. lutherische Kirche, die landeskirchliche 
Q-emeinschaft, die freien Gremeinden, Baptisten, Mennoniten 
und ein interkonfessioneller Bruder. (S. Evst. 1905, No. 41; 
Reden usw. bei der Allianz 1905, S. 164.) So sind die 
Methodisten auch gegenüber der Allianz nicht kritiklos. 
Sie rügen es, daß Redner in Blankenburg nicht „bei der 
Sache" und „auf der Höhe" blieben für „theologisch den- 
kende Zuhörer" (Evst. 1905, JSo. 40.) Aber im ganzen 
weht ihnen dort doch ihr eigener Greist entgegen „in der 
Berührung mit der brennenden Kohle, in dem Gresalbt- 
werden mit frischem Öle, in den erschütternden Sünden- 
bekenntnissen von vielen Grotteskindern und selbst von 
Pastoren, in der Ergriffenheit bei den Nachtversammlungen, 
in den herrlichen Siegen" usw. Fehlte es doch auch nicht 
an „einem wunderbaren Durchbruch, bei dem viele sich vor 
Grott demütigten, ihre Sünden bekannten und die Grnade 
der Vergebung und der tieferen Reinigung suchten" (Evst. 
1905, No. 39 und 40.) Es redeten dort unter dem Vorsitz 
des Freiherrn v. Thümmler besonders Dr. Torrey, der Direktor 



— 102 — 

des von Moody gegründeten Bibelinstituts in England, der 
Generalleutnant a. D. v. Viebahn aus Wiesbaden, der kürz- 
lich aus der Landeskirche austrat, der greise Dr. Bädeker, 
Frau Inspektor Rappard, Bastor Modersohn und andere. 

Anschließend erwähne ich noch die im Allianzgeist wir- 
kende „Deutsche christliche Studentenvereinigung", welche 
in Blankenburg durch L. v. Gerdteil aus Steglitz vertreten 
wurde. Sie gibt eine besondere Zeitschrift heraus, hat zwei 
Sekretäre angestellt und zählt etwa 640 deutsche Akademi- 
ker als Mitglieder, von denen gegen 200 jährlich zu einer 
Konferenz sich versammeln, zuletzt im Herbst 1905 zu 
Wernigerode. Sie gehört zu dem in Amerika vor 25 Jahren 
gegründeten „Studenten -Weltbund" 

Noch mehr, als in der Allianz erkennen wir die metho- 
distische Art in der Heilsarmee. Im ganzen hat sie jetzt 
19 000 Offiziere im Dienst und zählt in 52 Ländern 7209 
Standlager. Sie ist zwar selbständig und keineswegs eine 
von einer Methodistenkirche abhängige Einrichtung. Daher 
fühlen sich die Methodisten nicht veranlaßt, die Wirksam- 
keit der Heilsarmee in jeder Hinsicht zu verteidigen, „zumal 
ihnen dieselbe auch nicht in allen Stücken gefällt" (Evst. 
1905, No. 45.) Aber wir dürfen sie nicht übergehen. Ihre 
Eigenart weist die Gesichtszüge des Methodismus gar zu 
deutlich auf, mögen sie auch oft ins Grobe verzerrt sein. 
Ich erinnere an die Stücke Feuer und Blut, Bußschmerz 
und Geisteswonne, Bekehrungshast und Abstinenz, straffe 
Zucht und Haschen nach ziffernmäßigen Erfolgen. Im 
ganzen steht die Heilsarmee eine Stufe niedriger, wie es 
der gesellschaftlichen Schicht entspricht, an die sie sich 
vorwiegend wendet. In dieser Armee finden wir keine 
Männer hohen Adels, wie sie in der Allianz und Gemein- 
schaftsbewegung vertreten sind. Der Mut und unablässige 
Fleiß, mit dem die Heilsarmee in die verkommensten Kreise 
und verrufensten Quartiere der Städte eindringt, verdienen 
Anerkennung, wie wir auch sonst über ihre Art denken 



— 103 — 

mögen. Aber schon seit mehreren Jahren beschränkt sie 
sich durchaus nicht auf eine abstrakte, religiöse Erweckungs- 
arbeit, sondern hat dem Methodismus folgend und ihn fast 
schon übertreffend auch eine große, soziale Rettungstätigkeit 
aufgenommen. Denn auch ihr konnte nicht verborgen 
bleiben, daß eine religiöse Gemeinschaft in unserer Zeit nur 
dann auf Einfluß, Bestand und Anerkennung in weiten Volks- 
kreisen und bei staatlichen und städtischen Behörden rechnen 
kann, wenn sie durch rettende und bewahrende Liebesarbeit 
sich segensreich betätigt. Schon in England und Amerika 
verdankt die Heilsarmee ihren neuen Aufschwung dem 
Umstand, daß sie zu der bisherigen Einzelbekehrung ein 
energisches, soziales Wirken hinzufügte. Zu Hadleigh in 
England besitzt sie eine und in den Vereinigten Staaten 
schon drei bedeutende Kolonien, in denen arbeitslose und 
verkommene Menschen Aufnahme finden, ihre Häuser bauen 
und durch Arbeit auf dem Acker und geistliche Einwirkung 
für ein gesittetes Leben gewonnen werden. Ein ausführ- 
licher Bericht in Buchform gibt Auskunft über diese Tätig- 
keit. (Report on the Salvation-Army-Colonies in the United 
States and at Hadleigh, England, by H. Rider Haygard; 
Edit. Longmans Greens & Co. 1905.) Die schreienden Not- 
stände, zumal in den Großstädten, bewirken, daß auch die 
Behörden diese freiwillige Rettungs arbeit freudig begrüßen. 
Mit großer Feierlichkeit überreichte der Lordmayor von 
London am 29. Oktober 1905 in der Guildhall dem General 
Booth den Ehrenbürgerbrief der Hauptstadt. Die Ehrung 
galt nicht dem Erweckungsprediger, sondern dem sozialen 
Wohltäter. Er hat der Regierung in Kanada vorgeschlagen, 
nunmehr auch dort Kolonien einzurichten und bekam kürz- 
lich 250000 Acker Landes zur Verfügung gestellt. So hofft 
er, im Jahre 1906 schon 10000 Ansiedler von England hin- 
über zu befördern. Für solche Zwecke schenkte ihm zu 
Weihnachten 1905 ein ehemaliger Londoner Börsenmakler 
20 Millionen Mark. 



— 104 — 

Auch in Deutschland will die Heilsarmee eine soziale 
Rettungs-Kolonie anlegen. Der Engländer Elwin Oliphant, 
der bisher in Dover und London tätig war, ist zurzeit der 
oberste Kommandeur de? deutschen Heilsarmee. Er be- 
richtet, daß auch deutsche Behörden, wie Oberbürgermeister 
usw. mit den Zielen und Zwecken der Heilsarmee völlig 
sympathisieren. Er sieht die Zeit nicht mehr fern, „wo 
Berlin und andere Städte die Armee finanziell so fördern 
werden, daß die Arbeit zur Besserung der Massen in 
größerem Maßstab ausgebaut werden kann" Wir über- 
blicken kurz die zeitige soziale Arbeit der Heilsarmee in 
Deutschland. Sie hat fünf Rettungsheime für gefallene 
Mädchen, nämlich in Berlin, Hamburg, Köln, Königsberg 
und Straßburg und ein Heim für Wöchnerinnen in Berlin; 
drei Samariterstationen in Berlin, Köln und Mülhausen i. E., 
deren Schwestern nicht nur Arme und Kranke pflegen, 
sondern überall, wo es nötig ist, praktische Hilfe bringen; 
eine Bewahranstalt für Kinder von 4 Wochen bis zu 
4 Jahren (eine „Krippe") in Pforzheim; zwei Heime für 
entlassene n\ännliche Gefangene in Hamburg und in Freien- 
walde a/O.; ein Männerheim für Arbeitslose in Köln; ein 
Nachtasyl für Obdachlose in Solingen; ein Trinkerheim in 
Mülheim a/Ruhr; eine Trinker -Rettungs- Brigade nach 
Londoner Muster, die nachts von 12 bis 3% Uhr in Tätigkeit 
ist, in Berlin usw. (S. „Gebets- und Selbstverleugnungs- 
woche vom 11 — 19. März 1905 und die Arbeit der Heils- 
armee in Deutschland" — herausgegeben von dem Nationalen 
Hauptquartier in Berlin S.W 61, Blücherplatz 1.) 

Die Heilsarmee hat Energie, Arbeitskräfte und findet 
die Mittel, ihre derartige Arbeit immer mehr auszudehnen. 
Je mehr sie es tut, um so höher steigt ihr Ansehen beim 
Volk und bei den Behörden. Unsere Freude über solche 
Tätigkeit wird dadurch verringert, daß das nötige Geld 
durch die Soldaten und Soldatinnen vorwiegend bei den 
Gliedern der Landeskirche gesammelt wird. Dadurch leiden 



— 105 — 

die so viel zahlreicheren Anstalten und Einrichtungen der 
letzteren, die doch oft so dringend eine kräftige Unter- 
stützung bedürfen. Auf die zwischen der Heilsarmee und 
ihren Kritikern strittige Frage, ob der größte Teil der auf 
*/ 4 Million berechneten deutschen Jahreseinnahme an eng- 
lische Missionsgesellschaften geschickt wird, kann hier nicht 
eingegangen werden. Aber soviel ist sicher, daß die Weis- 
sagung nicht eintrifft, die Heilsarmee mit ihrem Sing-Sang 
werde auf deutschem Boden niemals Wurzeln schlagen. Je 
mehr sie aber wächst, desto breitere Wege bahnt auch sie 
zum Einzug methodistischer Religiosität. 

Hierin findet sie Nachahmung durch die deutsche Zelt- 
mission, deren wir noch kurz gedenken müssen. Bald in 
dieser, bald in jener Stadt wird seit 1902 nach amerikanischem 
Muster ein Riesenzelt aufgeschlagen, welches mindestens 
3000 Hörer faßt. Diese moderne Einrichtung für Beten, 
Singen und Predigen zum Zweck der Erweckung verdankt 
ihre Entstehung den Chrischona-Brüdern Vetter und Paul 
und steht auf dem Boden der Allianz. Auch sie ist also 
nicht methodistisch-kirchlich. Doch zeigt sie ganz metho- 
distische Art. Ihre Weise wird wohl am besten durch ein 
frisches Einzelbild ihres Auftretens gezeichnet. Wir folgen 
dabei einem Bericht des Methodistenpredigers an der Kirche 
der „Evangel. Gemeinschaft" in Mülheim a/Ruhr. Zu- 
nächst berief der landeskirchliche Pastor Modersohn die 
Leiter der verschiedenen „Gemeinschaften" zu einer Be- 
ratung. Mit gutem Recht bezeichnen ihn die Methodisten 
als „gläubig und weitherzig" Hat er doch auch gerade 
in ihrer Kapelle zu Heilbronn am 28. November 1905 eine 
Evangelisations -Versammlung geleitet und für 1906 die 
Evangelisationsleitung in Blankenburg übernommen. In- 
folge seiner Anregung wurde in Mülheim eine große Er- 
weckungs -Veranstaltung beschlossen. Dieselbe ging von 
Himmelfahrt bis Pfingsten 1905 anfangs in einem großen 
Saal vor sich, alsdann aber in dem rasch gebauten Zelt der 



— 106 — 

ad hoc herbeigerufenen „ deutschen Zeltmission" Nur die 
Gläubigen des kirchlichen Vereinshauses lehnten die Be- 
teiligung ab, weil sie das öffentliche Beten von Frauen für 
unbiblisch erklärten. Auch die Darbysten blieben fern, weil 
die christliche Liebe nicht gewahrt sei. Nun begannen die 
durchweg abendlichen, sehr zahlreich besuchten Versamm- 
lungen, deren Teilnehmer mehrfach unter dem Gesang geist- 
licher Lieder auf dem Weg zum oder vom Zelt über die 
Straße zogen. Im Zelt legte jeder, welcher für irgend 
einen Zweck gebetet haben wollte, ein schriftliches Gesuch 
auf das Rednerpult, z. B. um Fürbitte für einen trunk- 
süchtigen Mann, für einen Zweifler, Irrsinnigen oder Spötter, 
für Rettung von Sündern in einem bestimmten Ort der 
Nachbarschaft usw. Die Zeit war meist mit Gebet aus- 
gefüllt. „Oft hat der Herr gleich geantwortet, wenn 
gegen zwei bis dreitausend Beter ihm eine Sache zu Füßen 
legten." „Leute, aus deren Gebeten man nicht erkennen 
konnte, was sie wollten, wurden durch das Anstimmen 
eines Liedes zum Schweigen gebracht." Der Vorsitz 
wechselte zwischen den Leitern der beteiligten Gemein- 
schaften, nämlich zwischen einem Prediger der Methodisten, 
Baptisten, einem Stabskapitän der Heilsarmee und einem 
„gläubigen" Prediger der Landeskirche. Die Ansprachen 
dauerten 10 bis 20 Minuten. Oft sprach der jeweilige 
Leiter die Bitte aus, anwesende „Gotteskinder" möchten 
mit den Nachbarn an ihrer Seite reden, sich heute Gott 
völlig und auf ewig zu weihen. „Oft sah man Väter ihre 
schluchzenden Söhne, Mütter ihre laut weinenden Töchter 
oder ihre tief ergriffenen Verwandten oder Bekannten hinauf- 
begleiten nach dem Podium; zurückgekehrt rangen sie um 
den völligen Sieg des Blutes Jesu über ihre Herzen." Aber 
überhaupt wurden die anwesenden Heilsuchenden gebeten, 
auf das Podium zu kommen, wo gegen 60 Stühle bereit 
standen. Dort redeten und beteten die Leiter einzeln und 
gemeinsam mit den Bußfertigen. Stets wurde dreierlei be- 



— 107 — 

tont: 1. Lest in der Bibel. 2. Betet. 3. Schließet euch 
einer solchen Gemeinschaft an, die hier an diesem Er- 
weckungs-Unternehmen beteiligt ist. Damit waren, wie oben 
erwähnt, die Methodisten, Baptisten und die Heilsarmee 
gemeint und von den Gläubigen aus der Landeskirche die 
Gemeinschaftsleute im engeren Sinne, weil die um das- j 
Vereinshaus gesammelte kirchenfreundlichere Gruppe fern 
blieb. Jeder Neubekehrte erhielt eine Karte, auf welcher 
der Versammlungsort, sowie die Prediger dieser vier Ge- 
meinschaften verzeichnet waren. Auch wurden die Namen 
und Wohnorte der Neubekehrten genau aufgeschrieben. Es 
ist bezeichnend für den Grundton, daß diese Liste später 
gerade den Methodisten übergeben wurde, damit diese den 
Erweckten in Mülheim und den benachbarten Städten nach- 
gehen könnten. Ihnen fiel also der schließliche Gewinn an 
dauernden Kirchengliedern anheim, den die Zeltmission er- 
zielte. In dieser Hinsicht berichten sie: „Unsere Gottes- 
dienste werden besser besucht und manche Familien haben 
sich zur Aufnahme angemeldet." (Ev. B. 1905, No. 34,) 

Das vorstehend gegebene Einzelbild wird genügen, um 
zu erkennen, daß die „deutsche Zeltmission" Anspruch 
darauf hat, in einer Darstellung des „Methodismus in 
Deutschland" nicht übergangen zu werden. Bis jetzt sind 
in Deutschland drei Zelte vorhanden, doch soll bald jede 
Provinz eins bekommen. In Essen haben in 14 Tagen 600 
Seelen und in Bochum in 3 Wochen 500 den Herrn ge- 
funden. Im ganzen wurden nach Modersohn von 1902 bis 
1905 in der Zeltmission etwa 10000 Seelen für Jesum ge- 
rettet. (Zwanzigste Allianz -Konferenz in Blankenburg, 
S. 181.) 



108 



V 

Überblick und Ausblick. 

Es liegt nahe, die gewaltige Erscheinung des Metho- 
dismus innerhalb der Gesamtgeschichte der christlichen 
Kirche zum Schluß einer kurzen, großzügigeren Betrachtung 
zu unterwerfen und dabei von der Reformation auszugehen. 
Die Geschichtsschreibung derselben begnügt sich nicht mehr 
damit, auf die epochemachenden Ereignisse und großen 
Führer zu achten. Sie untersucht auch das Wesen und 
den Einfluß der freundlichen oder feindlichen Nebenper- 
sonen, sowie die gesamten Neben-, Unter- und Gegen- 
strömungen der ganzen Periode. So ist z. B. die Beur- 
teilung der damaligen Täuferbewegung eine andere ge- 
worden und begnügt sich längst nicht mehr mit einem 
erschrockenen Blick auf die eisernen Käfige am Lamberti- 
Turm zu Münster. Die greifbare Frucht des mit Geist und 
Blut errungenen Sieges der reformatorischen Haupt- 
strömung sehen wir heute vor uns. Es sind die großen, 
mit dem Staate noch mannigfach verbundenen Landes- 
kirchen. Aber gewaltig und ursprünglich fromm war auch 
die gleichzeitige, täuferische Bewegung. Sie ist es, die den 
Gedanken einer Freikirche zu verwirklichen suchte und ihn 
als ein Samenkorn für künftige Entwickelungen in den 
Gang der Kirchengeschichte warf. Gerade weil sie jede 
Verbindung mit dem bestehenden Staat gewalttätig durch- 
schnitt, wurde sie von ihm erdrückt. So verschwand die 
Freikirche in Deutschland bis auf winzige Spuren. Aber 
in der angelsächsischen Nation ist sie machtvoll wieder er- 



— 109 — 

standen. Man kann die großen Freikirchen des britischen 
Baptismus und Methodismus als eine Wiederaufnahme und 
geradlinige Fortsetzung der deutschen Täuferbewegung be- 
trachten. Die freikirchliche Unterströmung der deutschen 
Reformation ist unter den Briten zu großer Macht gelangt 
und flutet nunmehr als Methodismus und Baptismus in die 
deutschen Landeskirchen zurück, wie dies auch die vor- 
liegende Schrift an ihrem Teile nachweist. Selbstredend 
empfinden die deutschen Kirchen diesen Ansturm als eine 
fremdartige „Invasion und Aggression" 

Auf eine eingehende Erörterung des Wesens und des 
Wertes einer Volkskirche und einer Freikirche kann ich 
hier nicht eingehen. Ich unterschätze nicht die eigentüm- 
lichen Vorzüge einer Freikirche, kann aber die moderne, 
unbedingte Begeisterung für diese Kirchenform nicht teilen. 
Es ist eine Übertreibung innerhalb mancher Freikirchen, 
besonders der Evang. Gemeinschaft, daß in ihnen eine reine 
Gremeinde in die Erscheinung träte. Je öfter die Freikirchen 
dies als ihr Ziel verkündigen, desto mehr beschweren sie 
ihr Werk mit einer unlösbaren Aufgabe. Nicht einmal das 
ist richtig, wenn die Methodisten die Freikirche betrachten 
„als den einzigen Weg zur Befreiung nicht allein von dem 
Joch der staatlichen Bevormundung, sondern auch vor dem 
Ansturm des kirchlichen Liberalismus" (Evst. 1905, No. 41.) 
Im ganzen ist es ein unfruchtbares Bing, stets die großen 
Vorzüge zu betonen, welche eine protestantische Kirche vor 
der andern hat. Das sollen auch die Freunde der deutschen 
Volkskirche sich sagen. Wir dürfen nicht die Augen 
schließen gegen die vielen Fehler und Schäden unseres 
Kirchenwesens, sonst versperren wir der fortdauernd nötigen 
Reformation die Straße. Aber anderseits ist es auch eine 
Übertreibung, wenn die Methodisten in der britischen, frei- 
kirchlichen Art das Allheilmittel sehen für alle Schäden 
und das alleinige Ideal für die Ausprägung christlichen 
Wesens. Auch drüben ist in Familie, Gremeinde, Kirche, 



— 110 — 

Gesellschaft und Staat durchaus nicht alles Gold, was glänzt. 
Wohl sagt das Organ der bischöflichen Methodisten: „Fast 
alles, was das Deutsche Reich an Anstalten zur Betreibung 
der äußeren und inneren Mission besitzt, verdankt es direkt 
oder indirekt England und was England an solchen An- 
stalten besitzt, verdankt es unmittelbar der großen, metho- 
distischen Wiederbelebung." (Evst. 1905, No. 47.) Das ist 
mindestens übertrieben. Besser ist es, wenn jede protestaD- 
tische Kirche die ihr verliehenen, besondern Gaben und ihre 
unaustilgbare, nationale Färbung bewahrt, aber läutert, 
daneben mit den ausländischen Brüdern die Einigkeit im 
Geiste wahrt und nicht deren etwas andere Art sofort als 
eine niedrige Stufe betrachtet. Wir geben dem Methodismus 
seine Anerkennung. Er hat sich durch äußere Erfolge und 
durch tiefe Frömmigkeit vieler seiner Glieder legitimiert. 
Wir haben einen Eindruck von der Bedeutung Wesleys 
und seiner Kirchen. Von ihm datiert ein neues Leben 
im Protestantismus englischer Zunge. Aber man möge uns 
die ausländische Art nicht aufzwingen. Trotz mancher 
dunkeln Schatten im deutschen, kirchlichen Leben fehlt es 
doch auch nicht an Licht. So steht es doch mit unserm 
geistlichen Leben noch nicht, daß es nur in methodistischen 
Kirchen Zuflucht und Nahrung finden könnte. So bankerott 
sind wir nicht, daß nur transatlantisches Glaubenskapital 
uns retten kann. Hat uns Gott vergebens geweckt aus der 
Orthodoxie und dem Rationalismus ? Soll die deutsche, 
fromme Art, sollen unsere Gottesmänner und Gotteslieder, 
soll unsere große, deutsche Liebesarbeit nichts mehr gelten? 
Kann unserm Christentum nur durch importiertes, ameri- 
kanisches Kirchentum Kraft und Schwung verliehen werden? 
Jene glauben es. Einst schrieb der amerikanische Gesandte 
in Kopenhagen, Dr. Cramer im „Christi. Apologeten", daß 
sich die Staatskirche in Deutschland vor dem W T achstum 
des Methodismus fürchte. „Die Geistlichen der Staatskirche 
Englands ignorierten oder verfolgten Wesley und die Metho- 



— 111 — 

disten. Jetzt bereuen sie es, da der englische und ameri- 
kanische Methodismus zu einer Welt- und Kirchenmacht 
herangewachsen ist. So wird es noch in Deutschland 
gehen." Aber die deutschen Kirchen stehen doch anders 
da, als die damalige Hochkirche, welche dem Methodismus 
die Türen verschloß. Bei uns ist die Mission des Metho- 
dismus wesentlich erfüllt worden vom Pietismus. Wer 
freilich das Geschick und den Erfolg betrachtet, mit dem 
die amerikanischen Methodisten täglich in Deutschland ar- 
beiten der versteht es, daß sie schon vor 30 Jahren öffentlich 
die Zuversicht aussprachen „daß der Sauerteig des Metho- 
dismus das ganze, große, Deutsche Reich durchsäuern werde" 
(Zentral-Deutsche Konferenz der bischöflichen Methodisten 
in Nordamerika, Herbst 1876.) Sollte das allerdings ge- 
schehen daß die vielfach unbeachtete, imposante Macht des 
Methodismus dem trotz vieler Mängel bewährten Charakter 
unserer Kirchen noch den englischen, wesleyanischen Stempel 
aufdrückt, so ist es Gottes Wille, der eine so bedeutende 
Tatsache schafft. Vorläufig aber wollen wir mehr darauf 
sinnen, die Lebenskräfte des Evangeliums, wie sie unserer 
eigenen, deutschen Reformation entquillen, uns immer mehr 
anzueignen und sie immer reichlicher für Geist und Leben 
unserer evangelischen Kirche zu verwerten. 

Eine andere Frage aber ist die, ob wir von den ameri- 
kanischen Brüdern nichts lernen sollen. Warum nicht? 
Man hat uns Deutschen noch nie vorgeworfen, daß wir zu 
abgeschlossen seien, zu abgeneigt, von Ausländern zu lernen. 
Eher das Gegenteil. Auch haben wir ein Auge für eigen- 
tümliche Vorzüge des amerikanischen Christentums. Einst 
sagte Dorner (in der Gesch. der prot. Theologie): „Amerika 
steht noch in seinen theologischen Anfängen, aber die Zu- 
kunft des Protestantismus hängt größtenteils von der Ent- 
wickelung dieses kräftigen Volkes ab, daher die Erhaltung 
und Mehrung des Verkehrs mit dem deutschen Protestan- 
tismus und seinen Gütern von unberechenbarer Bedeutung 



— 112 — 

ist." Im schroffen Gegensatz zu solchem freundschaftlichen 
Geistes aus tausch steht die selbstbewußte Weise, wie die 
amerikanischen Sendboten wünschen, uns nicht nur ihr 
Kirchentum, sondern womöglich auch ihre politische Ver- 
fassung zu bescheren. Dagegen müssen wir protestieren. 
In bezug auf Deutschland haben die Methodisten geweis- 
sagt: „Der ohne Hände vom Berg losgerissene Stein des 
wahrhaft freien Kirchentums und Bürgerstaatstums bewegt 
sich mit göttlicher Allgewalt immer weiter und zermalmt 
alles zu Staub, das sich ihm widersetzen will." Wir aber 
haben weder zu diesem Kirchentum Lust, noch zu der 
amerikanischen Verfassung mit ihren Präsidentenwahlen. 
Wir sind dankbar, daß wir eine Monarchie und erbliches 
Kaisertum haben und bitten Gott, er möge es erhalten und 
segnen. Wir billigen die vom „Christi. Botschafter" an- 
gegriffenen, aber nicht widerlegten Worte H. Krum- 
machers: „Wenn man in Amerika zu sagen pflegt: ,Auch 
in Deutschland wird Staat und Kirche erst auf einen 
grünen Zweig kommen, wenn der Kaiserthron durch einen 
Präsidenten stuhl ersetzt sein und wenn das Landeskirchen- 
tum einem vielgestaltigen Konfessionen- und Sektengewimmel 
Platz gemacht haben wird', — so sage ich nein und aber- 
mals nein und berufe mich für dieses Nein darauf, daß 
Gottes reiche Regierung gerade so gut die deutsche, wie 
die nord amerikanische Geschichte gemacht und daß er der 
deutschen Nation, wie der nordamerikanischen, ihre be- 
rechtigte Eigentümlichkeit gegeben hat, die beide nicht 
wegwerfen dürfen, mit der sie vielmehr als mit einem 
anvertrauten Pfunde wuchern sollen. Wie jeder Mensch, 
so hat auch jedes Volk von Gottes Gnade das Recht, nach 
seiner Fasson zu existieren und sich zu gerieren." (Deutscher 
Volksfreund.) Wir haben keine Ursache, uns nach ameri- 
kanischen Verhältnissen zu sehnen, wo Revivals und Massen- 
meetings nicht imstande sind, ein großes, sittliches Lebens- 
ideal in Familie und Staat hineinzutragen und wo unter 



— 113 — 

den großen und kleinen Denominationen vielfach Krieg ist. 
Selbst in den so glänzend geschilderten Methodistenkirchen 
herrschen hie und da Zustände, die nichts weniger als ideal 
sind. Was würden die Methodisten sagen, wenn wir täten, 
was sie tun, d. h. wenn wir in kranke Distrikte ihres Un- 
geheuern Kirchengebietes unsere Missionare schickten? 
Darum bleibe ich bei dem Grundsatz, den einst Grunde- 
mann aufgestellt hat: „Alles Missionieren auswärtiger De- 
nominationen in einem evangelischen Lande, in dem das 
lebendige Christentum noch wirksam ist, können wir nur 
mißbilligen." (Allgem. Missions-Zeitschr. Febr. 1875.) Gegen- 
teilig urteilt freilieh Prof. Dr. Lepsius, wenn er (bei der 
Berliner Pastoralkonferenz im Juni 1904) den Freikirchen 
das Recht zuspricht, innerhalb der deutschen Landeskirchen 
ihre Mission zu treiben. Allein seine Begründung genügt 
nicht. Er sagt: „Die deutschen Freikirchen pflegen ihr 
eigenes Kirchentum und haben dieselben Vorzüge, wie 
unsere Landeskirchen: geschichtliche Grundlage, kirchliche 
Erziehung, theologische Schulung, volkstümliche Organisation, 
stetige, besonnene Leitung, die sich auf der Erfahrung von 
Generationen aufbaut." (Evst. 1906, No. 1.) Haben die 
Freikirchen nur dieselben Vorzüge, wie die Landeskirchen, 
wozu dann ihre Arbeit in denselben? Es müßte vielmehr 
nachgewiesen werden, daß die Freikirchen in jeder Hinsicht 
besser sind, wenn sie mit Recht zu den Landeskirchen sagen 
sollen: Öte toi que je m'y mette. Wir freuen uns über 
die reich ausgestattete und opferwillig arbeitende Heiden- 
mission der Methodisten. Die drei Missionsgesellschaften der 
Bischöflichen Kirche brachten 1904 zehn Millionen Mark 
auf (Evst. 1905, Nb. 50). Aber auch solche Arbeit ist nur 
ein schwacher Lichtstrahl gegenüber der Ungeheuern Nacht 
des Heidentums. Unter den Heiden haben freilich die 
so gering geschätzten, deutschen Volkskirchen keinerlei 
Vorarbeit getan. Dort ist die Arbeit doch noch dornen- 
voller, als die Tätigkeit am Rhein, in Sachsen oder Württem- 

o 
Jüngst, Methodismus. 3. Aufl. ° 



— 114 — 

berg. Aber sie wäre nötiger. Denn es ist nicht so, als 
ob die Methodisten bei uns vorwiegend unter den religiös 
und sittlich verwildertsten Volksklassen Mission trieben. 
Gar zu nahe liegt ihren Boten die Versuchung, sich immer 
wieder an die schon innerhalb der Kirche zu einem tieferen, 
religiösen Leben erweckten Kreise und Personen zu wenden. 
Denn hier gewinnen sie doch am schnellsten ihre Kirchen- 
glieder. Auch manchen deutschen Landsleuten und Kirchen- 
brüdern drüben ist das längst aufgefallen. Ein Teil von 
ihnen hat sich zu der blühenden „ Deutschen evangel. Synode 
von Nordamerika" vereinigt. Deren theologische Zeitschrift 
(St. Charles Mo., S. 164) schrieb schon 1879: „Wenn in 
Deutschland eine solche Verstimmung gegen die Methodisten 
vorherrschend ist, so hat dies allein seinen Grund in der 
(wir wollen uns milde ausdrücken) Rücksichtslosigkeit, mit 
der sie der deutschen Kirche gerade diejenigen Kräfte zu 
entziehen lieben, die derselben zu ihrer eigenen Belebung 
behilflich sein könnten." Schon aus diesem Grunde war 
es bedenklich, daß Prof. Christlieb (bei der Allianz zu New 
York 1874)vLhre Arbeit in Deutschland unter gewissen, sub- 
jektiv dehnbaren Bedingungen willkommen hieß. Wir 
dürfen doch nicht vergessen, daß alle Protestanten Rom 
gegenüber Eintracht üben und sich nicht gegenseitig die 
Seelen abjagen sollten. In Roms Augen macht es einen 
kläglichen und doch erfreulichen Eindruck, wie eine evan- 
gelische Kirche innerhalb der andern eine Mission betreibt, 
wie evangelische Christen sich gegenseitig als Heiden be- 
trachten und behandeln. Ein rechter Katholik ist freilich 
überall erst römisch und darnach eventuell deutsch, englisch 
usw. Aber Evangelische halten dafür, daß die persönliche 
Eigenart eine Gottesgabe ist, die wir nicht zertreten, sondern 
reinigen, weihen, verklären sollen. So war es bei den 
Aposteln, so ist es bei allen Christen, so auch bei den ver- 
schiedenen evangelischen Kirchen der Erde. Ihren An- 
spruch auf maß volle Bewahrung ihrer nationalen Individualität 



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sollen wir nicht verachten. Gegenüber dem internationalen 
Rom ist es gerade ein Vorzug, wenn evangelische Kirchen 
bis zu einem gewissen Grade ihrem Volke auf den Leib 
geschnitten sind. Wer das erkennt, wird sein eigenes 
Kirchentum mit seiner nationalen Eigenart und Färbung 
nicht einem andern Volk aufdrängen. Das gilt sogar den 
Heiden gegenüber. Selbst in der englischen Mission unter 
den Schwarzen Afrikas bricht sich die Erkenntnis Bahn, 
daß es lediglich gilt, sie zu Christus zu führen und zwar 
unter Anknüpfung und schonender Bewahrung ihrer irgend- 
wie berechtigten Eigenart und daß es ein Fehler war, sie 
erst für Christen zu erachten, wenn sie das ganze Common 
Prayer Book und die schwierige Liturgie des englischen 
Volkes erlernt hätten, die doch auf dem Boden einer ganz 
fremdartigen Nationalität und aus einer so völlig verschie- 
denen Geschichte und Kulturstufe erwachsen ist. Ein noch 
größerer Fehler ist es, erst das Christentum solcher Deutschen 
für genügend und gesichert zu erklären, welche aus ihrer 
Landeskirche in eine Methodistenkirche übergetreten sind. 
Freilich liegt das dahingehende Trachten dem Metho- 
dismus von Anfang an im Blut. Unvergessen ist ihm 
Wesleys Wort: „Die ganze Welt ist meine Pfarrei." Welt- 
mission ist noch heute seine Losung. „Die Kirche hat 
ihren Charakter als Missionskirche bis heute bewahrt." 
(Evst. 1905, No. 50.) Und so stehen wir vor der Tatsache, 
daß die methodistische Propaganda auch unter den Pro- 
testanten Deutschlands sich in aufsteigender Linie bewegt. 
Forschen wir nach den Ursachen, so durften wir schon 
hinweisen auf das unermüdliche, kühne, praktische und 
geschickte Werben der Sendboten. Sodann hat der Metho- 
dismus den Vorzug einer religiösen Einfachheit. So hat 
einst die Reformation unzählige, deutsche Herzen gewonnen 
durch die Beschränkung auf Luthers schlichte, große Grund- 
frage: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?" Auch 
Wesleys Jünger legen den zu Gewinnenden nicht sofort eine 

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Reihe kirchlicher Lehrsätze vor. Noch immer verlangen sie 
nichts, als „ein aufrichtiges Verlangen, dem zukünftigen 
Zorn zu entrinnen" Freilich liegt schon in diesen Ur- 
sätzen eine Verschiedenheit: bei Luther die zu gewinnende 
Gnade, bei Wesley der gefürchtete Zorn. Sodann fördert 
bei den Kindern unserer Zeit auch das den Erfolg des 
Methodismus, daß die Art seines Vorgehens mehr seelisch- 
religiös, als lehrhaft ist. Brennt dann in einem Herzen das 
Glaubensfeuer, so übernimmt kraft der Kirchenordnung eine 
praktische Seelsorge sofort die Aufgabe, es zu nähren und 
zu pflegen. In den „Klassen" erhält jede Individualität 
ihr Recht, aber auch ihre kirchliche Schulung. 

Der Methodismus ist für alle Briten ein Segen ge- 
worden, obschon er aus der Kirche Englands ausschied. 
Die ungemein gewachsene Zahl seiner Mitglieder hat ihn 
aber gezwungen, sich selbst zu verkirchlichen und hat ihn 
so näher herangerückt an die Gestaltung einer Volkskirche. 
Damit steht er freilich vor einer schwierigen Aufgabe. Ur- 
sprünglich wollte er doch lediglich Gemeinschaft sein und 
geistliche Gemeinschaft pflegen. Es ist schwierig, zugleich 
eine große Kirche von vielen Millionen zu sein. Im vollen 
Sinne kann eine große Kirche keine „Gemeinschaft" sein 
und umgekehrt. Wohl aber kann eine Gemeinschaftspflege, 
die in der Kirche weilt und Hand in Hand mit ihr wirkt, 
ein belebendes Salz für sie werden. Ihrerseits kann die 
Gemeinschaft aus dem weitherzigeren, nüchterneren Leben 
der Kirche frische Antriebe empfangen, die sie bewahren 
vor Schwärmerei und vor konventikelartiger Starrheit und 
Enge. Jedenfalls ist es bis jetzt keiner Kirche annähernd 
wie dem Methodismus gelungen, die Wärme und Sitten- 
strenge kleiner Gemeinschaftskreise (Klassen) allen Gemeinde- 
gliedern zugängig zu machen und diese Gemeinschaften 
dem Leben der Kirche fest und organisch einzugliedern. 

Nur noch weniges sei andeutend erwähnt, um das be- 
deutende Anwachsen des Methodismus, auch in Deutschland, 



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verständlicher zu machen. Zunächst erinnere ich an den 
kleinen Raum und die verhältnismäßige Schlichtheit der 
Dogmen gegenüber der Sittenlehre und den Anordnungen 
für praktische Seelsorge, Verwaltung und Verfassung. So- 
dann ist die Behandlung des sittlichen Gebietes dadurch 
so geschickt für die verschiedensten Bedürfnisse eingerichtet, 
daß gleichzeitig die alltägliche Lebenspraxis, wie das höchste 
Ideal, umspannt wird. Greifbar für den gemeinen Mann 
ist die praktische Forderung, daß der Christ sich fern 
halten muß von Alkohol, Tabak, Spiel, Tanz und Theater. 
Anderseits aber reicht die Vollkommenheitslehre in so un- 
absehbare Höhen, daß auch die Gefördertsten in der Be- 
friedigung höchster Ansprüche ihr subjektives Genüge 
finden. Endlich erwähne ich einen Punkt, auf den in feiner 
Ausführung schon der entschlafene Dr. Chr. Palmer auf- 
merksam gemacht hat. Er stellt zunächst fest, daß unsere 
heutige, kirchliche Predigtweise im ganzen einen geistigen, 
gedankenmäßigen Charakter hat. Aber gerade das ist es, 
was der Masse des Volkes vierfach nicht zusagt. Sie wünscht 
massiveren Stoff, um religiös angeregt zu werden. Ver- 
möge eines gewissen catholicismus naturalis liegt ihr viel 
weniger an geistig durchdachter Wahrheit, als an starken, 
mehr oder weniger sinnlichen Eindrücken. Dieses Bedürfnis 
fand sie befriedigt bei den Straf- und Bußpredigten der 
alten Zeit. Unser Gewissen erlaubt uns nicht mehr, den 
Ton dieser alten, die Hölle heißmachenden Predigten anzu- 
schlagen. Aber diesen Ton verstehen die Sektierer und — 
so füge ich hinzu — auch die Methodisten. Das ist derbe 
Kost, die den Leuten wenig zu denken zumutet. Von 
diesem Punkte aus droht der Riß immer stärker zu werden. 
Was ist zu tun? Palmer sagt: „Die wissenschaftlich er- 
kannte Wahrheit zu verleugnen, nur um den Sektierern 
den Rang abzulaufen, dazu wird sich kein evangelischer 
Prediger erniedrigen. Es bleibt nur übrig, nach bestem 
Wissen und Gewissen und mit der ganzen Wärme eines 



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lebendig religiösen Herzens die einfache, evangelische Wahr- 
heit zu predigen, insbesondere schon in der Katechese und 
im Konfirmandenunterricht auf das Eine, was not ist, auf 
den Kern der Heilslehre, der ein wesentlich sittlicher ist, 
hinzuweisen, so daß sich wenigstens eine kleinere Gemeinde 
von solchen bildet und sammelt, die das Echte vom Unechten, 
das Ewige vom Vergänglichen, das Göttliche vom Mensch- 
lichen zu unterscheiden wissen. Es mag wohl sein, daß 
diese mit der Zeit zur Minorität wird und die Majorität, wo 
sie nicht ganz irreligiös ist, den Sektierern zur Beute wird; 
gleichwohl gehört auch das zum evangelischen Glauben, daß 
wir am Bestand und Sieg der Wahrheit gegenüber von 
allen feindlichen Mächten, auch vom frommen Wahn, nicht 
zweifeln; jene vielleicht kleine Herde wahrhaft erleuchteter 
Menschen wird dennoch die Kirche sein, die des Schutzes 
ihres Herrn gewiß ist." Palmer schreibt diese Worte am 
Schluß seiner Monographie über etwa 16 außerkirchliche, 
religiöse Gemeinschaften in dem kleinen Württemberg und 
es klingt uns etwas aus ihnen entgegen, wie ein Ton der 
Wehmut, <J a ß der Schaden so groß ist. Seitdem nun Palmer 
am 29. Mai 1875 die Augen schloß, macht sich in der kirch- 
lichen Predigtweise mehrfach ein frischerer Hauch bemerkbar. 
Orthodoxe wie liberale Prediger ringen nicht mehr lediglich 
nach ruhiger Abklärung und wissenschaftlicher Form- 
vollendung des Ausdrucks, sondern greifen mit der einen 
Hand in die Schrift und mit der andern in das Leben der 
Gegenwart, um diese beiden, ein jeder in seiner Weise, in 
eine lebendige Wechselbeziehung zu bringen. Die Sprach- 
weise ist mehrfach packender, frischer, man könnte viel- 
leicht sagen, realistischer geworden. Anderseits sind die 
Methodistenprediger darauf bedacht, inhaltlich von dem 
einen Mittelpunkt aus die ganze Peripherie des Menschen- 
lebens zu beleuchten und nicht lediglich bei dem engen 
Kreisausschnitt von Buße und Bekehrung zu verweilen. 
Auch streben sie vielfach eine edlere Aus drucks weise an. 



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Aber in der Hauptsache wird der von Palmer angedeutete 
Gegensatz bleiben. Bei der großen Menge wird der derbe 
Ton eines methodistischen Laienpredigers leicht den größeren 
Beifall ernten. Auf diesen Ton aber kann ein theologisch 
geschulter Prediger der Landeskirche, auch bei der packend- 
sten Sprache, seine Hede nicht herabstimmen. 

So ist denn auch nach dieser Richtung hin ein ferneres 
Wachsen der methodistischen Propaganda in Deutschland 
zu erwarten. Diese Tatsache mag ja einzelnen ein Anlaß 
werden zu einer wachsenden Verzagtheit beim Blick auf 
die Lage der Landeskirche, zu einem noch intensiveren 
Kirchenschmerz. Auch an solchen wird es, wie bisher, nicht 
fehlen, welche in Amerikas kirchlichen Verhältnissen das 
Eldorado sehen und das Freikirchentum als das unvermeid- 
liche, ja wünschenswerte Ziel unserer Entwickelung dar- 
stellen. Dessen sind wir zwar sicher, daß das Evangelium 
nicht gebunden ist an diese oder jene kirchliche Form, 
sind auch bereit, wirkliche Vorzüge der Freikirche anzuer- 
kennen. Aber unsere Landeskirche ist mit deutschem Leben 
und deutscher Sitte in so zahlreichen Adern verwachsen, 
daß unser Volksleben aus tausend Wunden bluten würde, 
wollten wir sie ihm kaltherzig nehmen und an ihre Stelle 
ein auswärtig gewachsenes Freikirchentum setzen. Es ist 
leicht, Schäden an der Landeskirche aufzudecken und zu 
tadeln, aber es ist edel, sie zu heilen. Wenn jemals unsere 
Volkskirche treuer Liebe bedurft hat, so ist es heute der 
Fall, wo sie vielfach gleich ist einer von rechts und links 
geschlagenen Magd. Ich denke an Luther. Er hat die 
Unvollkommenheit, die Not und den Kampf der Kirche 
unendlich mehr erfahren, als wir. Aber er hat sich nicht 
von ihr zurückgezogen, sondern hat gearbeitet, hat ihr sein 
Gebet, sein Herz, sein Leben geweiht und ihr das Siegeslied 
gesungen von der festen Burg.